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Bemannte Raumfahrt:Einbringung ohne Erdanziehung

Die zweite große Herausforderung, die selbst in Houston nicht simuliert werden kann, ist die Schwerelosigkeit. Ohne Erdanziehungskraft folgen die "Einbringungen", wie es die Ausscheidungsexperten formulieren, nicht dem gewohnten Weg. Vielmehr kringeln sie sich, als wären sie Orangenschalen - ein Effekt, den Toilettenforscher während vieler Missionen im Detail untersucht haben. Auch das "Abreißen", noch so ein Nasa-Fachbegriff, funktioniert in der Schwerelosigkeit nicht wie erhofft. Das Weltraum-WC arbeitet daher wie ein Industriestaubsauger, dessen Luftstrom die Aufgabe der Anziehungskraft übernimmt. Er sorgt für gute Abrisse und somit für saubere Geschäfte.

Apolli 10 Crew

"Wer war das?" Die Astronauten der Apollo-10-Mission: Eugene Cernan, Thomas Stafford und John Young (von links) umrundeten mit ihrem Raumschiff den Mond. Dabei entdeckten sie ein unangenehmes Flugobjekt im Inneren ihrer Kapsel. Woher es stammte, ließ sich nicht eindeutig klären - immerhin nahmen die Männer das Malheur mit Humor.

(Foto: Nasa)

Mary Roach, das macht die große Stärke ihres Buches aus, ist sich dabei nicht zu schade, tief in den unangenehmen Details zu stochern. So erfährt der Leser, dass das System alles andere als perfekt funktioniert. Mitunter kommt es demnach vor, dass die "Einbringungen" wie Popcorn im Luftstrom der Toilette tänzeln. Schließt der Astronaut just in jenem Moment den Schieber, der die Toilettenöffnung versiegeln soll, droht eine "Fäkal-Enthauptung", so der Nasa-Fachbegriff. Die Folge: Das Weltraum-WC wird an seiner Oberseite verschmutzt. Einer der Toiletteningenieure meint dazu: "Das wird ihnen stinken."

Roach, eine gelernte Psychologin, liebt es, die bizarren, mitunter peinlichen Aspekte der menschlichen Existenz auszuloten. In ihren anderen Büchern hat sie bereits die wissenschaftlichen Abgründe der Pathologie und des Sex ergründet - präzise und erfrischend respektlos. Mit der gleichen Hingabe widmet sie sich nun der Raumfahrt, wobei ihr Buch keine große Geschichte erzählt, sondern eher eine Nummernrevue ist, eine Ansammlung von Anekdoten und Wissenshäppchen für die nächste Cocktailparty.

Dass es nicht komplett zerfällt, dafür sorgen Roachs Neugier und ihre plastischen Schilderungen aus der weiten Welt der Raumfahrt. In Japan beobachtet die Journalistin zum Beispiel, wie Astronautenkandidaten unter Zeitdruck tausend Origami-Kraniche falten müssen. Die Qualität der Faltkunst, vor allem aber deren Entwicklung im Laufe der Zeit, fließt in das psychologische Profil der potentiellen Raumfahrer ein.

In der Kantine des Ames-Forschungszentrums der Nasa im kalifornischen Mountain View trinkt sie zusammen mit ihrem Gesprächspartner Urin - gefiltert und entsalzt mit den gleichen Methoden wie auf der Internationalen Raumstation. Roachs Urteil: "Klar und süß, in Richtung Maissirup". Doch selbst dort, in den heiligen Hallen der Nasa, zieht sie die entsetzten Blicke der anderen Angestellten auf sich. "Eines der Dinge, die ich an der bemannten Erforschung des Weltraums liebe, ist, dass sie die Menschen zwingt, bestimmte Vorstellungen darüber zu überdenken und zu hinterfragen, was akzeptabel ist und was nicht", schreibt Mary Roach.