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Neurowissenschaft:Warum es beim Blinzeln nicht dunkel wird

  • Obwohl Menschen blinzeln und ihren Kopf bewegen, laufen die Szenen vor dem Auge in der eigenen Wahrnehmung störungsfrei weiter.
  • Neurowissenschaftler konnten beweisen, dass im mittleren präfrontalen Kortex überflüssige Informationen aussortiert und durch frühere Erinnerungen ersetzt werden.
  • Damit sind höhere kognitive Prozesse im Gehirn weniger stark voneinander getrennt, als bisher angenommen wurde.

Vor dem menschlichen Auge wird es täglich etwa 11 520 Mal komplett dunkel. Spätestens alle fünf Sekunden muss der Mensch blinzeln. Aber in der eigenen Wahrnehmung laufen die Szenen vor dem Auge trotzdem störungsfrei weiter. So schnell es passiert, scheint das Blinzeln wieder vergessen - dass es kurz dunkel wird, kriegt niemand mit.

Der Grund dafür liegt im mittleren präfrontalen Kortex, dem Bereich im Gehirn, in dem das Kurzzeitgedächtnis verortet ist und in dem Entscheidungen getroffen werden. Das zeigt eine Studie im Fachmagazin Current Biology. Damit sind höhere kognitive Prozesse im Gehirn weniger stark voneinander getrennt, als bisher angenommen wurde. Um zu verstehen, wie visuelle Wahrnehmungen und das Gedächtnis zusammenarbeiten, haben Neurowissenschaftler um Caspar Schwiedrzik vom Deutschen Primatenzentrum Epilepsiepatienten untersucht.

Eine Gruppe von Probanden schaute dazu zwei Bilder mit je unterschiedlich angeordneten Punktegittern an. Die Patienten wurden anschließend gefragt, ob die Punkte eher horizontal oder vertikal angeordnet waren. "In unserer Studie war es so, dass wir Bilder genommen haben, die mehrdeutig sind. Dadurch ist man dazu gezwungen, die Vorinformationen zu benutzen, um die Bilder zu interpretieren", erklärt Caspar Schwiedrzik. Es zeigte sich, dass sich die meisten Probanden für dieselbe Antwort wie beim ersten Bild entschieden. Nur eine Patientin konnte die Aufgabe nicht lösen. Wegen ihrer Epilepsie-Erkrankung waren ihr in der Vergangenheit Teile des präfrontalen Kortex entfernt worden. Bei allen anderen Patienten wurden in dieser Gehirnregion während des Experiments Nervenzellen aktiv. Das konnten die Neurowissenschaftler anhand von Elektroden messen, die den Probanden bereits zuvor implantiert worden waren, um ihre Epilepsie zu behandeln.

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Das Experiment lieferte den Beweis dafür, dass im Gehirn alte und neue Informationen unbewusst abgeglichen werden, um ein stabiles Bild vom aktuellen Geschehen zu behalten. Irrelevante Informationen, wie zum Beispiel das Blinzeln oder Drehen des Kopfes, werden dabei aussortiert und durch frühere Erinnerungen ersetzt. Dieser Gedächtniseffekt kann bei der Orientierung nützlich sein. Setzt beispielsweise draußen die Dämmerung ein und die Sicht wird schlechter, ist derjenige im Vorteil, der auf früheres Wissen zurückgreifen und es mit den neuen Bildern vor Augen kombinieren kann.

Der Gedächtniseffekt beeinflusst auch, mit was für einer Erwartungshaltung neue Eindrücke interpretiert werden. Deshalb nehmen Menschen, wenn sie einen fröhlichen Gesichtsausdruck sehen, in dem nächsten Gesicht eher eine ähnliche Emotion war. Informationen, die mit dem Vorwissen übereinstimmen, kann das Gehirn besser und schneller verarbeiten.

Wenn das eigene Vorwissen bewusst ausgeblendet wird, um neue Informationen gezielt aufzunehmen, werden andere Areale im Gehirn aktiv als beim Gedächtniseffekt. "Aber wie man zwischen beiden Möglichkeiten gezielt hin- und herspringt, das konnten wir noch nicht herausfinden", sagt Schwiedrzik.

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