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Zeitenwende:Gemeinsam stark

"Gemeinsam stark" - so lautet das Motto des diesjährigen Wirtschaftsgipfels.

(Foto: plainpicture/Millennium/Julio Ca)

Klima, Handel, Brexit, Digitalisierung - die großen Trends der Zeit erfordern Teamplayer, nicht Einzelkämpfer. Protestaktionen sind wichtig, aber es braucht auch das Mitwirken derer, die die Macht und die Mittel zur Veränderung haben.

Von Marc Beise

Denkt Weihnachten an mich, hat Robert Swan zum Abschied gesagt. Wenn ihr vor dem warmen Ofen sitzt und die Kerzen am Baum brennen! Das war vor ein paar Tagen in Stuttgart, bei einem Zwischenstopp, bevor er sich auf den Weg machte ins ewige Eis. Tief im Süden von Chile, in Punta Arenas, ist die Swan-Expedition mit den letzten Vorbereitungen beschäftigt, bevor es am 1. Dezember in die Antarktis geht.

An Weihnachten wird der 63 Jahre alte Brite, der im warmen Kalifornien lebt, mit seinem kleinen Team auf Skiern zum Südpol unterwegs sein, wenn alles gut geht, erschöpft, aber gesund. Swan war der erste Mensch, der sowohl den Südpol als auch den Nordpol zu Fuß erreicht hat, das war in den Achtzigerjahren, seitdem ist er immer wieder ins Eis zurückgekehrt.

Nicht an den Nordpol allerdings, den kann der Mensch heute nicht mehr zu Fuß erreichen, sagt er. Das Eis ist aufgerissen, überall versperrt Wasser den Weg. Swan hat sie mit eigenen Augen gesehen, die Folgen des Klimawandels. Man würde sich wünschen, der amerikanische Präsident Donald Trump, der in dieser Woche den Austrittsantrag zum Pariser Abkommen über die weltweiten Klimaziele unterschrieben hat, wäre dabei gewesen - und hätte begriffen.

"Die größte Gefahr für unseren Planeten ist der Glaube, dass schon jemand anderes ihn retten wird." - Robert Swan, Polarforscher

Begriffen, was weltweit immer mehr Menschen begreifen, auch in Deutschland. Die Bilder von den schmelzenden Polen der Erde, die Unwetter, die heißen Sommer, die mittlerweile erdrückende Erkenntnislage der Wissenschaft, das alles findet jetzt zu einer kritischen Masse zusammen. Was bisher eher ein Thema für (manchmal lautstarke) Minderheiten war, wird langsam mehrheitsfähig. Immer mehr Bürger beginnen, ihr Konsumverhalten wenigstens zu problematisieren, vielleicht zu ändern. Kaum ein Wirtschaftsführer, der in seinen Reden nicht das bisherige Wirtschaften infrage stellt; häufig ist das wohl ernst gemeint.

Ortstermin im Auto- und Industrieland Baden-Württemberg, wo seit hundert Jahren der deutsche Mittelstand zu Hause ist und wo früher mal die CDU aufs Regieren abonniert war. Jetzt bestimmen dort maßgeblich die Grünen die Politik, seit nunmehr bald neun Jahren, die früheren Schreckgespenster des bürgerlichen Establishments. Sie stellen mit Winfried Kretschmann den im eigenen Land beliebtesten Ministerpräsidenten Deutschlands und mit Franz Untersteller einen einfluss- und kenntnisreichen Umweltminister.

Die beiden Grünen haben gleich nach Amtsantritt Initiativen gestartet, den Unternehmern im Südwesten einerseits die ganz konkrete Notwendigkeit von Umweltschutz und Ressourceneffizienz vor Augen zu führen, andererseits ihnen die Geschäftschancen grüner Techniken nahezubringen. Die Begegnungen zwischen den Ökos und der Industrie, die anfangs etwas bemüht daher kamen, haben sich zu großer Selbstverständlichkeit entwickelt. Da wollen nicht mehr nur die aus der Umweltbewegung hervorgegangenen Grünen ihr Kernthema transportieren, da denkt womöglich eines Tages ein ganzes Land mit - und um.

Es hat durchaus Gänsehautcharakter, wenn Christoph Kübel, einer der Chefmanager des weltgrößten Automobilzulieferers Robert Bosch GmbH, erzählt, wie der Riesen-Konzern mit seinen mehr als 400 000 Mitarbeitern und einem jährlichen Umsatz von 80 Milliarden Euro zu dem viel beachteten Ziel gefunden hat, bis Ende 2020 komplett CO₂-neutral zu wirtschaften; das ist ein Milliardenprojekt, wie es kaum ein Unternehmen dieser Größenordnung bisher so radikal und so kurzfristig angepackt hat: Initialzündung sei die Präsentation eines jungen Forschers aus dem eigenen Haus gewesen, der über die weltweite Umweltzerstörung referiert habe, sachlich, nüchtern, und gerade deshalb so eindrücklich.

Für Bewusstseinsänderung will auch Robert Swan sorgen, der seit seinen ersten Eismärschen auf den Bühnen der Welt, dann korrekt gekleidet mit Anzug und Krawatte, für die Unversehrtheit der Antarktis wirbt. Die unbewohnte Region zwischen 60 und 90 Grad südlicher Breite ist nur noch bis 2041 durch den gleichnamigen internationalen Vertrag geschützt, in dem sich maßgebliche Staaten im Jahr 1959 darauf verständigt haben, die Antarktis im Wesentlichen der wissenschaftlichen Forschung vorzubehalten. Swans Stiftung "2041" will die wirtschaftliche Ausbeutung der Antarktis, der "letzten Wildnis der Erde", verhindern helfen.

