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Wirtschaftswachstum:Der zerbrechliche Aufschwung

Das Wachstum ist eine positive Überraschung mit vielen Unbekannten. Es wäre wunderbar, könnte Deutschland die Wirtschaft des Kontinents aus der Krise ziehen - doch so einfach ist es nicht.

Jeder, der früher einmal Lokomotivführer werden wollte oder zumindest gerne Eisenbahn gespielt hat, mag dieses Bild lieben: Deutschland sei die Wachstumslokomotive Europas, heißt es. Wachstumslokomotive - das klingt nach Ludwig Erhards Zeiten. Die Zahlen zur Wirtschaftsleistung, die jetzt bekannt werden, sind ja auch tatsächlich sensationell, gemessen an dem, was die Wirtschaftsforscher ursprünglich erwarteten, an dem, was die Nachbarn melden.

Konsum eventuell doch Wachstumsmotor in 2010

Die Wirtschaft legte im zweiten Quartal kräftig zu - aber ist der Aufschwung auch nachhaltig?

(Foto: dpa)

Es wäre wunderbar, könnte Deutschland mit seinen tapferen Mittelständlern, seinen findigen Ingenieuren und einer beim Geldausgeben in der Flaute recht beherzten Bundesregierung die Wirtschaft des Kontinents aus der Krise ziehen - so, wie eine Lokomotive die Waggons, denen der eigene Antrieb fehlt. Doch leider passt das Bild nicht so ganz. Der kräftige Aufschwung in Deutschland ist schön, er zeigt, dass nicht immer die Pessimisten recht behalten. Dennoch, es ist ein wenig anders: Deutschland zieht zwar, doch es wird auch selbst stark gezogen. Vor allem die stark wachsenden Länder Asiens, allen voran China, bescheren den deutschen Exportunternehmen reichlich Aufträge.

Im Binnenmarkt wirken noch die heimischen Konjunkturprogramme nach, Kredite sind weiterhin billig. Der Aufschwung ist auch ein Ergebnis jener Subvention Kurzarbeit, die die schwarz-rote Bundesregierung in der Krise ausgebaut hat. Dank Kurzarbeit verfügen die Firmen über ausreichend Arbeitskräfte, die nun anpacken können und auch wieder mehr Geld ausgeben: Selbst der in Deutschland oft schwächelnde Konsum hat im zweiten Quartal angezogen.

Trotzdem: Der Aufschwung bleibt fragil. Amerikas Volkswirtschaft, die wichtigste der Welt mit seinen vielen Millionen Konsumenten, erholt sich schlechter als erwartet; das Land kämpft noch immer gegen die hohe Arbeitslosigkeit. In China hat sich eine Immobilienblase gebildet, die zu platzen droht. Außerdem drücken harte Sparprogramme in anderen EU-Ländern das Wachstum dort derart, dass sie künftig deutsche Exportgüter seltener bezahlen könnten als jetzt. Und noch immer ist unklar, welche Überraschungen weltweit in Bankbilanzen schlummern.

In der Börsenwelt spricht man von einer Dienstmädchen-Hausse, wenn Putzfrauen anfangen, Aktien zu kaufen - die Profis verkaufen dann. Auf die Wirtschaft übertragen könnte dies heißen: Bundesregierung und Unternehmen sollten spätestens jetzt Vorsicht walten lassen, wo sich die Jubel-Meldungen zur Konjunktur häufen.

Nach außen hin kann der Bundeswirtschaftsminister ruhig von einem "Aufschwung XL" reden, das tut der Stimmung gut, und gute Stimmung hilft der Binnenkonjunktur. Denn ein großes Problem ist nicht, dass die Deutschen zu wenig Geld haben, sondern dass sie zu viel sparen. Nach innen aber bleibt Ausgabendisziplin geboten. Das gilt für den Staat, und das gilt für die Unternehmen.