Hype um Web3:Der Traum vom Krypto-Netz der Zukunft

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Hype um Web3: Sieht aus, wie eine Blockchain aussehen könnte: Bei der 1E9-Konferenz gab es Projektionen an die Kuppel des Planetariums und den Ethereum-Erfinder Vitalik Buterin per Fernschalte.

Sieht aus, wie eine Blockchain aussehen könnte: Bei der 1E9-Konferenz gab es Projektionen an die Kuppel des Planetariums und den Ethereum-Erfinder Vitalik Buterin per Fernschalte.

(Foto: Michael Förtsch/1E9)

"Web3" soll das Internet heißen, in dem Facebook & Co. nichts mehr zu sagen haben. Das Problem ist nur, dass das Ganze auf einer Blockchain laufen soll.

Von Jannis Brühl

Das erste Internet knarzte laut durchs Modem und sah ziemlich hässlich aus. Dafür bot es in den Neunzigern ungeahnte Freiheiten, es gehörte irgendwie niemandem, und niemand erhob Anspruch darauf. Nach diesem Wilden Westen verschob sich im neuen Jahrtausend im "Web 2.0" - dem Zeitalter der sozialen Netzwerke - die Macht hin zu Konzernen. Sie zentralisierten das Netz, getrieben von Bergen an Wagniskapital, mit denen die Großen auch die idealistischsten Programmierer und besten Start-up-Ideen wegkauften. Google, Facebook, Instagram entwickelten Überwachungssysteme, die die Welt noch nicht gesehen hat. Sie häuften Datensilos an über das Leben der Nutzer an.

Jetzt steht das Internet vor seiner dritten Inkarnation, und mit der soll wieder alles radikal anders werden. Das glauben zumindest die Verfechter des Web3. Das neue Buzzword wird meist kleingeschrieben wie ein ironisch hingerotzter Kommentar auf Twitter. Die Idee: die Blockchain-Technologie, auf der schon die Kryptowährung Bitcoin basiert, soll das gesamte Internet durchziehen und Konzernen und Profi-Investoren die Macht entreißen. "Dezentralisierung" ist das Zauberwort: Ziel ist ein Internet mit vielen kleinen, von Nutzern selbstverwalteten Einheiten, an denen jeder Anteile - Tokens - halten kann. Jeder soll sich an der Zukunft seine Anteile kaufen können, mit Besitzrechten, die auf der Blockchain, also einem dezentralisierten, unveränderbaren Verzeichnis, digital eingraviert sind. Böse ist hier, was nach Zentralisierung riecht: Tech-Konzerne, Behörden, Banken.

Wie die Idee vom Web3 eine ganze Szene beflügelt, lässt sich auf der Digitalkonferenz 1e9 im Deutschen Museum beobachten, die dem Thema vergangene Woche einen Tag gewidmet hat. Auf den Podium herrscht gutgelaunte Revolutionsstimmung. Alexander Lange, früher bei Google und jetzt Krypto-Investor, schwärmt von offenen, transparenten Systemen, in denen jeder Besitzrechte hält statt nur die Konzerne, die sagen, wie das Web aussehen soll. Auf dem Bildschirm hinter ihm leuchtet Disneyland als Negativbeispiel für eine von einem Konzern entworfene, geschlossene Welt. Daneben Manhattans Straßenschluchten, kaum geplant, dafür gewachsen und aufregend: Wie Manhattan soll das neue Web sein.

