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Zwischen den Zahlen:Qualen beim Zahlen

In Corona-Zeiten wenden sich selbst die bargeldverliebten Deutschen dem kontaktlosen Bezahlen zu - allerdings nicht ohne Bauchschmerzen. Dass Bargeld auch Vorzüge hat, sieht eben nicht nur Ex-Wirecard-Chef Jan Marsalek so.

Von Elisa von Grafenstein

Die Deutschen und ihr Bargeld, das ist ja so eine Sache. Im Vergleich gelten sie als besonders bargeldverliebt, als technikscheu sowieso. Als vor eineinhalb Jahren der 500-Euro-Schein abgeschafft wurde, war das für viele Deutsche der Anfang vom Ende. Argumente für Bargeld gibt es aus ihrer Sicht genügend: Wer bar zahlt, muss sich keine Sorgen über Überwachung machen, ob nun die eines datenhungrigen Konzerns oder durch den eigenen Partner. Bargeld zu besitzen gibt ihnen Sicherheit. Man behält besser den Überblick, es geht an der Kasse schneller.

Jetzt, in Corona-Zeiten, hat sich das geändert. Aus Sorge vor der Ansteckungsgefahr bitten viele Geschäfte und Restaurants, die bisher selbst am Bargeld festhielten, um Kartenzahlung. Und auch die Kunden denken um. Die Interessenvertretung Deutsche Kreditwirtschaft spricht gar von einem "beschleunigten Trend zu bargeldlosen Zahlungen". In ein paar Corona-Wochen habe sich so viel geändert wie sonst in drei Jahren, heißt es.

Wer doch einmal zu den Münzen greifen muss - etwa weil das Lesegerät im Geschäft kaputt ist - der fasst mit spitzen Fingern in den Geldbeutel. Wer weiß, wie viel Corona da dranklebt? Dabei war das Geld ja oft tage- oder wochenlang quasi in Quarantäne. Fraglich ist auch, ob nicht am Pin-Pad oder am geschäftseigenen Kugelschreiber noch mehr Viren hängen. Händewaschen hilft, in beiden Fällen.

So recht zufrieden jedenfalls sind viele mit den neuen bargeldlosen Zeiten nicht. Manch traditioneller Bargeldfan klagt etwa über meterlange Kontoauszüge am Automaten - wer soll da den Überblick behalten?

Angeblich hilft Zahlen mit Barem ja sogar beim Sparen. Denn erst wenn man den 50-Euro-Schein über die Theke reicht, sagen viele, tut es weh. Selbst Jan Marsalek, der frühere Vorstand des, Achtung, Online-Zahlungsdienstleisters Wirecard, soll die Vorteile des Barzahlens zu schätzen wissen - inzwischen weiß man auch, wieso. Sicherlich nicht, um besser zu sparen.

© SZ vom 08.08.2020

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