Gelegentlich - wie jetzt wieder - setzt sich der Chef selbst den Elementen aus. Da steckt natürlich ein gutes Stück Selbstverwirklichung drin, aber auch die Erkenntnis, dass Trommeln zum Handwerk gehört, wenn man die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf ein existenzielles Thema lenken will.

Man muss sich den Weg zu Fuß zum Südpol und zurück als ein sehr einsames Unterfangen vorstellen: zwei Monate lang unterwegs, Tag für Tag viele Stunden auf Langlaufskiern, vor den Versorgungsschlitten gespannt. Damals, in den Achtzigerjahren, als es noch keine Handys gab und kein funktionsstarkes GPS, war es besonders einsam. Ein Beinbruch hätte den sicheren Tod bedeutet. Heutzutage lässt sich Swan im Kopfhörer Bücher vorlesen. Der eiserne Wille zählt, trotzdem ist der Eislauf eine Mannschaftsleistung, ein kleines Team ist immer dabei, jeder muss sich auf jeden verlassen können. Diesmal wird auch Sohn Barney dazustoßen, ein kraftstrotzender junger Mann, auf den der Vater, der mit künstlicher Hüfte unterwegs ist, sich freut. Gemeinsam wollen sie stark sein.

Strong together, gemeinsam stark - das ist das Motto des 13. Wirtschaftsgipfels der Süddeutschen Zeitung, der ab diesem Montag in Berlin tagt und Anlass ist für dieses SZ-Extra, in dem auf zehn Seiten die großen Herausforderungen beschrieben werden, die Deutschland, Europa und die Welt umtreiben. Herausforderungen, die häufig daraus entstehen, dass eben nicht gemeinsam gehandelt wird, sondern bestenfalls nebeneinander, häufig gegeneinander. Dabei ist der Mensch ganz offensichtlich ein Gemeinschaftswesen. Wer glaubt, heute noch auf Dauer und nachhaltig alleine Erfolg haben zu können, ist entweder dumm oder gestört. Der Mann im Weißen Haus, so scheint es, ist beides.

Donald Trump zettelt Handelsstreitigkeiten an und kündigt Abkommen, er lügt und betrügt und will andere Länder niederringen. Das ist eine große Gefahr für die Stabilität der Welt, ebenso wie der Brexit, der auch ein Ohne-uns-Projekt ist, und übrigens auch eine radikale Digitalisierung, deren Jünger häufig Geschäftsmodelle zerstören wollen (der Fachbegriff lautet: Disruption), Konkurrenten vernichten und bedingungslos triumphieren wollen.

Der Herausforderungen also sind viele, und sie können die Weltwirtschaft in den Absturz zwingen. Noch ist das, was man in Deutschland spürt, ein konjunktureller Abschwung, härter als mancher glaubt: Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung hat der Bundesregierung gerade die neuesten Fakten präsentiert.

Man kann wohl sagen: Es muss nicht ganz schlimm werden. Aber es kann. In schwierigen Zeiten, das weiß Robert Swan aus dem Eis, hält man besser zusammen, dann erst recht. Das gilt für Staaten wie für Unternehmen, in denen Mitarbeiter, Management und Investoren zusammenstehen müssen; nicht eine Gruppe darf sich auf Kosten der anderen wohlfeil halten. Und es gilt ganz besonders für die Rettung des Planeten, die zur Schlüsselfrage der Menschheit schlechthin geworden ist. Einer wie Robert Swan freut sich, dass - Stichwort "Fridays for Future" - die Jugend aufsteht: "Darauf habe ich 30 Jahre gewartet." Aber er warnt vor Frontstellung und gegenseitigem Abgrenzen ("Die Generationen müssen konstruktiv zusammenarbeiten") und übrigens auch vor düsteren Szenarien: "Apokalyptiker werden die Welt nicht retten."

Die Präsidentin des Club of Rome verhandelt mit den Mächtigen der Wirtschaft. Sie will die Erde retten, nicht jemanden anprangern

Gemeinsam stark, damit kann sich Sandrine Dixson-Declève identifizieren, eine Power-Frau ohnegleichen mit 30 Jahren Erfahrung im internationalen Netzwerken, Beraterin von Regierungen, Organisationen und Unternehmen und neue Co-Präsidentin des Club of Rome. Das Gremium hat seit 1968 wiederholt die Umweltzerstörung spektakulär thematisiert, so 1972 mit dem Bericht "Die Grenzen des Wachstums". Auch wenn sich diese Grenzen nicht so manifestiert haben, wie es prognostiziert wurde, relativiert das die Notwendigkeit für mehr Klimaschutz jetzt und heute nicht. Gerade weil die Umweltmanagerin Dixson-Declève von ihrer Mission überzeugt ist, hält sie sich nicht mit Feindbildern auf, will sie alle Beteiligten mitnehmen. Wenn sich wirklich etwas ändern soll, dann sind Gelbwesten, Öko-Aktivisten und Kampagnenmacher nicht genug. Es braucht auch das Mitwirken derer, die konkret die Macht und die Mittel zur Veränderung haben: der Regierungen und der Unternehmen, namentlich der global operierenden Konzerne. Mit ihnen verhandelt die Belgierin Dixson-Declève, sie will die Erde retten, nicht jemanden anprangern. Gemeinsam stark eben.

Erstmals übrigens wird der Club of Rome heute von zwei Frauen geleitet, auch das ist ein Signal. Man kann lange streiten, ob Frauen die besseren Menschen sind, die besseren Politiker, die besseren Verbraucher. Jedenfalls war die Welt bisher von Männern geprägt, und das war nicht nur eine Erfolgsgeschichte. Die Welt zu retten, wird jedenfalls ganz sicher nur zusammen gelingen.

© SZ vom 11.11.2019
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