Die wunderbare Welt des Metaversums

Yingzi Yuan, beim Spiele-Studio Ubisoft für neue Technologien zuständig, sagt: "Wir können mehr Menschen aus dem Web 2.0 ins Web3 bringen und zusammen die wunderbare Welt des Metaversums bauen." Metaversum ist das Schlagwort, unter dem sich Facebook, Microsoft und die Gaming-Industrie eine Art omnipräsente virtuelle Welt vorstellen, in denen man per Virtual-Reality-Brille eintaucht und in der sich digitale Gegenstände kaufen lassen wie in einem riesigen, virtuellen Einkaufszentrum. Yuan und Lange träumen von Avataren, virtuellen Abbildern ihrer Besitzer im Internet. Nur diese können mit dem richtigen Passcode über ihr virtuelles Abbild verfügen. So soll das Netz nicht mehr aus Fake-Personen und Kopien von Kopien bestehen. Identität und Besitz sollen sich wie mit einem Eintrag beim Amt in der realen Welt nachweisen lassen.

Christoph Jentzsch erklärt, wie das konkret gehen soll. Er promovierte in theoretischer Physik, ehe er zu jenem Team stieß, das Ethereum konstruierte - die Blockchain, auf der das Web3 vor allem laufen soll. Jentzsch sagt: "Wer bei Uber Auto fährt und eine 5-Sterne-Bewertung angehäuft hat und danach zum Konkurrenten Lyft geht, der fängt dort wieder bei Null an. Im Web3 kann ich das mitnehmen. Im Web 2 gab es nur Daten-Silos." Dafür müssten allerdings erst einmal ernstzunehmende Alternativen zu Uber auf Blockchain-Basis entstehen. Die Nutzeroberflächen sind für Laien noch notorisch unpraktisch. Ähnlich war es bei jener Konferenzteilnehmerin, die ihr Online-Spiel vorstellte, eine Art Blockchain-Schnitzeljagd mit digitalen Gegenständen. Sie musste zugeben, dass sie für neue Mitspieler auf Twitter angewiesen ist - eine jener zentralen Strukturen, die im Web3 eigentlich überflüssig sein sollen.

Milliarden Dollar fließen in Krypto-Projekte

Trotz aller Skepsis unter IT-Fachleuten hat die Subkultur der Krypto-Prediger in diesem Jahr den Mainstream erreicht. Risikokapitalgeber pumpen Milliarden Dollar in Krypto-Firmen, die das Web3 versprechen. Adidas verkündete soeben, man kooperiere mit Coinbase, der großen Online-Börse für Kryptowährungen. Vergangene Woche wurde ein Stück virtuelles Land für 2,4 Millionen Dollar verkauft. Genau: Land, das nur im Internet existiert. Modemarken sollen dort Klamotten wie auf einem virtuellen Laufsteg ausstellen. Unklar bleibt wie bei vielen Krypto-Geschäftsmodellen, was das von einer normalen Website mit digitalen Model-Figuren unterscheiden soll.

Es wirkt wie eine Satire auf den Immobilienboom, doch das Konzept der digitalen Anlageobjekte wird nachvollziehbarer, wenn sich auch ältere Menschen vergegenwärtigen: Mehr als eine Generation von Jugendlichen ist mit dem Konzept digitaler Gegenstände aufgewachsen. In vielen Computerspielen ist es Normalität, virtuelle Klamotten oder Waffen zu kaufen, allen voran im Welterfolg "Fortnite". Wer allerdings einwendet, dass das Konzept "Besitz" im Netz wenig Sinn ergibt, weil man ja auch einfach mit einem Rechtsklick jedes Bild kopieren kann, dem wird in der Szene abfällig "Rechtsklicker-Mentalität" vorgeworfen - ein poetischer Höhepunkt dieser ganzen Schlagwort-Orgie.

Auffällig ist, wie politische und finanzielle Motive verschmelzen. Alexander Lange spricht von "Demokratisierung des Zugangs zu Assets": Jeder, nicht nur Profi-Investoren mit besten Beziehungen, soll binnen Sekunden Anteile an praktisch allem kaufen können. Vom Start-up, dessen App-Idee er unterstützen will, bis zum NFT - jenen Besitzrechten an digitalen Kunstwerken, die in diesem Jahr für Millionensummen verkauft wurden. Es ist das "Volksaktien"-Versprechen der Telekom auf Steroiden - und natürlich auf der Blockchain.

