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Informatik:Zum Verwechseln ähnlich

In München leben immer mehr Menschen. Das stellt die Verwaltung vor der Herausforderungen

Gerät diese Menschenmenge in Bewegung, kann sie - als Punkte dargestellt - von führenden Computersimulationen täuschend echt imitiert werden.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Moderne Computersimulationen können die Dynamik von Menschenmassen täuschend echt nachahmen. Manche Betrachter erkennen zwar Unterschiede - sie wissen aber nicht, was Realität und was Simulation ist.

Von Julian Rodemann

Die winzigen Punkte schwirren zufällig im Raum umher. Berühren sie sich, stecken sie sich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit mit dem Coronavirus an. Derlei Simulationen gingen in den vergangenen Monaten um die Welt, eine solche Visualisierung wurde zum meistgelesenen Beitrag in der Geschichte der Washington Post. Wissenschaftler arbeiten schon lange mit solchen Computer-Simulationen. Doch wie nahe kommen sie der Realität? Der Informatik-Doktorand Jamie Webster und sein Professor Martyn Amos haben soeben herausgefunden, dass menschliche Betrachter moderne Simulationen und echte Menschenmengen praktisch nicht mehr auseinanderhalten können. Ihre Studie erschien an diesem Mittwoch im Fachmagazin Royal Society Open Science. Die Ergebnisse überraschen auch deshalb, weil vor einigen Jahren Probanden durchaus noch in der Lage waren, damals vorherrschende Computermodelle zu enttarnen.

Jede Videosequenz zeigt die Bewegung einer echten und einer simulierten Menschenmenge. Finden Sie die echte? Auflösung am Ende des Artikels.

Es gibt viele Möglichkeiten, echte Menschentrauben von künstlich erzeugten zu unterscheiden. Oft werden Messwerte verglichen, also zum Beispiel die durchschnittliche Geschwindigkeit der Personen oder die Anzahl an Zusammenstößen in einem bestimmten Zeitraum. Algorithmen können entsprechend angepasst werden, Simulation und Realität rücken näher zusammen - wie nahe, das wollten Webster und Amos herausfinden. Die Informatiker griffen dazu auf den legendären Turing-Test zurück, benannt nach Informatik-Übervater Alan Turing. Dieser schlug 1950 vor, Menschen abwechselnd mit Computern und anderen Menschen chatten zu lassen. Wenn die Probanden keinen Unterschied mehr feststellten, so sei die Maschine - in diesem Fall der Chatbot - den Menschen ebenbürtig.

Mehr als 35 Prozent verwechselten in jedem Test Simulation und Realität

Mit den Menschenmassen wurde ähnlich verfahren: die britischen Forscher zeigten ihren Probanden Videos, in denen gelbe Punkte sich auf einer Fläche scheinbar zufällig hin- und herbewegen. Dabei schwirren einige zielstrebig auf ein Ziel zu, andere mäandern scheinbar wahllos umher. Die Studienteilnehmer sahen sechs Mal jeweils zwei dieser Videos gleichzeitig nebeneinander - eines davon zeigte die Bewegungen von Studenten auf einem Universitätscampus, das jeweils andere war eine Computersimulation.

Bei durchschnittlich eineinhalb Paaren lagen die Probanden richtig - ein schlechtes Ergebnis, immerhin wären sie durch bloßes Raten im Schnitt auf drei Erfolge gekommen. Interessanterweise lagen mehr als 35 Prozent der Betrachter immer daneben. Diese Gruppe war also durchaus in der Lage, einen Unterschied in den Bewegungen der Punkte zu erkennen. Sie verwechselten jedoch Realität und Simulation. Die Wissenschaftler schließen daraus, dass viele Menschen bestimmte Vorstellungen von Menschenansammlungen haben, die in der Realität nicht unbedingt zutreffen. Von Computern erzeugte Menschenmengen stimmen offenbar eher mit dieser Vorstellung überein.

Auflösung: Die Videos A, A, B, A, B, B (in dieser Reihenfolge) zeigen das Verhalten einer echten Menschenmenge.

© SZ/pai
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