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Botanik:Mimose in Narkose

Nicht nur Menschen und Tiere, auch Pflanzen können betäubt werden. Setzt man sie Narkosemitteln aus, klappen Mimosen ihre Blätter nicht mehr ein. Venusfliegenfallen fangen keine Insekten mehr und die Samen von Kresse schlafen anstatt zu keimen.

Von Tina Baier

Betäubungsmittel wirken nicht nur auf Menschen und Tiere, sondern überraschenderweise auch auf Pflanzen. Die Gewächse fallen in einen narkoseähnlichen Zustand, wenn sie mit Anästhetika wie Diethylether oder Xenon behandelt werden, berichten Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Annals of Botany. Die Botaniker begasten Mimosen, die ihre Blätter normalerweise bei der geringsten Berührung einklappen, eine Stunde lang mit Ether. Danach konnten sie die Pflanzen ausgiebig mit einem Pinsel kitzeln - die Gewächse zeigten keinerlei Reaktion und brauchten sieben Stunden, um sich von ihrer Narkose zu erholen. Fleischfressenden Venusfliegenfallen, die ihre fangeisenartigen Blätter innerhalb von nur 100 Millisekunden zuschnappen lassen, wenn ein Insekt sie berührt, erging es nicht besser. Die Etherbehandlung machte sie bewegungsunfähig. Allerdings erholten sie sich schneller und waren bereits nach 15 Minuten wieder fit. Auf ähnliche Weise betäubten die Botaniker den Kap-Sonnentau, der seine Opfer normalerweise mit Tentakeln umschlingt und verdaut, bis nur noch der Chitinpanzer übrig bleibt.

Gewächse haben keine Nerven. Warum also können sie trotzdem betäubt werden?

Die Forscher testeten verschiedene Narkosemittel an mehreren Pflanzen. Das Ergebnis war stets das selbe. Sogar Samen reagierten: Gartenkresse keimte nicht, solange sie Ether, Xenon oder Lidocain, das in der Humanmedizin als örtliches Betäubungsmittel eingesetzt wird, ausgesetzt war. Beim Menschen greifen all diese Betäubungsmittel an den Nervenzellen an. Ether etwa verhindert den Austausch von Signalen, und Lidocain blockiert einen Kanal in der Zellmembran. Doch Pflanzen haben keine Nerven. Warum die Narkosemittel dennoch eine ähnliche Wirkung auf die Gewächse haben, können die Botaniker noch nicht erklären.

© SZ vom 12.12.2017
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