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Verfall der Erdöl-Preise:Es tropft

A Thai soldier in white biohazard suit takes part in a clean-up operation at Ao Prao Beach on Koh Samet

Öl für die Welt: Folgen eines Pipeline-Lecks.

(Foto: Athit Perawongmetha/Reuters)

In Amerika gibt es Öl im Überfluss, der Rohstoff wird immer billiger. Die neue Energie-Supermacht USA setzt die Opec-Länder unter Druck. Wenn sich die Organisation ölexportierender Länder heute in Wien trifft, hat sie ein Ziel: den Preisverfall zumindest zu stoppen.

Es gab einmal eine Zeit, da hat die Welt vor solchen Treffen gezittert: Wenn die Ölminister der Organisation Erdöl exportierender Staaten (Opec) beschlossen, ihre Förderung zu kürzen und die Preise zu erhöhen, konnte das eine globale Rezession auslösen. Das hat sich gründlich geändert. Wenn an diesem Donnerstag in Wien die Opec-Minister tagen, geht es nicht um höhere Preise, sondern allenfalls darum, ob es gelingt, deren Fall zu stoppen. Kurz zuvor war Saudi-Arabien mit dem Versuch gescheitert, sich mit den Nicht-Opec-Mitgliedern Russland und Mexiko auf eine Begrenzung der Förderung zu einigen.

Selbst Experten sind überrascht, wie viel Öl es gegenwärtig auf dem Weltmarkt gibt. Allein seit Juni ist der Preis um nicht weniger als 28 Prozent gefallen. Ein Fass (159 Liter) der Sorte West Texas Intermediate (WTI) kostete am Mittwoch an der New Yorker Rohstoffbörse weniger als 74 Dollar. Mitte Juni waren es noch 103 Dollar gewesen. An deutschen Tankstellen ist Benzin so billig wie seit vier Jahren nicht mehr. Der Effekt wäre noch stärker, hätte der Euro nicht gegenüber dem Dollar deutlich an Wert verloren. Und dies vor dem Hintergrund von Weltkrisen, die eigentlich den Preis treiben sollten: ein unerklärter Krieg in der Ostukraine, Vorboten eines neuen Kalten Krieges zwischen Russland und dem Westen, Krieg in Syrien und Irak.

Das Angebot steigt, die Nachfrage ist geringer als gedacht

Der Preissturz hat zwei Ursachen: Die Nachfrage ist geringer als erwartet, weil die Volkswirtschaften Asiens und Europas langsamer wachsen oder sogar am Rande einer Rezession stehen. Vor allem aber steigt das Angebot dramatisch, weil die USA innerhalb weniger Jahre zum größten Ölproduzenten der Welt aufgestiegen sind. Im vergangenen Jahr überholten sie Saudi-Arabien, das bestimmende Land in der Opec. In nur sechs Jahren stieg die Förderung um 70 Prozent.

Der Preisverfall von Rohöl im Sommer 2014. Zum Vergrößern der Grafik bitte klicken.

Ihren Aufstieg zur Energie-Supermacht verdanken die Vereinigten Staaten dem Fracking. Bei diesem Verfahren, gegen das viele Umweltschützer erhebliche Bedenken haben, wird Schiefergestein mit einer Mischung aus Wasser, Sand und Chemikalien aufgesprengt und das darin enthaltene Erdgas oder Erdöl freigesetzt. Ressourcen, die zuvor unerreichbar erschienen, kommen so plötzlich auf den Markt. North Dakota wurde dank seiner Lage auf dem "Bakken"-Schieferfeld über Nacht zum zweitgrößten Öl-Bundesstaat der USA - vor Texas.

Energieexperten sprechen längst von einer "Fracking-Revolution". Zu Recht: Der Energieboom hat Konsequenzen, die noch kaum abzusehen sind. So haben die USA jetzt einen wirksamen Hebel, um ihr Handelsdefizit zu senken; niedrige Energiepreise fördern die Reindustrialisierung des Landes; Durchschnittsamerikaner sparen Geld, das sie für andere Dinge ausgeben können. Im dritten Quartal ist die US-Wirtschaftsleistung um 3,9 Prozent gestiegen. Von solch einem Wert können die Deutschen nur träumen. Der Ölboom hat zu diesem Wachstum beigetragen.

Noch wichtiger sind die geopolitischen Folgen. Der Preissturz schadet vor allem Ölproduzenten, die den USA und dem Westen insgesamt feindlich gesonnen sind - vor allem Russland, Iran und Venezuela. Der Ölminister Venezuelas, Rafael Ramirez, forderte unmittelbar vor Beginn der Opec-Tagung in Wien, der Ölpreis solle wieder auf 100 Dollar getrieben werden. In Wirklichkeit bräuchte die Regierung Venezuelas einen Ölpreis von 162 Dollar, um den Haushalt auszugleichen, heißt es in dem Analystenbericht der Deutschen Bank. Der Anteil der zwölf Opec-Mitglieder an den Öl-Importen der USA ist auf 40 Prozent gesunken, den niedrigsten Stand seit fast 30 Jahren. 1976 waren schon einmal 88 Prozent des US-Verbrauchs von der Opec gekommen.

