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Kommentar:Wirecard und seine Fans

Viele Analysten haben im Fall Wirecard nicht getan, was von ihnen erwartet wird: sich ernsthaft in die Bilanzen eingraben. Das sollte eine Lehre für Privatanleger sein.

Von Meike Schreiber

Wenn große Banken wie die Commerzbank oder die ING fast 200 Millionen Euro mit Krediten an eine Pleitefirma wie Wirecard verlieren, dann gehen die Geldhäuser schnell zur Tagesordnung über. Kredite fallen eben mal aus. Dass man sich von einer als Dax-Konzern getarnten Pommesbude wie Wirecard hat an der Nase herumführen lassen? Unschön, aber damit war man ja nicht alleine.

Privatanleger, die ihre Altersvorsorge verloren haben, können nicht so schnell zur Tagesordnung übergehen. Sie werden noch Jahre unter dem Verlust leiden. Natürlich ist jeder am Ende selbst verantwortlich, zumal nun wirklich bekannt ist, dass man keine riesigen Beträge auf einzelne Aktien setzen sollte. Dass die Anleger aber zusehen mussten, wie sich ein regulierter Dax-Konzern in Luft auflöst, das ist schon bemerkenswert. Daran aber sind auch die Wertpapieranalysten schuld, jene Banker also, die bei Commerzbank, M.M. Warburg, Hauck & Aufhäuser oder bei der Investmentbank Kepler Cheuvreux und im Auftrag von Fondsgesellschaften Unternehmen bewerten.

Fast alle haben sie unentwegt und fälschlicherweise den Eindruck erweckt, dass Wirecard ein funktionierendes und ungewöhnlich einträgliches Geschäftsmodell hat, weswegen der Kurs nur immer weiter steigen könne. Teilweise haben sie sogar Journalisten verunglimpft, die das gemacht haben, was allen voran die Analysten hätten tun sollen: sich ernsthaft in die Bilanzen eingraben. Auf die Spitze getrieben hat dies eine Analystin der Commerzbank, welche den Journalisten der Financial Times 2019 unterstellt hat, mit Spekulanten gemeinsame Sache zu machen.

Stattdessen sind viele der vermeintlichen Zahlen-Nerds blind dem Marketinggeschwätz von Wirecard-Chef Markus Braun gefolgt: Noch im Frühjahr 2019, als die Financial Times schon mehrfach kritisch berichtet hatte, rieten mehr als zwanzig Analysten zum Kauf oder Halten der Wirecard-Aktie. Nur drei trauten sich eine Verkaufsempfehlung zu. Die Analysten waren alles andere als kritische Begleiter. Sie waren Fans. Fast alle blieben bis zuletzt treu.

Eine zweite Meinung einholen ist gut, ganz vertrauen sollte man ihr aber nicht

Für Privatanleger wie Profi-Investoren muss dies eine Warnung sein. Die Zahl der Aktionäre ist im vergangenen Jahr in Deutschland deutlich gestiegen. Gerade jüngere Leute wenden sich der Börse zu, investieren über neue Internet-Broker auch in einzelne Aktien. Wer Zugang hat zu Analystenstudien oder deren Empfehlungen über Internetforen folgt, der kann diese freilich als zweite Meinung nutzen: Er oder sie sollte ihnen aber niemals ganz vertrauen.

Die Banken mögen noch so oft beteuern, dass ihre Wertpapierexperten unabhängig sind: Das stimmt leider nicht. Der Wirecard-Fall hat dies noch einmal eindrücklich vor Augen geführt. Denn für Analysten, die eine Aktie zum Verkauf empfehlen, wird es unbequem; deren Bank kommt womöglich nicht als Berater zum Zuge, wenn das Unternehmen eine Übernahme plant. In vorauseilendem Gehorsam raten viele Analysten lieber zum Kauf. Und wenn es schiefgeht, war man in guter Gesellschaft. Man muss sich daher als Anleger die Mühe machen, sich selbst eine Meinung zu bilden. Das ist leichter gesagt als getan, aber es ist schon mal ein guter Ansatz, nur in Firmen zu investieren, die man halbwegs versteht.

Die meisten Analysten denken viel zu kurzfristig: Wenn es wie bei Wirecard Jahre dauert, bis der Schwindel auffliegt, und die Aktie steigt und steigt, dann hat kaum einer den Mut, zum Verkauf zu raten. Schließlich wollen die Kunden bei den Fondsgesellschaften die Party feiern, solange sie läuft. Hauptsache, man hat am Ende rechtzeitig verkauft.

Nach dem Fall Enron gab es neue Regeln, doch die halfen nicht viel

Dabei ist Wirecard nicht der erste Fall dieser Art. Als der US-Energiekonzern Enron vor zwanzig Jahren nach Bilanzfälschung pleiteging, hatten vor dem Zusammenbruch sämtliche Analysten die Aktie zum Kauf empfohlen. Die Folge waren strengere Regeln: Jahrelang hatten die Banken ihr Finanzresearch quasi gratis an die Fondsgesellschaften verteilt, die diese Expertise in ihre Kaufentscheidung von Wertpapieren einfließen ließen. Im Austausch für die Studien wickelten die Fonds den gebührenpflichtigen Handel über die Bank des Analysten ab. Es war ein System, von dem irgendwie alle profitierten - außer den Anlegern. Die EU hat das System unterbunden. Nun müssen die Fonds direkt für die Analysen bezahlen. Die Regeln waren gut gemeint, halfen aber nicht viel. Statt in gutes und unabhängiges Research zu investieren, dünnten die meisten Banken ihre Analysten-Abteilungen aus. So sehr, dass sie sich damit nun selbst überflüssig gemacht haben.

© SZ
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