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Automobilindustrie:Der Abtritt von Osterloh verschiebt die Machtverhältnisse bei VW

Volkswagen Pressekonferenz

Quizfrage: Wer hat hier das Sagen? Szene aus dem Jahr 2018, links Vorstandschef Herbert Diess, rechts Bernd Osterloh, der langjährige Betriebsratschef.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Über Jahre gelang es Bernd Osterloh, den Weltkonzern VW aus dem Betriebsrat heraus zu lenken. Jetzt wechselt er für viel Geld auf die Nebenbühne, zur Lkw-Tochter nach München - und in Wolfsburg bleibt ein Mann zurück, den das geradezu entzücken dürfte.

Von Thomas Fromm und Max Hägler

Um zu ermessen, welche Bedeutung dieser Bernd Osterloh hat, der da beim größten Industriekonzern Europas gerade die Bühne verlässt, gibt es etliche Beispiele. Besonders hübsch ist jene Anekdote von einem Abendessen mit Herbert Diess vor einigen Monaten. Man sitzt mit dem Vorstandschef von Volkswagen in einem Separee des Rotehof, dem unternehmenseigenen Managerhotel in Wolfsburg. Ein Kellner reicht Wein, Diess erklärt dabei die Herausforderungen des Umbaus von Verbrennertechnik hin zu Elektroautos. Und er spricht vor allem davon, dass dieser Konzern verkrustet sei, zu langsam. Das liege auch an der so starken Arbeitnehmerschaft. Aber Sie sind doch der Chef in Wolfsburg - oder wer hat denn die Macht? "Bernd Osterloh", antwortet Diess. Es ist ihm ernst. Der oberste Arbeitnehmervertreter Osterloh galt lange als der "König von Wolfsburg", ihm könne es am Ende egal sein, wer über ihm (oder: unter ihm?) Vorstandsvorsitzender ist, sagte man lange in Wolfsburg.

Nun tritt der König ab, und nicht nur in Wolfsburg fragt man sich, was das alles zu bedeuten hat. "Ich verlasse heute mein Büro an der Südstraße im Werk Wolfsburg an meinem letzten Tag als Vorsitzender der Arbeitnehmervertretung", schreibt er am Vormittag an die Belegschaft. Seit 16 Jahren ist er Betriebsratschef, seit 44 Jahren und elf Tagen ist er im Unternehmen, das hat er genau ausgerechnet in dem Brief, der voller Pathos schließt: "Ja, ich habe viel geopfert." Dann führt er sein Alter an - und, das ist die Überraschung: ein neues Jobangebot. Jobangebot, schön und gut, aber Alter? Osterloh ist 64, da setzen sich andere zur Ruhe. Er aber wechselt die Seiten, und wenn ein Kämpfer für Arbeitnehmerrechte so etwas tut, lohnt es sich, genauer hinzuschauen: Osterloh wird nun Personalvorstand bei der zu VW gehörenden Lastwagen-Holding Traton, in der die Marken MAN und Scania vereint sind und bald auch der große US-Hersteller Navistar. "Diese Aufgabe reizt mich. Ich will noch einmal unternehmerisch gestalten", schreibt er.

Osterloh wechselt nicht nur die Seite, sondern auch die Gehaltsklasse

Einen Drei-Jahresvertrag bis 2024 bekommt er dafür, dotiert mit zwei Millionen Euro im Jahr. Osterloh wechselt also nicht nur die Seite, sondern auch die Einkommensklasse. Ein Schritt - und das ist das Besondere an dieser Konstruktion - von der am Ende womöglich drei Seiten profitieren werden: VW-Chef Diess, denn der ist seinen ärgsten Widersacher auf der Arbeitnehmerseite los. Osterloh, denn der kann jetzt endlich Manager werden und wie ein Manager verdienen, mit Dienstsitz München. Und die Arbeitnehmerseite bei der VW-Tochter Traton, die hofft, dass sie der Neue in München stärkt, weil sie gerade mitten in einem ziemlich wilden Sparprogramm steckt.

Wenn man so will, also eine Win-win-win-Situation.

Osterloh - auffallend und nachhaltig fester Händedruck, durchaus raumfüllende Präsenz, manchmal auch etwas rauer im Umgang - passt gut zu einem Geschäft, in dem es ja nicht um kleine Autos, sondern um große Lkw und Busse geht. So gut, dass man sich ernsthaft fragen könnte, warum er erst jetzt dahin gekommen ist. Kollegen, die ihn kennen, sagen: Mit Nutzfahrzeugen kenne er sich aus, da müsse er sich jetzt nicht erst noch "sechs Monate lang einarbeiten". Und doch gibt es in der Münchner Lkw-Zentrale Menschen, die jetzt überrascht sind, vielleicht sogar: überrumpelt. Osterloh von Wolfsburg nach München, davon habe man "kurzfristig" und "ohne große Vorwarnung" erfahren. Wie kurzfristig, will man nicht sagen, aber "kalt erwischt" habe es schon den einen oder anderen. Es gibt aber durchaus auch andere, die meinen, dass der Wechsel alles andere als kurzfristig war. So sollen Traton-Betriebsrat und IG Metall seit längerem schon darauf hingearbeitet haben, dass der mächtige Betriebsratschef nach München wechselt.

Der Arbeiterführer aus dem Norden käme gerade zur rechten Zeit: Da ist der bevorstehende Zusammenschluss mit den amerikanischen Lkw-Bauer Navistar. Außerdem sollen 3500 Stellen bei der Traton-Tochter MAN abgebaut werden, was erst der Anfang eines großen Umbaus sein dürfte. MAN will seine Lkw und Busse in den kommenden Jahren auf elektrische Antriebe umstellen, auch das wird Folgen für die Beschäftigten haben. Der Wolfsburger Arbeiterführer Osterloh als Traton-Trucker - für viele Arbeitnehmervertreter hat so ein Seitenwechsel auch sein Gutes. Ein zwangsläufiger Verrat an der Sache der Arbeiter ist er jedenfalls nicht.