Das Problem Blockchain

Bei der Blockchain liegt auch eines der Grundprobleme des Web3. Unter anderem der Hackerverein Chaos Computer Club argumentiert: Die Blockchain sei eine passende Lösung, um digitales Geld zu schaffen wie den Bitcoin. Doch davon abgesehen gebe es schlicht keine Probleme, die sich mit Blockchain besser lösen ließen als ohne. Noch weiter geht Stephen Diehl. Der britische Programmierer und Blogger argumentiert, Krypto-Assets seien genauso wertlos wie jene "Besitzurkunden" für einzelne Sterne im All, die clevere Unternehmer in den Neunzigern verkauften.

Mehrere Konferenzteilnehmer geben auch zu: Scams - also Betrügereien - sind ein Problem im Krypto-System. Der digitale Goldrausch zieht Abzocker an, die Geld einsammeln und dann verschwinden. Schließlich handelt es sich bei vielen "Token" praktisch um unregulierte Wertpapiere. Christoph Jentzsch sagt: "Man kann technisch nichts dagegen tun. Sehr viele NFT-Projekte sind ja auch einfach nur Scams. Es gibt eben keine zentrale technische Institution, die das regulieren könnte. Aber die Freiheit, so schnell neues hochziehen zu können, ist es wert." Kleinanlegerschutz gebe es keinen. Das ist der libertäre Geist hinter "Krypto": kein Staat, keine Institutionen - und keine Hilfe, wenn es schiefgeht. In Gesprächen am Rande der Konferenz wird die Europäische Zentralbank scharf kritisiert und ein Finanzcrash vorhergesagt.

Der Schöpfer des Weltcomputers wirkt immerhin, als würde er sich ein bisschen schämen. Vitalik Buterin ist auf der Konferenz zugeschaltet, er trägt ein schwarzes T-Shirt, zu dem seine Augenringe farblich passen. So sehen Menschen aus, die mit Freude die ganze Nacht programmieren. Er distanziert sich von den Betrügereien. "Diese get-rich-quick-Mentalität, die da hochgekommen ist", passe gar nicht zu seinem Projekt Ethereum. Der schmächtige Mann ist eine Art messianische Figur in der Kryptowelt. Er gilt als Computergenie und hat mit 19 Jahren die Bitcoin-Idee weiterentwickelt, mit Jentzsch und anderen das dezentrale Ethereum-System gebaut. Ethereums Spitzname: Weltcomputer - da sich damit alle möglichen Anwendungen programmieren lassen, während Bitcoin ausschließlich als digitales Geld - beziehungsweise Spekulationsobjekt - funktioniert.

Blockchain: "Das Transparenteste, was es gibt"

Buterin hakt die Scammer zügig ab, er spricht so schnell wie er denkt, und das ist sehr schnell. Er träumt von "Crypto-Cities", in denen Bürger über ihre Anteile auf der Blockchain quasi mitregieren. Die ersten "City Token" gibt es schon in Miami, wo die Stadt mit ihrem Verkauf Millionen Dollar eingenommen hat.

Mit dem Verzicht auf Regulierung und zentrale Institutionen geht also auch eine Demokratisierung der Betrugsmöglichkeiten einher. Dennoch bleibt Alexander Lange dabei: Die Blockchain sei das Transparenteste, was es gibt, ein "Quantensprung ausgehend von den unsicheren und stark korrumpierten Finanzinfrastrukturen der Gegenwart. Das beweisen Geldwäsche-Fälle, die System haben, wie etwa bei HSBC oder Deutscher Bank." Das erklärt vielleicht am ehesten die Anziehungskraft, die das Web3 auf viele Menschen ausübt: Das System der Banken und Tech-Konzerne, das die Revolutionäre angreifen, lässt sich manchmal einfach nicht verteidigen.

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