Asteroidenabwehr Ein Crash im All soll die Erde schützen

Es gibt viele Ideen zur Abwehr von Asteroiden, die der Erde zu nahe kommen. Bewährt hat sich bislang noch keine davon.

(Foto: dpa)
  • Gut 8500 Asteroiden können der Erde potenziell gefährlich werden. Es fehlt an Ideen, Plänen und der Technik, um solche Gefahren abzuwehren.
  • Bei der Nasa Mission "Double Asteroid Redirection Test" soll erforscht werden, ob sich ein Asteroid durch den Einschlag einer Raumsonde vom Kurs abbringen lässt.
  • Im Jahr 2022 soll eine Raumsonde auf dem 170 Meter großen Asteroiden "Didymoon" aufschlagen.
Von Alexander Stirn

In Hollywood ist alles ganz einfach. Da werden, wenn ein Asteroid auf die Erde zurast, einfach ein paar Spaceshuttles startklar gemacht. Bruce Willis steigt wortlos ein und rettet - wie im Blockbuster Armageddon - die Welt vor der sicheren Vernichtung. Das Problem: Die Spaceshuttles sind schon lange in Rente, und Bruce Willis, Hollywoods Mann für die schweren Fälle, ist auch nicht mehr der Jüngste. Vor allem aber hat die Welt, fernab aller Leinwände der Traumfabrik, noch immer keine Idee, keinen Plan, keine Technik, um der Bedrohung durch einen Asteroiden konsequent zu begegnen. Erst langsam starten erste Initiativen. Die Gefahr wartet allerdings nicht. Sie ist keine Science-Fiction. Sie ist sehr real.

Einen Durchmesser von etwa 370 Metern hat zum Beispiel Apophis, ein Asteroid, der im April 2029 so dicht an der Erde vorbeifliegen wird, wie schon lange kein derart großer Brocken mehr. In nur 31 000 Kilometern Entfernung soll der gut 60 Millionen Tonnen schwere Asteroid den Planeten passieren - näher als die großen Fernseh- und Telekommunikationssatelliten. Das Risiko eines Einschlags ist bei Apophis zwar verschwindend gering, es reichen aber auch kleinere, schwerer zu entdeckende Asteroiden, um verheerende Schäden anzurichten: Ab einem Durchmesser von etwa 140 Metern, so Berechnungen der US-Raumfahrtbehörde Nasa, drohen bei einem Einschlag regional begrenzte Verwüstungen mit vielen Toten.

Gut 8500 solcher Objekte konnten bislang identifiziert werden. Das sind, wie Nasa-Chef Jim Bridenstine vor wenigen Wochen bei der Planetary Defense Conference im US-Bundesstaat Maryland einräumen musste, "nur etwa ein Drittel" der Asteroiden dieser Größenordnung. Dabei hatte der US-Kongress der Raumfahrtagentur aufgetragen, bis zum kommenden Jahr mindestens 90 Prozent aller gefährlichen Asteroiden auszumachen. "Wir müssen unser Möglichstes tun, um mehr Daten zu bekommen - vor allem aber müssen wir es schneller machen", so Bridenstine.

Wenn sich Didymoons Tempo um 0,003 Kilometer pro Stunde verändert, ist es ein Erfolg

Die Realität sieht anders aus. Seit Jahren bereitet die Nasa eine Mission namens Near Earth Object Camera vor, kurz Neocam, ein spezielles Weltraumteleskop zur Suche nach erdnahen Asteroiden. Genügend Geld, um das Vorhaben auch umzusetzen, ist bislang allerdings nicht zusammengekommen. Auch ein Aktionsplan des Weißen Hauses, im vergangenen Juni vorgestellt und sehr allgemein gehalten, hat daran nichts geändert. Das Risiko, dass demnächst unvermittelt ein großer Asteroid am Himmel auftaucht, der direkten Kurs auf die Erde genommen hat, ist somit stets vorhanden. Und dann?

