Cern Leitende Wissenschaftler treten wegen Neutrino-Daten zurück

Hätten die Forscher am Cern ihre Daten nicht veröffentlichen sollen, weil es überlichtschnelle Neutrinos eigentlich nicht geben kann? Der Streit um diese Frage hat dazu geführt, dass der Sprecher des Opera-Experiments und einer seiner Kollegen ihre Posten aufgegeben haben.

Was tut man als seriöser Wissenschaftler, wenn das Ergebnis eines Experiments die Grundfesten der modernen Physik zu erschüttern scheint? Eine Möglichkeit ist, es der wissenschaftlichen Gemeinde vorzustellen mit der Bitte, die Daten zu überprüfen, zu diskutieren und den Versuch zu wiederholen.

Wann sollten Forscher ihre Ergebnisse der wissenschaftlichen Gemeinde vorstellen? Der Streit um diese Frage hat zum Rücktritt von zwei Wissenschaftlern des "Oscillation Project with Emulsion-Racking Apparatus" (Opera) des Cern und des Gran Sasso National Laboratory (LNGS) geführt.

(Foto: AFP)

Genau dies hatte ein Team von Forschern am Europäischen Kernforschungszentrum (Cern) bei Genf im September 2011 getan. Ihre Versuche schienen darauf hinzudeuten, dass Neutrinos sich schneller bewegen können als das Licht.

Nun hat diese Entscheidung zwei Wissenschaftler ihre Position im Opera-Forschungsteam gekostet.

Könnten Neutrinos tatsächlich mit Überlichtgeschwindigkeit fliegen, so würde Albert Einsteins Relativitätstheorie in Frage gestellt und die moderne Physik in ihren Grundfesten erschüttert. Dementsprechend umstritten waren die Daten unter den Physikern - und schon ihre Veröffentlichung sorgte für Furore.

Ende Februar dann räumten die Wissenschaftler am Cern ein, dass möglicherweise ein Messfehler vorlag, da Fehlerquellen wie ein defektes Glasfaserkabel entdeckt wurden.

Mitte März stellten Forscher der sogenannten Icarus-Gruppe ebenfalls am Cern in einem ähnlichen Experiment fest, dass die Neutrinos, Elementarteilchen mit sehr geringer Masse, sich nicht mit höherer als Lichtgeschwindigkeit fortbewegen.

Zwar sollen im Mai weitere Versuche unternommen werden, die sich mit jenen aus dem vergangenen Jahr vergleichen lassen. Doch zwei Mitglieder des Opera-Teams, die für die Bekanntgabe der ersten Ergebnisse stehen, haben nun Konsequenzen aus den Diskussionen gezogen: Der Sprecher des Opera-Teams, Antonio Ereditato von der Universität Bern hat am 29. März seinen Rücktritt eingereicht. Und einen Tag drauf tat es ihm Dario Autiero vom Institut für Nuklearphysik in Lyon als Projektkoordinator gleich, wie das Wissenschaftsblatt New Scientist berichtet.

Als Grund gaben beide dem Magazin zufolge an, es habe Spannungen innerhalb der Gruppe gegeben. Einige Kollegen waren offenbar nicht glücklich mit dem Umgang mit den Daten. So wurde kritisiert, die Veröffentlichung wäre zu früh erfolgt, man hätte noch warten müssen, bis alle möglichen Fehlerquellen überprüft worden seien.

Die Mitarbeiter des Opera-Experiments stimmten am 28. März darüber ab, ob Ereditato die Gruppe weiter in der Öffentlichkeit vertreten sollte. 55 Prozent, so berichtet New Scientist, waren dagegen. Nicht genug, um den Physiker zu stürzen, aber zu viele, als dass er selbst hätte weitermachen wollen. Als Flucht oder Schwäche will er seinen Rücktritt nicht verstanden wissen. Es ginge ihm darum, dass zu viel interner Streit von den wissenschaftlichen Zielen und den Herausforderungen der Experimente ablenken könnte.

Die Entscheidung, die Ergebnisse im vergangenen Jahr zu veröffentlichen, rechtfertigte sein Kollege Autiero damit, dass sie bereits über Blogs verbreitet wurden und sich nicht mehr verbergen ließen. Außerdem, so stellte Ereditato dem Fachblatt zufolge fest, sei es der übliche Weg, die wissenschaftliche Gemeinde die Ergebnisse bewerten zu lassen. "Sogar wenn sie besonders unerwartet und 'unbequem' sind, müssen sie öffentlich gemacht werden und eine genaue Prüfung nach sich ziehen", so Ereditato. Er oder seine Kollegen hätten auch niemals von einer "Entdeckung" oder von endgültigen Ergebnissen gesprochen.

Das Opera-Team hatte die Geschwindigkeit von Neutrinos gemessen, die am Teilchenbeschleuniger am Cern erzeugt wurden und eine Entfernung von 730 Kilometern bis zu einem Detektor im Gran-Saso-Massiv in den italienischen Abruzzen zurücklegten.