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Weltbild:Die Bandage gibt's gleich dazu

Droege übernimmt Weltbild

Fast sechs Jahre nach der Insolvenz macht Weltbild wieder Gewinn.

(Foto: Stefan Puchner/dpa)

Knapp sechs Jahre nach der Insolvenz wächst die Buchkette Weltbild wieder - mit Gesundheitsartikeln und Pflanzen. Dabei soll das Internetgeschäft künftig im Vordergrund stehen.

Von Dieter Sürig

Die Welt ist manchmal kleiner, als einem lieb sein dürfte: Knapp sechs Jahre nach der Insolvenz der ehemals mächtigen Buchkette Weltbild waren die Augsburger im Oktober erstmals wieder mit einem eigenen Stand auf der Frankfurter Buchmesse vertreten - als einer von 7450 Ausstellern. Die Organisatoren platzierten das Unternehmen ausgerechnet direkt neben der ungleich größeren Messepräsenz des Bastei Lübbe. Der wiederum wird seit einigen Jahren von Carel Halff geführt, der langjährige Weltbild-Chef hatte den Buchhändler kurz nach der Insolvenz Anfang 2014 verlassen müssen.

Während Halff bei Weltbild mal mehr als rund 300 Buchhandlungen und 6400 Mitarbeiter mit 1,7 Milliarden Euro Umsatz regierte, hat sein Nachnachfolger Christian Sailer heute noch 104 Läden, knapp 1100 Beschäftigte, für das laufende Jahr voraussichtlich 450 Millionen Euro Umsatz in den Büchern stehen - und macht zum zweiten Mal in Folge wieder Gewinn. Bei den ersten beiden Parametern soll sich mittelfristig auch nicht so viel ändern. Sailer hat aber ein ehrgeiziges Ziel, was den Umsatz betrifft: "Kurzfristig wollen wir wieder auf 500 Millionen Euro Umsatz kommen", sagt er der Süddeutschen Zeitung. "Wir wollen aber nicht um jeden Preis wachsen, sondern setzen auf profitables und gesundes Wachstum mit besseren Margen." Mittel- und langfristig sei sogar eine Milliarde Euro drin - durch Zukäufe und organisches Wachstum.

Der 47-Jährige macht dabei zwei Dinge klar: "Das Buch wird weiterhin im Vordergrund stehen, und die Filialen werden immer ein integraler Bestandteil sein" - neben Internet und Katalog. Aber: "Wir setzen eher auf den Online-Handel, weil er im Marketing ganz andere Möglichkeiten bietet", nicht zuletzt wegen personalisierter Angebote. Schon jetzt erzielen die Augsburger 50 Prozent des Umsatzes im Internet, sagt Sailer, der Weltbild seit dem Frühjahr 2018 führt. Dass die Reise für ihn eher in Richtung Online geht, bedeutet auch, dass die Zahl der Filialen überschaubar bleiben soll, während andere Buchhändler wie Thalia-Mayersche und Osiander wenige Jahre nach der Branchenkrise wieder expandieren.

Das Unternehmen braucht die Läden, um in den Innenstädten präsent zu sein

"Wir sind tendenziell etwas kleiner geworden, weil wir uns Standort für Standort angesehen haben", sagt Sailer. Sprich: Jedes Geschäft muss rentabel, die Miete muss bezahlbar sein. Als Zielgröße hat er sich 100 Filialen in Deutschland, Österreich und der Schweiz notiert - inklusive knapp 20 Jokers-Filialen, die als Resterampe dienen. "Damit wären wir eigentlich für die Sichtbarkeit der Marke ganz glücklich." Es soll ein Kommen und Gehen werden: Einige Läden werden also noch geschlossen, "wir wollen aber im nächsten Jahr wieder Filialen in guten Lagen eröffnen". Ganz auf Läden verzichten will Sailer nämlich nicht, um in den Innenstädten präsent zu bleiben. In Deutschland gibt es derzeit noch 52 reine Weltbild-Läden.

