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"Bad Science":Es geht nicht nur um Lügen

Ein kurzes Kapitel zählt einige sozialpsychologisch gut belegte kognitive Täuschungen auf. Ein anderes erläutert statistische Fehlschlüsse am Beispiel journalistischer Enten und medizinisch-strafrechtlicher Fehlentscheidungen der vergangenen Jahre.

Und das Kapitel zur pharmazeutischen Industrie enthält eine wunderschöne kleine Zusammenstellung statistischer und Verfahrens-Tricks, mit denen, mal opportunistisch, mal eher verzweifelt, Resultate von Arzneimittel-Studien geschönt werden.

Was nun noch fehlt, ist, dass sich einige deutsche Verlagsmitarbeiter einmal zusammenreißen und ihren Wettbewerb um die dreisteste und dümmste Sinnentstellung im Titel eines übersetzten Sachbuches beenden.

Es lässt sich damit leben, wenn, anders als im Original, eine deutschsprachige Sachbuch-Übersetzung vierhundert Textseiten ohne Kopfzeilen oder Register enthält; es ist auch noch zu verkraften, dass ein paar hilfreiche Literaturempfehlungen aus Anhang und Fußnoten von "Bad Science" nicht mehr auftauchen; für manchen vielleicht auch, dass kommentarlos zwei Kapitel entsorgt wurden.

Missverständlicher Titel

Unerträglich aber ist es, wenn der Fischer-Verlag dieser verdienstvollen, differenzierten Leistung der medizinischen Wissenschaftsvermittlung ausgerechnet den abstrusen Weltverschwörungstitel "Die Wissenschaftslüge" in Riesenlettern verpasst.

In "Bad Science" geht es keineswegs nur um Lügen. Schon gar nicht um eine einzige aberwitzige "Wissenschaftslüge". Es geht um ein zerklüftetes Gebirge an Hochstapelei, Inkompetenz, und Irreführung, und oft lässt sich nicht genau sagen, zu welchen Anteilen Lügen neben Selbstbetrug und verschiedenen Spielarten der Irreführung im Spiel sind.

Wer dieses Buch "Die Wissenschaftslüge" betitelt, bedient exakt jene Mythen aus den verschwörungstheoretischen Randzonen, die Goldacre ausdrücklich bekämpft - Mythen wie die der MMR-Impfgegner und Aids-Leugner.

Dazu sei aus dem Buch nur eine der wichtigsten mentalitätskritischen Thesen Goldacres zitiert: "Die mächtige Pharmaindustrie ist böse; dieser Prämisse würde ich beipflichten.

Doch weil die Menschen nicht durchschauen, auf welche Weise sie böse ist, fließen ihr Ärger und ihre Empörung nicht in berechtigte Kritik - an der Tatsache zum Beispiel, dass die Pharmaindustrie Daten verfälscht, oder dass sie den Entwicklungsländern lebensrettende Medikamente gegen Aids vorenthält - sondern in infantile Fantasien."

Die Wissenschaftslüge BEN GOLDACRE S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2010 420 Seiten 9,95 Euro

© SZ vom 27.04.2010/mcs

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