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Artensterben: Folge für den Menschen:Schwindende Chancen

Mit dem Aussterben von Tieren und Pflanzen gehen auch potentielle Medikamente verloren. Doch einigen Arten wird gerade ihr Nutzen für die Medizin zum Verhängnis - oder auch bloßer Heilglaube.

Werner Bartens

Die Heilkraft liegt in der Natur. Diese Botschaft können nicht nur Öko-Fundamentalisten und Kräuterweiblein unterschreiben, sondern auch Verfechter der oft abschätzig so bezeichneten Schulmedizin. Zahlreiche Medikamentenklassiker sind pflanzlicher Herkunft oder aus Inhaltsstoffen von Pflanzen weiterentwickelt worden.

Gern genutzt: Tigerknochen in der traditionellen chinesischen Medizin.

(Foto: Foto: Reuters)

Heilkundige im antiken Griechenland wussten bereits, dass ein Sud aus Weidenrinde Entzündungen und Schmerzen während der Geburt lindern kann. Acetylsalicylsäure, das der Pharmariese Bayer als Aspirin verkauft, ist ein Wirkstoff der Weidenrinde. Das Gichtmittel Colchizin ist aus der Herbstzeitlosen extrahiert worden.

Die meisten Antibiotika stammen aus Pilzen. Die Substanzgruppe der Taxane, die in der Krebsmedizin verwendet werden, stammen ursprünglich aus der Eibe. Digitalis-Präparate, die ersten Mittel, mit denen die Herzschwäche behandelt werden konnte, sind Bestandteile des giftigen Fingerhuts.

Auch wenn heute kaum ein Heilkundiger ein Gebräu aus Zypressen, Zedern oder anderen Pflanzenstoffen anrührt, sind die meisten neuen Medikamente immer noch natürlichen Ursprungs. Längst nicht alle bekannten Pflanzen- und Tierarten sind bisher auf ihren medizinischen Nutzen hin untersucht worden.

Ein besonders großes Reservoir an potentiellen Arzneimitteln bietet der Urwald. Doch mit dem Raubbau an der dortigen Tier- und Pflanzenwelt gehen auch die enormen Schätze der Dschungelapotheke unwiederbringlich verloren.

Die Menschen glauben, dass ihre Gesundheit nur Angelegenheit ihrer eigenen Art ist, schreibt der bekannte Harvard-Biologe Edward Wilson. "Doch die Menschheit ist im Netzwerk des Lebens entstanden und bleibt darin verstrickt." Weniger Arten brächten auch weniger Medikamente mit sich, befürchtet Wilson.

Nicht nur Pflanzen bergen mögliche Rohstoffe für Medikamente in sich, auch aus Tieren lassen sich Arzneien gewinnen. Der Magenbrüter, eine unansehnliche Froschart aus dem australischen Urwald, sondert eine Substanz ab, die verhindert das Magensäure produziert wird - die Säure würde die Eier der Amphibien zerstören, die diese im Magen ausbrüten.

Unbegründeter Heilglaube

Wissenschaftler aus aller Welt hatten gehofft, aus dem Froschsekret ein Mittel gegen Magengeschwüre und Sodbrennen entwickeln zu können. Zu spät. Vor wenigen Jahren ist die Amphibien-Art ausgestorben. Derzeit sind fast ein Drittel aller Amphibien vom Aussterben bedroht.

In manchen Fällen führt erst ein unbegründeter Heilglaube dazu, dass die Arten verschwinden. Bibergeil - ein Drüsensekret des Nagers - wird seit der Antike gegen Krampfanfälle und Nervosität eingesetzt.

Später galt es als Mittel gegen Impotenz - die Tiere waren im 19. Jahrhundert wegen der großen Nachfrage fast ausgestorben. Tigerknochen und Nashornmehl sind wichtige Bestandteile der traditionellen chinesischen Medizin, was den Tieren nicht gut bekommen ist.

Wissenschaftlern wird es auch erschwert, der Kegelschnecke Conus magnus weitere Geheimnisse zu entlocken. Aus dem Gift des Kriechtieres wurde das Schmerzmittel Ziconotide isoliert. Seit 2004 ist es von der US-Arzneimittelbehörde FDA zugelassen.

Doch der Lebensraum der Schnecken in Korallenriffen ist durch den Klimawandel bedroht. Womöglich trägt der medizinische Nutzen in Zukunft aber auch dazu bei, dass manche bedrohte Art überlebt.

Kolonialistische Patente

Bisher trägt die Dezimierung der Arten in Tropen und Subtropen oft kolonialistische Züge. In Indien gibt es seit den achtziger Jahren Proteste gegen etwa 100 Patente, die europäische, amerikanische und japanische Firmen für Substanzen des Neembaums beantragt haben.

Extrakte der in Indien verehrten Pflanze werden seit Jahrtausenden in der ayurvedischen Heilkunde verwendet. Einheimischen Organisationen ist es gelungen, dass Patente zurückgenommen wurden, da es sich bei den Inhaltsstoffen des Baumes nicht um eine Erfindung handelte.

Ähnlichen Streit gab es um den nur noch etwa 300 Köpfe zählenden Stamm der Hagahai auf Papua-Neuguinea. Aus ihrem Blut haben Forscher einen Impfstoff gegen eine Form der Leukämie entwickelt.

© SZ vom 19.08.2009/gal

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