Immerhin: Ideen, um die Welt vor der Bedrohung aus dem All zu retten, gibt es zuhauf. Asteroidenjäger wollen - wie einst Bruce Willis - eine Atombombe auf oder unter der Oberfläche des anfliegenden Himmelskörpers zünden und so die Gefahr eliminieren. Sie wollen den Asteroiden mit Lasern beschießen - in der Hoffnung, dass der dabei verdampfende Staub dem fernen Brocken einen kleinen Impuls verleiht. Sie wollen mit einem riesigen Raumschiff nebenherfliegen und den Asteroiden durch dessen Anziehungskraft ablenken. Vor allem aber wollen sie den fernen Himmelskörper durch einen gezielten Zusammenstoß mit einer Raumsonde wie eine Billardkugel vom Kurs abbringen.

Es ist nicht nur die vielversprechendste Idee, es ist auch die einzige, die derzeit mit einer Mission erforscht werden soll: Double Asteroid Redirection Test, kurz Dart, heißt das Nasa-Unterfangen. Aus Geldmangel stand es bereits kurz vor dem Aus. Nun soll die Mission im Juli 2021 endlich starten. Ihr Ziel: der Asteroid Didymos, der im Schnitt in einer ähnlichen Entfernung um die Sonne kreist wie der Planet Mars. Didymos ist nicht allein, er wird von einem kleinen, mondartigen Brocken begleitet. Dieser Trabant, informell Didymoon getauft, liegt mit einem Durchmesser von etwa 170 Metern genau in der Größenklasse der gefährlichsten Asteroiden - das ideale Ziel, um die Abwehr im All zu testen.

Dart soll genau das tun. Nach gut einjährigem Flug wird die Sonde, etwa 500 Kilogramm schwer und so groß wie eine Kühltruhe, im Oktober 2022 am Ziel ankommen und direkt Kurs auf Didymoon nehmen. Sie wird noch ein paar letzte Bilder liefern und schließlich mit mehr als 22 000 Kilometern pro Stunde in den fernen Himmelskörper krachen. Um bei dem Crash, der Didymoons Tempo um lediglich 0,003 Kilometer pro Stunde verändern soll, auf Nummer sicher zu gehen, hat die Nasa ihrer Sonde vor Kurzem sogar zusätzliche Steuerdüsen spendiert. "Bei einer Mission, die nur eine Chance hat, erhöhen wir dadurch die Möglichkeiten, das Ziel auch wirklich zu treffen", sagt Dart-Projektmanager Ed Reynolds.

Auf der Erde wird von dem Zusammenstoß nichts zu sehen sein. Die Entfernung ist zu groß

Auf der Erde dürfte von der Kollision in elf Millionen Kilometern Entfernung allerdings nichts zu sehen sein. Didymos wird weiterhin nur als schwach leuchtender Punkt in den besten Teleskopen erscheinen. Allein durch das Flackern seines Lichts müssen Asteroidenjäger Rückschlüsse darauf ziehen, inwieweit sich Didymoons Bahn durch den kosmischen Crash verändert hat und was das für künftige Initiativen zur Asteroidenabwehr bedeutet. Das wird nicht einfach. Eigentlich hätte die Rettung der Welt - oder zumindest die ersten Erkenntnisse für solch ein Vorhaben - daher ein weltumspannendes Projekt sein sollen. Zeitgleich mit Dart wollten die Europäer eine eigene Mission zu Didymos schicken: Aim, die Asteroid Impact Mission, sollte Darts Einschlag aus der Nähe beobachten und im Detail untersuchen. Als "wagemutig, innovativ, ambitioniert" rühmte Johann-Dietrich Wörner, Chef der Europäischen Raumfahrtagentur Esa, die Mission einst in seinem Blog. "Ein Beispiel für eine Esa in absoluter Bestform."

Die Raumfahrtverantwortlichen der 22 Esa-Mitgliedsstaaten sahen das offenbar anders. Bei ihrem bislang letzten Treffen Ende 2016 wollten sie nicht ausreichend Geld für Aim locker machen. Das ursprünglich mit 250 Millionen Euro veranschlagte Projekt war tot. Nun will es die Esa - auch wenn die Chancen schlecht stehen - noch einmal versuchen: Hera, so der Name des nächsten Vorstoßes, über den die Mitgliedsstaaten im November abstimmen wollen, könnte das Didymos-System 2026 erreichen. Dann soll die Sonde die Zusammensetzung des kleinen Asteroidenmondes, vor allem aber die Folgen des Einschlags der Dart-Mission und deren Auswirkungen auf die Asteroidenabwehr studieren - alles für den Fall, so Wörner, dass Bruce Willis mal wieder keine Zeit hat.