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Wikipedia:Konkurrenz? Lösch ich einfach

Den Nebenbuhler bei Wikipedia entfernen - dafür muss ein französisches Unternehmen nun Strafe zahlen. In der Online-Enzyklopädie gelistet zu sein, ist wertvolle Werbung. Auch in Deutschland klicken sich Wettbewerbshüter durch Wikipedia.

Wikipedia ist eine tolle Einstiegsquelle, für Themen von der Ackerbeere (eine Brombeeren-Art) bis zum Zuckerrübenschnitzel (ein Tierfutter). Firmen haben das längst erkannt. Das eigene Unternehmen soll nicht zu schlecht dargestellt werden - deswegen kämpft die Wikipedia-Aufsicht immer wieder gegen zu werbliche Einträge. In Frankreich hat es allerdings ein Unternehmen auf die Spitze getrieben: Aus einem Artikel löschte es den Verweis auf einen Konkurrenten. Dafür wurde es jetzt verurteilt.

Zehn Jahre Wikipedia

Eine Konkurrenz-Firma einfach so aus der Wikipedia entfernt? Das wird teuer.

(Foto: dpa)

Im französischen Wikipedia-Artikel über Micropaiement wird neutral erklärt, wie kleine Bezahlungen im Internet ablaufen. Ganz unten gibt es einen Abschnitt, der verschiedene Firmen aufzählt, die diesen Service in Frankreich anbieten. Dort wird auch Rentabiliweb genannt - was dem Konkurrenzunternehmen Hi-Media missfiel, das einen ähnlichen Dienst anbietet. Kurzerhand löschte ein Mitarbeiter im Sommer 2008 den Verweis zu Rentabiliweb.

Jede Änderung an der Wikipedia wird allerdings dokumentiert - so auch dieser. Dabei wird die IP-Adresse gespeicht, also die Identifikation, mit der ein Computer ins Internet geht. Die Nummernkombination 84.14.140.2 führte direkt zu Hi-Media. So sah es auch das Gericht in seiner Urteilsbegründung. Hi-Media hatte argumentiert, dass alleine die IP nicht eindeutig zeige, welche Person die Änderung vorgenommen habe. Diesen Einwurf ließ das Gericht aber nicht gelten.

Durch die Löschung sieht sich die Firma hinter Rentabiliweb massiv geschädigt und forderte 150.000 Euro Schadensersatz. Zwar erkannte das Gericht an, dass dem Unternehmen Unrecht geschehen war. "Diese Löschung hat für Rentabiliweb einen offensichtlichen Schaden verursacht", urteilte der Richter. Doch könne Rentabiliweb nicht vorrechnen, wie viele potentiellen Kunden dadurch verlorengegangen sind. Deswegen kappte das Gericht den Schadensersatz auf 25.000 Euro. Ein Internetnutzer besuche typischerweise nicht Wikipedia, um sich über Anbieter zu informieren, so die Begründung.

Doch bei Wikipedia gut dazustehen, ist mittlerweile eine ernsthafte Marketing-Frage. Eine Firma, die erwähnt ist, wird wahrgenommen. Wer googelt, sieht an erster Stelle oft einen Treffer aus Wikipedia. Das macht die Seite so relevant. Ein Beispiel aus der Medienwelt: Zitiert die Enzyklopädie einen Nachrichtentext, erhält dieser weiterhin Tausende Zugriffe, auch wenn er schon lange nicht mehr auf der Nachrichtenseite direkt zu sehen ist.

Wikipedia rät: Nicht über sich selbst schreiben

In Deutschland gibt es bislang kein vergleichbares Urteil. Aktenkundig ist, dass Unternehmen sich bei Wikipedia mit Schmutz bewerfen. Ein deutsche Gericht würde aber ähnlich entscheiden, sagen Juristen. "Diese zielgerichtete Schädigung ist nicht zulässig", sagt Hauke Hansen sueddeutsche.de, Rechtsanwalt bei der Wirtschaftskanzlei FPS in Frankfurt. Dies sei Behinderung im wettbewerbsrechtlichen Sinne.

Damit strittige Fälle erst gar nicht auftauchen, hat sich Wikipedia Relevanzkriterien verordnet. Sie legen fest, wann überhaupt ein Artikel über ein Unternehmen angelegt werden darf. Beispielsweise muss es an der Börse gehandelt werden oder mindestens 1000 Vollzeitmitarbeiter beschäftigen. "Die freie Enzyklopädie ist kein Branchenbuch", erklärt ein Sprecher von Wikimedia, einem Förderverein für Wikipedia.

Außerdem legt das Mitmach-Lexikon großen Wert auf Neutralität. Subjektive Wertungen und fehlende Quellenbelege sind der häufigste Grund, dass eine Änderung sofort von Administratoren kassiert wird. Deswegen rät Wikipedia jedem, Unternehmen wie Privatpersonen, nicht über sich selbst zu schreiben und warnt explizit vor Enttäuschungen: "Beiträge von Selbstdarstellern prüfen die Wikipedia-Teilnehmer erfahrungsgemäß besonders kritisch und mit viel Misstrauen."

So sehen es auch die französischen Kollegen: Die Liste aller kommerziellen Anbieter im Artikel Micropaiement sei zu werblich, entschied ein Wikipedianer an diesem Mittwoch. Jetzt sind alle Unternehmensnamen komplett gestrichen.

© sueddeutsche.de/bbr/hgn

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