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Wirtschaftskriminalität:Bei Anruf Betrug

Kriminelle Banden zocken Hunderttausende Gesprächspartner am Telefon ab und ergaunern sich so mehr als 30 Millionen Euro. Ihnen hilft, dass zu wenige Opfer dagegen vorgehen. Nun schlägt die Justiz zurück.

Die alte Frau war ein leichtes Opfer. Sie hatte sich von einem Schlaganfall nicht mehr richtig erholt. Ans Telefon ging sie trotzdem. Arglos plauderte sie mit freundlich klingenden Menschen, die ihr, der Geschlagenen, erzählten, sie könne Gewinnerin werden.

Der Anbieter Win-Finder organisiert Gewinnspiele und lässt sich seine Dienste verdeckt über die Telefonrechnung bezahlen.

Die Zahl der Telefonabzocker wächst.

(Foto: dpa)

Die Rentnerin aus Düsseldorf fasste Vertrauen und nannte ihre Bankverbindung - mit Folgen, von denen sie nichts mitbekam. Mehr als 50 mal buchten Unternehmen mit Phantasienamen, in denen irgendwie die Worte Tipp, Win oder Gewinn vorkamen, Geld vom Konto der 71-Jährigen ab, insgesamt mehr als 4000 Euro. Erst als die Schwester der Rentnerin das merkte und die beiden Frauen Anzeige erstatteten, endete das dubiose Treiben. Für die Ermittler ist der Sachverhalt klar. Die Frau sei durch eine "Vielzahl verschiedener Gewinnspielfirmen geschädigt worden", steht in den Akten des Düsseldorfer Polizeipräsidiums.

Betrug am Telefon kommt immer häufiger vor. Die Zahl der Opfer in Deutschland geht inzwischen in die Hunderttausende, wenn nicht gar Millionen. Die Täter und deren Hintermänner waren bislang schwer zu fassen, doch nun melden Polizei und Justiz erste Erfolge.

In Essen steht im Dezember ein junger Geschäftsmann aus Duisburg vor Gericht, der im Ruhrgebiet mehrere Call-Center betrieben hat. Deren Mitarbeiter entlockten vielen Leuten mit erlogenen Geschichten die Kontonummern. Anschließend kassierten sie per Lastschrift hohe Summen. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten schweren Betrug vor. Die Firmen hätten mehr als 70.000 Menschen aus ganz Deutschland insgesamt etwa sechs Millionen Euro widerrechtlich abgebucht. Der Geschäftsmann ist geständig, er muss mit mehreren Jahren Gefängnis rechnen, wie in Justizkreisen geschätzt wird.

Es wäre wohl das erste Mal in der Bundesrepublik, dass Telefonbetrug rigoros bestraft wird - und bestimmt nicht das letzte Mal. In Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen sitzen wegen weiterer offenkundiger Betrügereien sechs Beschuldigte in Untersuchungshaft, die Ermittlungen reichen bis ins Ausland. Zwei kriminelle Banden sollen über Österreich, Spanien und andere Staaten mehrere hunderttausend Menschen um fast 25 Millionen Euro erleichtert haben. Im Baden-Württemberger Fall hatte die in Bonn ansässige Bundesnetzagentur für Telekommunikation geholfen, den mutmaßlichen Tätern auf die Spur zu kommen.

Die Netzagentur beaufsichtigt die Telefonbranche, an ihrer Spitze steht Präsident Matthias Kurth. Er ist unzufrieden und verlangt von Bundesregierung und Bundestag, seiner Behörde mehr Ermittlungsbefugnisse einzuräumen. Nur so ließen sich offenkundig illegale Werbeanrufe aus Call-Centern besser verfolgen, glaubt er. Bislang hat die Netzagentur nicht das Recht, sich von den Telefongesellschaften die Verbindungsdaten geben zu lassen.

Hilfreich wäre es nach Kurths Ansicht auch, wenn seine Behörde selbst unerlaubte Werbeanrufe härter bestrafen könnte. Eine "zügige und deutliche Erhöhung" des Bußgeldrahmens auf 500.000 Euro in jedem einzelnen Fall hätte "abschreckende Wirkung", sagt Kurth. Gegenwärtig kann die Bonner Behörde maximal 50.000 Euro pro Verstoß verlangen. Die Netzagentur hat bisher in etlichen Fällen insgesamt knapp 700.000 Euro Bußgeld wegen verbotener Telefonwerbung verhängt.