Chefs kamen und gingen. Er war immer da. Das ließ er Diess auch spüren

Osterloh wird jetzt also viel Zeit in München verbringen. Er ist zwar Herzens-Niedersachse, aber ein bisschen Chichi gefällt dem gelernten Industriekaufmann schon, also dürfte das passen. Er ließ sich schon mal mit teurem Gucci-Schal ablichten für die Betriebsratspostille. Von all zu großen Irritationen danach bei der Belegschaft ist nichts bekannt, man ist in Wolfsburg eben gewohnt, dass die Grenzen zwischen Arbeit und Kapital fließend sind.

Was nicht nur an dem machtbewussten Osterloh liegt, sondern auch historisch begründet ist: Die demokratisch orientierte britische Militärverwaltung hat nach dem Zweiten Weltkrieg verfügt, dass der Staat an VW beteiligt bleibt - so ist das Land Niedersachsen Großaktionär neben den Familien Porsche und Piech. Die Briten verfügten dabei auch, dass die Arbeitnehmer deutlicher als anderswo mitreden, was Osterloh stets eifrig beherzigt hatte. Die Arbeitgeberseite wiederum pflegte das Verhältnis zu den Belegschaftsvertretern eine Zeit lang derart, dass es die Staatsanwaltschaft auf den Plan gerufen hat: Im September beginnt in Braunschweig ein Prozess gegen VW-Manager, die zwischen 2011 und 2016 "ungerechtfertigte" Vergütungen für Betriebsräte veranlasst haben sollen. Es geht auch um 3,1 Millionen Euro für Bernd Osterloh. Der Vorwurf, gegen den sich alle wehren: Untreue.

Osterloh jedenfalls ließ immer wieder durchblicken, dass er nicht nur Arbeiterführer sei, sondern auch für hochbezahlte Managementposten angefragt werde. Legendär sein in einem Aktenordner geheftetes Konzept, mit dem er das Stammwerk Wolfsburg effizienter machen wollte, ohne viele Jobs zu streichen. Oder 2010 seine Forderung, VW müsse eigene Batteriefabriken bauen. In diesem Jahr entschied sich das Management für seine Forderung: Sechs "Gigafactories" sind nun geplant. Ein Betriebsvorsitzender, der operativ mitmischt und dem Vorstandschef dabei in die Parade fährt, so hatte er sich selbst inszeniert.

Gerne verwies Osterloh darauf, dass Diess durch ihn erst an die Führung der Marke Volkswagen und an die Spitze des Konzerns gelangt sei. Aus seiner Sicht stellte sich das wohl so dar: Er, der Betriebsratschef, war ja immer da. Vorstandchefs aber kamen und gingen. Das Binnenverhältnis der beiden wurde im Laufe der Zeit zu einem weiteren Stück im ewigen VW-Theater. Wenn der VW-Chef zum Beispiel wieder mal seine Sparpläne ausrief, wurde aus dem Arbeitnehmerlage gestreut, Diess reiße mit dem "Hintern" Kompromisse ein. Wenn es um sprachliche Finessen ging, war man in Wolfsburg schon immer lieber direkt. Und keine Kritik am Fehlstart des Golf 8 im vergangenen Jahr war so hart wie jene von Osterloh. Diess musste danach die Verantwortung für die Marke VW abgeben. Chefs werden gerufen, Chefs werden abgerufen.

Als man den beiden einmal öffentlich ein gemeinsames Kaffeetrinken zur Aussprache vorschlug, geriet auch das zur Machtprobe. Wer soll zu wem ins Büro kommen? Das Büro Osterloh gewann damals. Wohl kaum, weil es da den besseren Kaffee gab. Man sprach in einem Betriebsrats-Kämmerchen, auf der Kommode stand ein Gewerkschafts-Gartenzwerg, an der Wand hingen Osterloh-Plakate. Diess und sein Pressesprecher klopften und setzten sich zum Gastgeber, der maliziös lächelte. Zuvor hatte Osterloh verbreitet, was er von Diess halte: Guter Manager mit den richtigen Ideen, aber leider ohne diplomatisches Talent. Vor allem habe der Mann die Wolfsburger Eigenheiten nicht verstanden. Anders als er, klar.

Als Osterloh 2005 antrat, baute VW mit 345 000 Mitarbeitern 5,2 Millionen Autos und Lkw im Jahr. Im vergangenen Jahr bauten 663 000 Mitarbeiter 9,2 Millionen Fahrzeuge. "Meine Bilanz ist rundum positiv", schreibt Osterloh. Seine Bilanz. Wieso er dann geht? Weil im kommenden Jahr die Wahlen für den Betriebsrat anstehen, und beim Nachdenken sei ihm eine wichtige Erkenntnis gekommen: "Unser Motto 'gemeinsam unschlagbar' hängt nicht an meiner Person." Vor allem, weil es mit seiner jetzigen Stellvertreterin Daniela Cavallo eine starke Nachfolgerin gebe. Diess kommentiert das Geschehen am Freitag so: Osterloh habe die Fähigkeit, Menschen mitzunehmen und zum Wandel beigetragen. "Er hat das Management konstruktiv hinterfragt und damit immer wieder geholfen, am Unternehmensinteresse orientierte Lösungen zu finden." Ein Wort des Dankes findet sich nicht. Man darf trotzdem sicher sein, dass es für Diess ein herausragend guter Tag ist.

© SZ/kläs
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