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Artenschutzkonferenz:"Die Umwelt ist auch Lebensquell"

Sauberes Wasser, reine Luft, intakte Böden - Reinhold Leinfelder vom Berliner Museum für Naturkunde erklärt, was die Natur so wertvoll macht.

Wie muss Artenschutz in Zukunft aussehen? Der Geobiologe und Paläontologe Prof. Dr. Reinhold Leinfelder ist Generaldirektor des Berliner Museums für Naturkunde und berät als Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats für Globale Umweltveränderungen die Bundesregierung.

Reinhold Leinfelder

Reinhold Leinfelder vom Berliner Museum für Naturkunde

(Foto: Berliner Museum für Naturkunde)

SZ: In der Eingangshalle des Berliner Naturkundemuseums steht das Skelett eines Dinosauriers - eines Relikts von vor 65 Millionen Jahren. Rechnen Sie damit, bald noch mehr ausgestorbene Arten im Museum unterbringen zu müssen?

Leinfelder: Ich fürchte ja - sofern wir sie überhaupt noch finden. Bislang sind ja nur um die zwei Millionen Arten bekannt, aber es könnten fünf, vielleicht sogar 50 Millionen sein. Genau das macht Artenschutz so schwierig: Wir wissen zu wenig über Artenvielfalt. Weltweit gibt es etwa 6000 Taxonomen, Experten für die Zählung von Arten. Der große Evolutionsbiologe Edward Wilson meint, wir bräuchten mindestens doppelt so viele.

SZ: Gibt es nicht Tiere oder Pflanzen, die besonders wichtig sind und auf deren Schutz wir uns konzentrieren sollten?

Leinfelder: Nein. Auch Kleinstorganismen, Insekten, Pilze, Mikroben spielen ihre Rolle in einem ökologischen System. Ameisen etwa lockern den Boden auf und fressen Schädlinge. Oder Korallenriffe, die wegen der Verschmutzung der Meere und des Klimawandels bereits zu einem Drittel extrem geschädigt sind: Die Riffe in der Karibik kollabieren auch dann schon, wenn nur wenige Hauptbestandteile wie die Geweihkorallen oder die großen Hirnkorallen absterben.

SZ: Was ist beim Artenschutz schiefgelaufen?

Leinfelder: Wir haben zu lange die Natur und ihre Nutzung als gegeben hingenommen und nicht gesehen, welches wertvolle Kapital wir da vergeuden. Sauberes Wasser, reine Luft, intakte Böden - all das sind Ressourcen, deren Wert wir einbeziehen müssen.

SZ: 1992, beim Erdgipfel von Rio, war Artenschutz bereits ein Thema. Warum ist so wenig passiert?

Leinfelder: Im Gegensatz zum Klimaschutz, bei dem es eine wichtige Stellschraube, den CO2-Gehalt der Atmosphäre gibt, sind Ökosysteme sehr komplexe Netzwerke. Es ist viel schwieriger zu berechnen, was passiert, wenn Korallenriffe absterben, als abzuschätzen, welche Bedrohung ein Anstieg des Meeresspiegels mit sich bringt. Erschwerend kommt hinzu, dass Klimawandel und Artenschwund zusammenhängen. Außerdem sind die Folgen des fehlenden Artenschutzes sehr regional - und daher für viele Politiker nicht so dringlich.

SZ: Haben Sie überhaupt Hoffnung, dass man jetzt in Nagoya zu einer weltweiten Strategie kommt?

Leinfelder: Ich hoffe sehr, dass man sich auf einen Weltbiodiversitätsrat, ähnlich wie den UN-Klimarat IPCC, einigt. Zudem müssten wir die bestehenden Schutzgebiete vergrößern und die Landnutzung nachhaltiger machen. Letztlich ist es auch richtig, über Geld und die gerechte Entlohnung für biologische Ressourcen wie Heilpflanzen zu reden. Denn wenn wir Natur auch ökonomisch sehen, muss es sich lohnen, sie zu schützen. Aber ich würde davor warnen, eine intakte Umwelt nur als Kapital zu sehen. Sie ist auch Lebensquell.

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