bedeckt München 20°

Weltklimagipfel:Positive Signale aus Peking

Das zweite zentrale Element für den Pariser Vertrag ist ein Mechanismus, mit dem die Ambition der Klimaschutzpläne alle fünf Jahre überprüft und nach oben korrigiert wird. Die Chancen dafür stehen nach einer Zusage Chinas vor wenigen Wochen gut. Hinter dem Mechanismus steckt nicht die Hoffnung, dass den Regierungen das Klimathema alle paar Jahre ein bisschen mehr ans Herz wächst; sondern die Einsicht, dass die wirtschaftliche Entwicklung zu dynamisch ist, um sie adäquat in langfristigen Klimaschutzplänen zu berücksichtigen. Mit dem Ambitionsmechanismus können die Regierungen ihre Pläne an diese Dynamik anpassen und diese so weiter befeuern. Ganz konkret kann der Mechanismus schon im Jahr 2020 dabei helfen, die Lücke zur Zwei-Grad-Welt ein Stück weit zu schließen - das wäre in vielen Fällen weniger kostspielig als die Ambitionen später, dann aber auch radikaler anpassen zu müssen.

Was in Paris passiert, ist also alles andere als irrelevant. Aber welche Rolle spielt Deutschland dabei, und - auch das ist natürlich eine berechtigte Frage - wie profitiert es davon? Angela Merkel hat schon jetzt einen ganz entscheidenden Beitrag dafür geleistet, das Langfristziel in der politischen Debatte zu verankern. Erfolgreich beendet ist diese Mission aber erst, wenn auch der Paris-Vertrag ein Langfristziel enthält. Die deutsche Regierung sollte mit anderen progressiven Kräften zusammenarbeiten, um die verbleibenden Zweifler davon zu überzeugen.

Die Energiewende hat Vorbildcharakter

Dabei kann die Bundesregierung vor allem auf eins setzten: die wirtschaftliche Stärke Deutschlands. Welchen überzeugenderen Anreiz für ambitionierte Klimaschutzziele könnte es geben, als eine der größten Volkswirtschaften dabei zu beobachten, wie sie zielstrebig ihre Energieversorgung und zunehmend auch ihre industrielle Basis umbaut - und dabei immer noch wettbewerbsfähiger wird?

Durch den Paris-Prozess machen sich zahlreiche Staaten jetzt auf den Weg, ihre eigene Energiewende-Geschichte zu schreiben. Damit wächst auch der Kuchen, der in den kommenden Jahren und Jahrzehnten zu verteilen ist. Indiens Ankündigung, bis 2020 zusätzliche Anlagen für 175 Gigawatt an erneuerbaren Energien zu bauen, ist dafür nur das jüngste und eindrucksvollste Beispiel. Wer sich vergegenwärtigt, welche Technologien und Lösungen deutsche Unternehmen schon heute für das Energiesystem der Zukunft entwickeln, der bekommt auch eine Ahnung davon, welche Exportchancen hier im Entstehen sind.

Deutschland kann die internationale Energiewende-Dynamik am besten befeuern, wenn es sich selbst ein möglichst großes Stück vom wachsenden Kuchen abschneidet. Für viele Länder spielen wirtschaftliche Interessen beim Ausbau der Erneuerbaren eine mindestens ebenso große Rolle wie Klimaschutzziele. Der Rest der Welt fragt in erster Linie nicht nach der Moral der deutschen Energiewende, sondern nach ihrem wirtschaftlichen Erfolg.

Jennifer Morgan ist Global Director des Klimaprogramms beim World Resources Institute (WRI) und Mitglied im Rat für nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung.

(Foto: World Resources Institute)
© SZ vom 20.11.2015

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite