Forschungspolitik Einer der profiliertesten deutschen Forschungsmanager muss gehen

Martin Lohse

(Foto: David Ausserhofer / MDC)
  • Martin Lohse, Chef des Max-Delbrück-Centrums für molekulare Medizin in Berlin, gibt sein Amt auf.
  • Anlass sind neue Erkenntnisse über seine Rolle in Ränkespielen um das Berlin Institute of Health (BIH).
  • Das Bundesforschungsministerium hält ein Gutachten zu den Vorgängen streng unter Verschluss.
Von Christina Berndt

Einer der profiliertesten Wissenschaftsmanager Deutschlands gibt seinen Posten auf. Martin Lohse, bisher Vorstand des Berliner Max-Delbrück-Centrums (MDC) und zugleich Vizepräsident der Wissenschaftsakademie Leopoldina, lege seinen Vorstandsposten nieder, teilte das MDC am Mittwochabend mit. Dies geschehe "im besten Einvernehmen" mit dem Bundesforschungsministerium (BMBF). Lohse wolle zurück in die Wissenschaft und "wieder vermehrt Herzerkrankungen erforschen". Ein erstaunliches Ziel für einen, der erst seit drei Jahren Vorstand eines angesehenen Forschungszentrums ist und mit 62 noch produktive Jahre als Wissenschaftslenker vor sich hätte.

So huldvoll sich die Pressemitteilung liest: Hinter Lohses Abgang steckt offenbar mehr als die Sehnsucht nach Laborluft. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung fiel Lohse ein alter Skandal auf die Füße. Anlass für seine Rückkehr in die Forschung sind demnach neue Erkenntnisse über seine Rolle in Ränkespielen um das Berlin Institute of Health (BIH). So berichtete am Mittwochabend auch der Berliner Tagesspiegel.

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Beim BIH (auf Deutsch auch BIG genannt), handelt es sich um eines der ehrgeizigsten Wissenschaftsprojekte seit Jahren. Mit jährlich 75 Millionen Euro allein vom Bund sollte das Institut zu einem "Leuchtturm der Wissenschaft" werden, in dem Ergebnisse der medizinischen Forschung möglichst schnell für Patienten umgesetzt werden. Stolz wurde 2015 verkündet, man habe den Nierenspezialisten Erwin Böttinger aus New York als Leiter des BIH nach Berlin holen können. Die damalige Forschungsministerin Johanna Wanka jubelte. Wenn einer wie Böttinger komme, belege das, dass "Deutschland ein hoch attraktiver Standort für internationale Spitzenforscher" ist.

Doch die Freude wurde bald getrübt. Immer wieder gab es Reibereien im Vorstand des BIH, dem neben Böttinger Größen von Charité und MDC angehörten, unter ihnen Lohse. Aus dem Vorstand gelangten Interna, die Böttinger offenkundig schaden sollten, an die Berliner Presse. Die berichtete ausgiebig über "Zoff" und "Ärger" rund ums BIH. Die Struktur des neuen Instituts beförderte beides. "Es war von Anfang an ein schwieriges Konstrukt", sagt Albert Rupprecht, forschungspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Das zu 90 Prozent vom Bund finanzierte BIH wurde mit seiner Gründung dem MDC und der Charité übergeordnet. Das gefiel nicht jedem.

Die Auseinandersetzungen eskalierten, als Böttinger am BIH erste Positionen besetzte. Es kam sogar zur Klage eines Wissenschaftlers, dessen Bewerbung erfolglos blieb. Böttinger schmiss 2017 hin und wechselte an das Hasso-Plattner-Institut in Potsdam. Er will sich heute nicht zu den Querelen äußern. Seine Stelle wird seither interimsmäßig von den Vorständen von MDC und Charité ausgefüllt. "Das BIH wurde zur Beutegemeinschaft der beiden Institutionen", drückt es ein Insider aus. Relative Ruhe kehrte ein.

Wer gab die Interna an die Presse?

Doch jüngst erhielten Mitarbeiter im BMBF E-Mails, die den Verdacht, damals vertrauliche Informationen durchgestochen zu haben, auf Martin Lohse lenkten. So berichten es mehrere Informanten der SZ. Hatte also Lohse die Interna an die Presse gegeben? Und hatte er den enttäuschten Bewerber animiert zu klagen? Oder sollte nun umgekehrt ihm geschadet werden? Auch Lohse will sich zu all dem nicht äußern. Er sei für eine Stellungnahme nicht erreichbar, teilte das MDC am Donnerstag auf Anfrage mit. Auch das BMBF antwortete bis Redaktionsschluss nicht.

Das Ministerium hat auf die neuen Verdachtsmomente hin ein Gutachten bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG in Auftrag gegeben, um etwaiges Fehlverhalten im Vorstand zu untersuchen. Die Ergebnisse hält es streng unter Verschluss. In zwei eilig einberufenen Aufsichtsratssitzungen in der vergangenen Woche wurde das Gutachten nicht einmal ausgeteilt. Zu brisant seien die Details, hieß es. Erst als sich Tagesspiegel und SZ für die Vorgänge interessierten, kam es plötzlich zum Abgang Lohses.

Dem BMBF kann es jedenfalls nicht recht sein, dass das BIH ausgerechnet jetzt wieder in die Schlagzeilen gerät. Gerade wird an einer neuen Zukunft für das Vorzeigeinstitut gearbeitet: Es soll nun in die Charité integriert werden. Das Konstrukt mag weniger Machtgerangel provozieren als die alte Variante. Kompliziert aber bleibt es: Schließlich wird eine Bundesinstitution in eine Universitätsklinik eingegliedert, die dem Land Berlin gehört. Die Finanzströme könnten schwer zu kontrollieren sein. Im Mai noch sollen die Kultusminister der Länder entscheiden, ob das Realität wird.

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