Die verbliebenen Filialen sollen dabei ausdrücklich Buchläden bleiben und nicht den Gemischtwarenhandel abbilden, den Weltbild mittlerweile im Internet anbietet. "Wir bleiben mit den Filialen definitiv als Buchhandel sichtbar", versichert Sailer. Er spricht von einem Anteil von 75 Prozent, den Bücher, aber auch Kalender, Filme, Musik, Hörbücher in den Filialen ausmachen, über alle Kanäle sind es etwa 50 Prozent. Zu den anderen Produkten gehören etwa Geschenkartikel und Vogelhäuschen sowie neuerdings auch Gesundheitsartikel, die Weltbild vor allem auf seiner neuen Internetplattform namens Orbisana anbietet: Im Sortiment sind auch Fitnessgeräte oder Rollatoren, welche die Ladenflächen aber wohl eher nicht füllen werden. Sailer denkt an eine Gesundheitsecke mit kleinen Helferlein, die der Ladenkunde quasi im Vorbeigehen mitnehmen kann. Nach dem Motto: Neben dem Buch mit Rückenübungen gibt es gleich die Bandage dazu.

Die Kernzielgruppe ist nach wie vor 45 bis 70 Jahre alt und eher weiblich

Orbisana soll vor allem die Altersgruppe 60 plus ansprechen, die auch sonst noch über vermeintlich antiquierte Vertriebswege Kontakt zu Weltbild hält. "50 Prozent unserer Kunden kommen mittlerweile über Suchmaschinen oder unser Onlinemagazin", sagt Sailer, "aber wir haben immer noch den Katalog mit 20 Millionen Auflage im Jahr." Vor der Insolvenz 2014 hatte Weltbild noch doppelt so viele Kataloge verschickt. Die Kernzielgruppe Sailers ist nach wie vor 45 bis 70 Jahre alt und eher weiblich. Weltbild hat sogar noch die klassischen Kunden in der Kartei, die die Bestellseite im Katalog händisch ausfüllen: "Wir hatten kürzlich die Bestellung einer 95-Jährigen Dame", erzählt Sailer. Andererseits spricht Weltbild verstärkt ein jüngeres Publikum an: Die Augsburger bieten mittlerweile auch eine Katalog-App, ein Radio als Webstream, Online-Kurse und eine Fitness-App, um neue Kunden zu gewinnen.

Dies soll auch über neue Themenwelten passieren, auf die Kunden per Suchmaschine stoßen können. "Wir haben mittlerweile nicht mehr die Denke 'Wir müssen ein Buch verkaufen'", sagt er, "sondern 'Wir wollen den Kunden bei seinen Interessen abholen'", sagt Sailer. Buchexperte Werner Ballhaus von der Beraterfirma PwC sieht darin eine logische Folge des stagnierenden Buchgeschäfts. "Einige deutsche Buchhandelsketten suchen derzeit nach neuen Wegen, um über Zusatzgeschäfte ihre Erlöse zu steigern", sagt er. Wie aus dem neuen Media Outlook von PwC hervorgeht, belasten der Online-Handel und steigende Kosten das stationäre Geschäft. Deshalb könne eine Ausweitung des Sortiments sinnvoll sein, sagt Ballhaus. "Die Filialisten werden mit dieser Strategie dann erfolgreich sein, wenn die Produkte zu ihrem Buchsortiment passen."

Jüngstes Beispiel bei Weltbild ist neben Orbisana der Gärtner Pötschke aus Kaarst mit 40 Millionen Euro Jahresumsatz, den Weltbilds Mutterkonzern Droege im August aus der Insolvenz heraus übernommen hat. Der Versender verkauft Pflanzen und Gartenbedarf, aber auch eigene Fachbücher und Kalender. "Das passt hervorragend in unser Konzept", sagt Sailer. Er denkt bei zwei, drei Themen über weitere Zukäufe nach, um das Sortiment peu à peu zu erweitern. Eines ist ihm dabei besonders wichtig: "Wir setzen auf Artikel, die es nur bei uns gibt." Das treffe derzeit auf die Hälfte der Ware zu, darunter auch Buchlizenzausgaben, angepeilt werden 70 Prozent. Letztlich scheint sich dieses Konzept zu bewähren: Innerhalb eines Jahres konnte das Unternehmen mehr als zwölf Prozent Neukunden gewinnen.

© SZ vom 15.11.2019

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