Wilde Spekulationen über die Motive Saudi-Arabiens

Bisher hat die Opec nicht erkennbar auf die wachsende Konkurrenz aus den USA reagiert. Im Gegenteil: Die Mitglieder steigerten zuletzt sogar noch ihre Produktion ein wenig. Dies löste wilde Spekulationen über die Motive Saudi-Arabiens aus. Die Saudis, so eine Theorie, fördern unverdrossen drauflos, um mit niedrigen Preisen den Boom in Amerika abzuwürgen. Nach einer anderen paktieren Amerikaner und Saudis, um Russen und Iraner klein zu halten. Für beide Theorien gibt es keine Belege. Plausibel ist aber die Vermutung, dass Saudi-Arabien ganz einfach seinen Marktanteil verteidigen will. "Der Markt wird sich selbst stabilisieren", sagte der saudische Ölminister Ali Al-Naimi in Wien. Die Mitgliedsstaaten seien zu der Übereinkunft gekommen, bei den Gesprächen keine Drosselung zu beschließen, berichtete Reuters unter Berufung auf einen Insider.

Umstritten ist, wie tief der Ölpreis noch fallen kann, ehe die neuen Quellen in Amerika unrentabel werden und der Boom zu seinem Ende kommt. Abdallah Salem El-Badri, Generalsekretär der Opec, meinte, die US würden schon dann in Schwierigkeiten kommen, wenn die Preise so niedrig bleiben wie derzeit. Marianne Kah, Chefvolkswirtin bei Conoco Phillips, glaubt dagegen, dass die USA erst dann an ihre Grenzen stoßen, wenn der Preis unter die Marke von 50 Dollar fällt.

Konsequenzen hat der Ölboom auch für die Debatten über den Umweltschutz. Seit der Club of Rome 1972 seinen ersten Bericht über die "Grenzen des Wachstums" vorlegte, ist die Endlichkeit der Ressourcen ein festes Thema in der öffentlichen Diskussion. Weil ein Jahr nach Veröffentlichung die erste große Ölkrise ausbrach, stellten sich viele bereits auf das nahe Ende des Ölzeitalters ein. Heute, mehr als 40 Jahre später, gibt es mehr Öl auf dem Markt denn je.

Das aber kann leicht zu falschen Schlüssen führen. An der fundamentalen Knappheit des Erdöls hat sich durch den Boom nichts geändert. Die Vorräte sind begrenzt, es wird also einen Tag geben, von dem an die Ölproduktion sinken wird - in der Fachdiskussion "Peak Oil" genannt. Nur ist dieser Tag eben viel schwerer zu bestimmen, als die meisten Wachstumskritiker glauben. Der technische Fortschritt brachte das Fracking, er kann auch noch andere Überraschungen bringen. Möglicherweise wird man den "Peak Oil" erst erkennen, wenn er bereits eingetreten ist.

Billiges Benzin

Das Timing für solch einen Ölpreisverfall könnte kaum besser sein, gerade jetzt, da das Wachstum der deutschen Wirtschaft schwächelt. Jetzt, wenn die Weihnachtsmärkte öffnen, heimelige Beleuchtung die Fußgängerzonen schmückt und es allerorts von den Werbeplakaten und Broschüren schreit: Kauft! Bitte! Mehr!

Zumindest Autofahrer können das zum diesjährigen Weihnachtsfest tun, denn sie müssen derzeit Woche für Woche weniger Geld an der Tankstelle ausgeben und haben mehr für andere Dinge übrig. Ökonomen sprechen bei Benzin und Diesel von einer "unelastischen Nachfrage": Wenn die Kraftstoffe teurer werden, tanken Autofahrer nicht weniger, zumal viele auf ihr Auto angewiesen sind. Noch stärker gilt das für Unternehmen, die ihre Lkws nicht wegen steigender Preise stehen lassen. Höhere Benzinpreise wirken sich also in zweierlei Hinsicht auf Verbraucher aus: An der Zapfsäule und im Geschäft, wo Unternehmen einen Teil der steigenden Kosten an die Kunden weiterreichen. Nachdem der Ölpreis seit Juni zu sinken begann, zogen zunächst mit einiger Verzögerung auch die Preise für Kraftstoffe nach. Am Mittwoch kostete ein Liter Superbenzin (E 10) nach einer Erhebung des ADAC im bundesweiten Durchschnitt nur noch 1,416 Euro, der Liter Diesel hat sich seit vergangener Woche unter der Marke von 1,30 Euro gehalten - so günstig war Sprit seit dem Herbst vor vier Jahren nicht mehr. Seit Ende 2010 befanden sich die Preise für Treibstoff in einem Aufwärtstrend, der sich in diesem Jahr umkehrte. Rechnet man die Inflation mit ein, sind die aktuellen Preise sogar niedriger als vor einigen Jahren. Allerdings sind die Zahlen auf den Anzeigetafeln der Tankstellenbetreiber nicht so deutlich gesunken wie der Ölpreis. Das hat im Wesentlichen mit zwei Effekten zu tun: Erstens werden Benzin mit 65 Cent, Diesel mit 47 Cent pro Liter pauschal besteuert, hinzu kommt die Mehrwertsteuer. Variabel ist nur der restliche Preisanteil. Zweitens wird Öl auf dem Weltmarkt in Dollar gehandelt, Benzin auf dem deutschen Markt aber in Euro. Und der ist im Vergleich zum Dollar seit Monaten deutlich im Wert gefallen. Für jeden Euro kann man sich also weniger Erdöl leisten - so verringert die Wechselkursentwicklung den Preiseffekt beim Öl. Jan Willmroth

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