bedeckt München

Atomkatastrophe in Japan:Nicht nur Essen, auch Trinkwasser ist knapp

Über der Nationalstraße 4, die in Richtung Norden nach Sendai, also in eines der am schwersten vom Tsunami betroffenen Küstengebiete an der japanischen Nordostküste führt, kreisen Helikopter. Rechts und links sind immer wieder einzelne Häuser zu sehen, die komplett eingestürzt sind. Auch hier hat das Erdbeben der Stärke 9,0 zugeschlagen, auch wenn dieser Teil der Präfektur Fukushima noch weitgehend stehen geblieben ist. Lange Kolonnen von Spezialfahrzeugen mit der Aufschrift "Hakken Saigai", Katastropheneinsatz, fahren in Richtung Norden.

Manche der Einsatzfahrzeuge haben Dieselgeneratoren auf ihren Ladeflächen festgeschnallt. Weil Japan so stark von der Kernenergie abhängig war, nun Werke wie Fukushima 1 und 2 oder auch das ebenfalls lädierte Onagawa weiter im Norden total ausgefallen sind, fehlt nun ausgerechnet inmitten der größten Katastrophe dringend benötigter Strom. Viele Städte oder Orte in Nordjapan sind auch am vierten Tag nach dem Beben noch ohne Elektrizität. Seit diesem Montag muss die Regierung zusätzlich in einigen Orten, die bisher verschont geblieben waren, den Strom abschalten, unter anderem die Kühlung von Atomkraftwerken, wo sie noch funktioniert, sicherstellen zu können.

Eine neue Horrormeldung trifft ein. In Minamisoma, einem Ort in der Nähe des Unglücksreaktors heulen die Sirenen. Eine zweite Tsunamiwelle sei im Anrollen, heißt es. Eine Stunde später kommt die Entwarnung: Es hat sich um einen falschen Alarm gehandelt. Reporter der Nachrichtenagentur AP, die sich gerade dort aufhalten, berichten, dass sie die Schockwelle der Explosion gefühlt haben. Wenig später berichtet die Nachrichtenagentur Kyodo, dass dabei elf Menschen verletzt worden sind. Ein Offizier der japanischen Streitkräfte schwer, er habe Knochenbrüche erlitten, heißt es.

Entlang der Nationalstraße 4 sind die meisten Tankstellen geschlossen. Wenn doch noch eine aufhat, zum Beispiel eine Eneos-Tankstelle, staut sich davor eine kilometerlange Schlange. Auf den Bürgersteigen sind Menschen unterwegs, die mit Rucksäcken auf dem Rücken von Hamsterkäufen im Supermarkt kommen. Je weiter nach Norden die Straße führt, desto seltener sind noch Geschäfte geöffnet. Im Convenience Store "Sunks", einem der zahlreichen japanischen Mini-Supermärkte, sind alle Regale komplett leergeräumt. Nur noch Zigaretten sind zu haben.

In weiten Teilen Nordjapans ernähren sich die Menschen am Tag vier der Katastrophe vor allem aus den Beständen dieser "Conbinis", wie die Läden auf Japanisch genannt werden. Nicht nur Essen, auch Trinkwasser ist knapp. Und dies hier ist erst ein leicht von der Katastrophe betroffenes Gebiet, die Anreise zur verwüsteten Küste. Wie wird es erst dort aussehen?

© sueddeutsche.de/juwe
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema