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Auslöser von Krisen:Der Klimawandel trifft den Nahen Osten besonders hart

Der fruchtbare Halbmond, der als Ursprungsort der Landwirtschaft vor 12 000 Jahren gilt, wird regelmäßig von Dürren heimgesucht. Aus den Daten seit 1931, die die Forscher untersuchten, geht hervor, dass es in den 50er, 80er und 90er Jahren zwar zu besonders starken Dürren gekommen ist. Doch die jüngste Trockenheit war die bisher schlimmste und längste. Und eine Wiederholung der prekären Umstände ist wahrscheinlich: Der Weltklimarat IPCC hat in seinem Bericht 2014 davor gewarnt, dass die zunehmende Erderwärmung den Nahen Osten auszutrocknen drohe.

Die Folgen für die Landwirtschaft waren in jüngerer Zeit auch deshalb so dramatisch, weil das Assad-Regime stark auf den Anbau von Baumwolle und anderen Produkten gesetzt hat, die sich exportieren lassen. Um diese Felder bewässern zu können, wurden große Mengen Grundwasser - auch mittels illegaler Brunnen - an die Oberfläche gepumpt. Mit gravierenden Folgen. Der Grundwasserspiegel ist gesunken, wie die Forscher anhand von Satellitenbildern feststellen konnten.

Wassermangel setzt Gesellschaften unter Druck

Wie Andrew Solow von der Woods Hole Oceanographic Institution in Massachusetts dem New Scientist sagte, seien die Schlussfolgerungen seiner Kollegen "plausibel". "Wenn eine Gesellschaft unter Druck gerät, wird Gewalt wahrscheinlicher." Es sei aber unklar, ob die Gewalt in Syrien nicht auch ohne die Dürre ausgebrochen wäre. Das könne schon sein, sagte Kelleys Ko-Autor Richard Seager von der Columbia University dem Magazin National Geographic - aber so habe es sich eben nicht entwickelt.

Widerspruch kommt von Thomas Bernauer von der ETH Zürich. Er hält den postulierten Zusammenhang der New York Times zufolge für "sehr spekulativ", die Belege seien wissenschaftlich noch nicht robust genug.

Kelley und sein Team sind nicht die Ersten, die auf einen möglichen Zusammenhang zwischen der Dürre seit 2006 und dem Ausbruch des Syrienkriegs hinweisen. Francesca de Châtel von der niederländischen Radboud Universität in Nijmegen betonte Anfang 2014 im Journal Middle Eastern Studies, es sei nicht die Dürre "per se" gewesen, die als einer der Auslöser der Unruhen betrachtet werden sollte, sondern das Versagen der Regierung in Damaskus im Umgang mit der Trockenheit. Und Peter Gleick, Präsident des Pacific Institute in Oakland, Kalifornien, hatte 2014 im Journal Weather, Climate, and Society berichtet, dass der Wassermangel in Syrien "eine direkte Rolle" für den Verfall der Wirtschaft Syriens gespielt habe.

Gleick zufolge haben die Konflikte um Trinkwasser in jüngerer Zeit innerhalb von Ländern bereits zugenommen. Zwar seien Konflikte kaum auf eine einzige Ursache zurückzuführen. Faktoren wie Wasser sollten bei der Suche nach den Ursachen aber stärker berücksichtigt werden, forderte der Forscher.

Alles fürs Überleben

Zwar erwarten die Vereinten Nationen keine "Wasser-Kriege". Die Erfahrung zeige, dass sich Länder mit gemeinsamen Wasserressourcen wie Seen und Flüsse eher friedlich einigten. "Doch wenn die Konkurrenz um knappe Ressourcen wächst, kann sich das ändern", heißt es in einem Bericht der United Nations University " Water in the World We Want" von 2015. "Wenn es um Leben und Tod geht, tendieren Menschen dazu, alles zu tun, um zu überleben", schreiben die UN-Wissenschaftler.

Auch das Büro des Directors of National Intelligence, welches die Arbeit der US-Nachrichtendienste koordiniert, bezeichnete in seinem Bericht 2014 die Konkurrenz um knappe Ressourcen wie Wasser als Ursache für zu erwartende zunehmende Spannungen innerhalb von und zwischen Staaten. Und das Weltwirtschaftsforum warnt in seinem Bericht " Global Risks 2015", die erwarteten Auswirkungen des Klimawandels "auf die Möglichkeit, Nahrung anzubauen und auf Wasser zuzugreifen, könnten plötzliche und unkontrollierte Wanderungsbewegungen auslösen, was zu zusätzlichem Druck auf die betroffenen Länder führen würde".

Auch Kalifornien hatte jüngst unter schlimmen Dürren zu leiden, die vermutlich vom Klimawandel verstärkt wurden. Dass es in den USA aber weder zu Migration noch zu Gewalt gekommen ist, hängt Kelley zufolge damit zusammen, dass die Widerstandsfähigkeit größer und die Sozialsysteme besser in der Lage waren, den Schock zu absorbieren. "Syrien war bereits vor der Dürre sehr viel verwundbarer", sagte er dem New Scientist.