Hirndoping und künstliche Gliedmaßen:Ist "Hirndoping" verwerflich?

Ist ihr Verhalten verwerflich oder fragwürdig? 2008 forderte eine Gruppe von sieben US-Wissenschaftlern um den Juristen Henry Greely von der Stanford University im Magazin Nature, dass es Erwachsenen möglich sein sollte, Neuro-Enhancer "verantwortungsvoll" einzusetzen.

Ein Jahr später behaupteten sieben deutsche Experten um Thorsten Galert vom Bonner Referenzzentrum für Ethik in den Biowissenschaften in einem Memorandum, es gebe keine überzeugenden grundsätzlichen Einwände gegen eine pharmazeutische Verbesserung des Gehirns oder der Psyche. Vielmehr sei hier die Fortsetzung eines zum Menschen gehörenden geistigen Optimierungsstrebens mit neuen Mitteln zu sehen. Dazu verwenden Menschen schließlich schon lange eine Reihe von Drogen oder Nahrungsmitteln - von Coca-Blättern, Betel oder Khat bis hin zu Kaffee, Schokolade oder Ginkgo-Präparaten.

Und was spricht gegen Augmentierungen wie flinkere Finger, kräftigere Beine, schärfere Augen oder andere "Verbesserungen" über das normale menschliche Maß hinaus, wie sie sich Transhumanisten wie der schwedische Philosoph Nick Bostrom von der Oxford University vorstellen?

Privilegierte wieder im Vorteil

Etlichen Fachleuten bereitet dieser Gedanke Sorgen. Was ist, wenn sich vor allem die bereits Privilegierten solche Mittel leisten können, fragt etwa der Philosoph Thomas Metzinger von der Universität Mainz. Der Philosoph Nicholas Agar von der Victoria University of Wellington in Neuseeland befürchtet sogar, dass einzelne zwar davon profitieren könnten, die Menschheit insgesamt jedoch einen hohen Preis bezahlen wird. In seinem Buch "Humanity's End" warnt er davor, dass sich zwei Klassen entwickeln werden: Jene, die bereit sind oder sich gedrängt fühlen, Enhancer zu nutzen und jene, die sich weigern - und so zur Unterklasse werden.

Selbst Wissenschaftler, die die Selbstoptimierung für eine Chance halten, warnen. So sagte etwa Christian Elger von der Universität Bonn zu Bild der Wissenschaft: "Die größte Gefahr ist, dass wir in Wissende und Unwissende unterteilt werden - also in Menschen, die diese Systeme nutzen, und in andere, die das nicht können oder wollen. Das könnte die Gesellschaft spalten."

Steigender Leistungsdruck

Auch der zunehmende Leistungsdruck ist ein Problem. Die Anforderungen an alle - angefangen von der Grundschule bis zu Akademikern und Handwerkern - seien in den vergangenen 20 bis 30 Jahren "sehr sehr deutlich gestiegen", stellt etwa Raphael Gaßmann von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen im DAK-Report 2015 fest. Und "je höher die Anforderungen sind, desto größer ist die Versuchung, dem zu entsprechen, in dem man eine Pille schluckt". Dazu kommt die Konkurrenz mit anderen. Sobald sich die Hilfsmittel ausbreiten, wird sich Druck aufbauen.

"Was ist, wenn der Verbleib im Job oder in der Schule davon abhängt, ob jemand neurokognitive Verstärkungen anwendet?", fragten Wissenschaftler um die Bioethikerin Martha Farah von der University of Pennsylvania und den Hirnforscher Eric Kandel von der Columbia University im Jahre 2004. Unter solchen Bedingungen droht die Gefahr eines "Wettrüstens".

Auch Stephan Schleim von der Universität im niederländischen Groningen sieht in diesem "Wettrüsten" das größte Problem des Neuro-Enhancements: "Wenn 'dopen' normal wird, ist 'nicht-dopen' keine Wahl mehr. Für die Gesellschaft wäre das eine Katastrophe", sagte Schleim SZ.de.

Probleme für Chirurgen, Piloten und Soldaten

Auf ein weiteres Problem haben unlängst Wissenschaftler um Filippo Santoni de Sio von der niederländischen Delft University of Technology hingewiesen: Manche Menschen, von deren Arbeit die Gesundheit oder das Leben anderer abhängt, werden vor der Frage stehen, ob sie nicht verpflichtet sind, sich auch mit Pillen fit zu machen. Zu solchen Berufsgruppen gehören etwa Chirurgen oder Piloten. Unweigerlich denkt man hier auch an die Katastrophe des Germanwings-Fluges 4U9525.

Ein besonderer Fall ist der Einsatz beim Militär. Bereits 2006 warnte der US-Philosoph und Historiker Jonathan Moreno von der University of Pennsylvania, dass Soldaten normalerweise nicht um ihre Einwilligung gebeten werden, wenn ihre Kommandeure entscheiden, was die beste Vorbereitung auf ein Gefecht ist. Moralisch gesehen sei es schwer zu erkennen, wieso eine Verpflichtung zu Neuro-Enhancements anders betrachtet werden sollte als andere Befehle.

US-Kampfjets vom Typ F-16

F16-Jets der U.S. Air Force. Können Kampfpiloten sich gegen den Einsatz von PiIllen oder anderen Hilfsmitteln entscheiden, wenn Vorgesetzte es fordern?

(Foto: dpa)

Nun haben auch die Wissenschaftler um Henry Greely 2008 und um Thorsten Galert 2009 bedenkliche Aspekte wie Verteilungsgerechtigkeit und Leistungsdruck bedacht - und Neuro-Enhancer als Chance für die Benachteiligten betrachtet. Die Politik müsste eben für einen fairen und sozioökonomisch verträglichen Einsatz der Mittel sorgen. Außerdem weisen die Befürworter eines liberalen Umgangs mit den Mitteln darauf hin, dass schon jetzt eine große Ungleichheit existiert. So hat der Nachwuchs von wohlhabenden Eltern bekanntlich bessere Chancen auf eine gute Bildung und Ausbildung. Es müssten eben alle Zugang zum Hirndoping haben.

"Natürlich wären Neuro-Enhancer nicht die einzige Quelle von Ungleichheit", sagt Wiebke Rögener von der TU Dortmund anlässlich des Bundeskongresses Politische Bildung zu "Ungleichheiten in der Demokratie" in Duisburg. "Aber möchten wir die Ungerechtigkeit weiter vorantreiben?", fragt die Autorin des 2014 erschienenen Buches "Hyper-Hirn".

Und Leistungssteigerung sei ja nicht prinzipiell etwas Gutes, sagt Stephan Schleim. Wieso wäre sonst eine Beschränkung der Arbeitszeit eingeführt worden? Außerdem erhöhe eine Leistungssteigerung möglicherweise die eigenen Erwartungen und die der Gesellschaft - so dass die Pillen immer häufiger eingeworfen würden.

"Außerdem halte ich zum Beispiel die Vorstellung, Benachteiligte könnten entsprechende Subventionen bekommen, für eine Illusion", sagt Rögener SZ.de. "Es wird angesichts der älter werdenden Bevölkerung doch schon in Frage gestellt, wie sich das bestehende Gesundheitssystem weiter finanzieren lässt." Manche Länder hätten außerdem schon Probleme, die Gesundheitsversorgung überhaupt aufrecht zu erhalten. Sollte Hirndoping tatsächlich einmal funktionieren, würden innerhalb der Länder die Armen und international die armen Länder von reichen Staaten abgehängt.

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