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Wirecard:Einmal mit KPMG nach Manila und zurück

Straßenszene in Manila im Jahr 2017. Die KPMG-Mitarbeiter kamen erst später in die philippinische Hauptstadt.

(Foto: NOEL CELIS/AFP)

Im Untersuchungsausschuss zum Wirecard-Skandal berichtet ein Wirtschaftsprüfer von der vergeblichen und teils bizarren Suche nach dem fehlenden Geld.

Von Lena Kampf, Berlin

Die Suche nach dem Geld führte die Prüfer im März 2020 bis in eine kleine Bankfiliale in einem Shoppingcenter in der philippinischen Hauptstadt Manila. Nur wenige Minuten hätten sich die Kollegen dort aufgehalten, berichtet KPMG-Partner Alexander Geschonnek den Abgeordneten des Wirecard-Untersuchungsausschusses am Donnerstag. Die Kontounterlagen seien aus Datenschutzgründen nur in der Zentrale der Bank vorhanden, sagte ihnen demnach ein Mitarbeiter der Filiale. Auch der Besuch beim Anwalt des angeblichen Treuhänders in Manila hatte zuvor kein Ergebnis gebracht. Der Rechtsanwalt habe beteuert, Konten für Wirecard eingerichtet zu haben, auf Nachfrage aber keine entsprechenden Dokumente überreicht.

Was er beschreibt, changiert zwischen kafkaesk und abenteuerlich, doch der 50-Jährige schildert die Abläufe betont sachlich und nüchtern. Geschonnek und etwa 40 Mitarbeiter von KPMG waren im Oktober 2019 von Wirecard mit einer Sonderprüfung beauftragt worden. Sie sollten eine unabhängige Untersuchung durchführen, nachdem Berichte über angebliche Falschbuchungen in Singapur und weitere Vorwürfe in Bezug auf das Geschäftsgebaren der Wirecard AG bekannt geworden waren. Insbesondere ging es dabei um das Geschäft mit sogenannten Drittpartnern in Asien und 1,9 Milliarden Euro auf Treuhandkonten.

Größtes Hindernis der Prüfung war die allgemein "mangelnde Kooperationsbereitschaft"

Als größtes Hindernis für die Prüfung beschreibt Geschonnek die "mangelnde Kooperationsbereitschaft" von Wirecard. Dokumente seien gar nicht oder mit mehrmonatiger Verspätung bereitgestellt, Interviews mit Mitarbeitern oder externen Ansprechpartnern seien immer wieder verschoben worden oder hätten überhaupt nicht stattgefunden, Datenbanken und IT-Systeme seien unzureichend gewesen oder hätten komplett gefehlt. Monatelang sei es so gelaufen: "Nachgefragt, nicht bekommen, nachgefragt, nicht bekommen". Über diese Probleme habe er regelmäßig den Aufsichtsrat von Wirecard informiert.

So machten sich die Prüfer von KPMG persönlich auf nach Manila. Begleitet wurden sie vom inzwischen flüchtigen und per Haftbefehl gesuchten Ex-Manager Jan Marsalek und anderen Wirecard-Mitarbeitern, sowie einem Mitarbeiter der Abschlussprüfer EY. "Wir haben uns gefragt, gibt es da nicht eventuell noch etwas, was wir bisher nicht gesehen haben?", sagt Geschonnek. Doch: "Der Besuch in Manila hat uns keine weiteren Informationen gebracht."

Ende April 2020 veröffentlichte KMPG ihr Gutachten, Geschonnek fasst es nun noch einmal zusammen: Es habe keine Nachweise für Umsätze und Kundenbeziehung oder die Existenz von Zahlungseingängen und Kontoguthaben gegeben. "Wir waren schon überrascht, dass wir das so feststellen mussten", sagt er. Wirecard hingegen hatte das Sondergutachten öffentlich als Entlastung gewertet und damit aus Sicht einiger Abgeordneter die Öffentlichkeit auch noch in die Irre geführt.

Auf Nachfragen der Abgeordneten, ob diese Probleme nicht auch den Abschlussprüfern von EY hätten auffallen müssen, beschreibt Geschonnek lediglich, nach welchen Standards KPMG arbeitet. "Die Fakten sprechen für sich." Jedoch habe sich die Aufsichtsprüferaufsichtstelle (APAS) im August mit der Bitte um Übersendung aller Unterlagen an KPMG gewandt.

Für den Abend sind in Berlin noch vier EY-Mitarbeiter vor den Untersuchungsausschuss geladen, die für die Testate von Jahresabschlüssen für Wirecard verantwortlich waren. Einer von ihnen verweigerte am Donnerstag die Aussage. Christian Orth, der nach eigener Angabe bei EY die Abteilung für interne Qualitätssicherung leitet, sagte, er wolle sich zum Fall Wirecard nicht äußern, bevor die Rechtslage nicht geklärt sei. Orth betonte aber, ein uneingeschränkter Bestätigungsvermerk von Wirtschaftsprüfern sei kein Gütesiegel für ein Unternehmen. Wirtschaftsprüfer hätten zwar eine kritische Grundhaltung, gingen aber nicht grundsätzlich davon aus, es mit einem Betrüger zu tun zu haben. Die Arbeitsweise des Wirtschaftsprüfers baue "leider" auch auf Vertrauen, sagte er. Auch von den anderen EY-Mitarbeitern wird erwartet, dass sie die Aussage verweigern. Gegen zwei Prüfer läuft offenbar ein berufsrechtliches Verfahren der APAS.

© SZ/sry
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