Bildung Mathe ist reine Einstellungssache

Viele verlieren den Spaß an der Mathematik schon in der Schulzeit.

(Foto: imago stock&people)

Dem Fields-Preisträger Peter Scholze schlug diese Woche so viel Bewunderung entgegen, als sei er ein Alien. Viele haben Berührungsängste mit Mathematik. Das ließe sich ändern.

Kommentar von Patrick Illinger

Peter Scholze, der erst 30 Jahre alte deutsche Mathematiker, löste diese Woche weithin Bewunderung aus. Vielfach war es aber die Bewunderung, die man einem seltsamen Wesen entgegenbringt. Einer Art Alien.

"In Mathe war ich nie gut" - dieser Spruch ist immer wieder von durchaus intelligenten Zeitgenossen zu hören. Oft ist die Aussage jedoch nicht als Eingeständnis eines Makels gemeint, sondern gar als Auszeichnung. Als Merkmal eines vermeintlich sinnlich, kulturell oder sprachlich orientierten Geistes. Man gefällt sich darin, keiner dieser Karohemden-Nerds zu sein, denen man schon in der Schule aus dem Weg gegangen ist.

Dabei ist die weit verbreitete Vorstellung klar getrennter Begabungen oder gar unterschiedlich gebauter Gehirne Unsinn. Ja, es gibt sogenannte Inselbegabungen. Kein Normalmensch wird mit noch so viel Mühe je Schach spielen wie Magnus Carlsen, musizieren wie Kamasi Washington oder sich in "perfektoiden Räumen" bewegen wie der Fields-Preisträger Peter Scholze. Aber jeder, dessen IQ ausreicht, um eine Fremdsprache zu lernen oder ein Geschichtsbuch zu lesen, kann auch Mathe. Auch Albert Einsteins Gehirn hat, als man es in Scheiben schnitt, keine besonderen Areale offenbart. Im Übrigen war er, so wie viele Physiker und Mathematiker, ein hervorragender Musiker, dem Sprachen leicht fielen.

Wer die Skepsis überwindet, kann Erstaunliches erleben

Was ist es bloß, das der Mathematik ihren befremdlichen Ruf verleiht, ihr Image des Unsinnlichen? Wer die Skepsis überwindet und sich hineinfuchst in die Welt der Kreisbögen, Polynome und Integrale, kann Erstaunliches erleben: Es macht nicht nur so viel Spaß wie ein intelligentes Brett- oder Kartenspiel oder das Erlernen eines Musikinstruments. Es spart am Ende auch viel Arbeit. Sind die Grundkonzepte einmal verstanden, bleibt viel Zeit für den Badesee, während die Mitschüler aus dem Sozialkundeseminar noch dicke Bücher wälzen.

Doch vielen Menschen kommt das Selbstvertrauen bereits in der Kindheit abhanden. Nicht selten raubt es einem der Elitismus eines schlechten Lehrers, oder ein vorlauter Angeber aus dem Elektronikkurs. Längst ist zum Beispiel nachgewiesen, dass Mädchen in Mathetests schlechter abschneiden, wenn sie annehmen, qua Geschlecht minderbegabt zu sein. Eine selbsterfüllende Prophezeiung.

Hinzu kommt das in Deutschland besonders ausgeprägte Mathematiker-Image weltfremder Verschrobenheit. In Südeuropa, von Portugal über Italien bis Griechenland, ist das Ansehen der Mint-Fächer (Mathe, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) völlig anders - ebenso wie der Anteil weiblicher Studierender. Mathematik ist eben, wie Kunst oder Französisch, reine Einstellungssache.

Der Spaß daran kann mit Knobeleien im Elternhaus beginnen und sollte natürlich in der Schule nicht enden. "Die Wurzel aus a ist diejenige nicht-negative Zahl, deren Quadrat a ergibt." So beginnt oft die Lektion zum Wurzelziehen - fachlich korrekt, aber abstrakt. Lehrer könnten auch 36 Spielsteine auf einen Tisch schütten und die Schüler bitten, die Steine als Quadrat zu arrangieren. Jene Steine, die dann eine Seite des Quadrats bilden, sind die Wurzel aus 36: sechs Stück. Gibt man den Schülern danach 49 Steine, haben sie das Konzept bereits verinnerlicht - und nicht nur eine abstrakte Definition an der Tafel.

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