bedeckt München 23°
vgwortpixel

Biologie:Flackern im Schweinehirn

Wiederbelebtes Schweinehirn

Links ein unbehandeltes Gehirn, rechts in Nährsuppe gebadet: Grün leuchtende Neurone zeigen Aktivität.

(Foto: Stefano G. Daniele & Zvonimir Vrselja; Sestan Laboratory; Yale School of Medicine)
  • Wissenschaftler holten sich Schweineköpfe von Schlachthöfen, operierten die Gehirne heraus und schlossen sie an eine Maschine an, die eine Art Kunstblut durch die Organe pumpte.
  • Bei 32 dieser Gehirne haben die Forscher gelegentlich "synaptische Aktivitäten" gemessen.
  • Doch es gibt Zweifel an der Bedeutsamkeit dieser Untersuchung.

Das Wissenschaftsjournal Nature feiert ein eigenes Auferstehungsfest. Mit einem umfangreichem Informationspaket preist das Journal eine Studie in seiner aktuellen Ausgabe an, die einfache Hirnfunktionen in Schweinegehirnen Stunden nach deren Tod nachgewiesen haben will. Ein frühösterliches Wunder?

Wissenschaftler um den Hirnforscher Nenad Sestan von der Yale School of Medicine holten sich Schweineköpfe von Schlachthöfen, operierten die Gehirne heraus und schlossen sie an eine Maschine namens BrainEx an. Das Gerät pumpe eine Art Kunstblut durch die Organe. Bei 32 der so perfundierten Gehirne wollen die Forscher Lebenszeichen beobachtet haben. Sauerstoffversorgung und Energiehaushalt hätten sich verbessert, berichten sie. Die Hirnstruktur sei teilweise stabil geblieben, das Sterben von Nervenzellen habe sich verlangsamt, gelegentlich seien sogar "synaptische Aktivitäten" gemessen worden.

Biologie Die Basis des Mitgefühls
Wissen

Die Basis des Mitgefühls

Eine neue Studie stützt die Theorie, dass Spiegelneuronen im Gehirn von Tieren und Menschen die physische Grundlage für Empathie sind. Die Kritiker dieser populären These bleiben dennoch skeptisch.   Von Katrin Blawat

Was die Forscher bislang nicht nachweisen konnten: Eine messbare globale Nervenaktivität, also eine Funktion des Gehirns als Ganzes. Zwar brachten sie Elektroden auf den Organen an, um eine etwaige Netzwerkaktivität zu messen - doch es gab kein Signal. So sollte es auch sein, denn Sestan und seine Kollegen hatten die Nervenaktivität absichtlich durch Chemikalien unterdrückt. Eine Untersuchung ohne diese Blocker war durch die Ethikkommission untersagt worden.

Es bleibt also offen, ob die Gehirne wiederbelebt werden konnten, oder nur ein Nervenflackern und verlangsamten Verfall zeigten. Die Forscher betonen selbst, dass man die beobachteten molekularen und zellulären Prozesse nicht mit normaler Hirnfunktion verwechseln sollte. "Im Gegenteil: Zu keinem Zeitpunkt haben wir organisierte, umfassende elektrische Aktivität beobachtet, die auf Bewusstsein, Wahrnehmung oder andere höhere Hirnfunktionen hinweisen würden."

In zwei Begleittexten in Nature warnen Kommentatoren jedoch bereits davor, dass die Methode die Debatte um Hirntoddefinitionen und den richtigen Zeitpunkt für die Entnahme von Spenderorganen erneut entfachen sollte, da es bei Fortschreiten dieser Entwicklung möglich werden könnte, ein scheinbar totes Gehirn wieder ins Leben zu holen. Solche Überlegungen erscheinen vielen Experten jedoch eindeutig voreilig: "Kurz zusammengefasst: Die Ergebnisse dieser Studie haben keinerlei Implikationen für eine Reanimation beim Menschen", sagt etwa Ulrich Dirnagl, Direktor der Abteilung Experimentelle Neurologie an der Charité in Berlin. "Es ist erstaunlich, dass dieser Artikel den Review-Prozess überstanden hat."

Der Text habe seiner Meinung nach zwei Hauptmängel: "Erstens präsentiert er nichts wirklich Neues und zweitens ist die Behauptung, diese Studie präsentiere einen Schritt in Richtung Wiederherstellung von Hirnfunktion nach längerer Unterbrechung der Hirndurchblutung, nicht nur übertrieben, sondern schlichtweg falsch." Deshalb kann er derzeit keine neuen ethischen Probleme erkennen, die durch das Paper aufgeworfen werden könnten. Die Arbeit sei zwar methodisch sauber, doch löse sie kein Problem und bringe die Wissenschaft nicht weiter. "Schade, dass so was dann weltweit Aufmerksamkeit auf sich zieht und tiefschürfende, aber unbegründete Diskussionen auslöst."