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Venezuela:Milliardenschatz

Ein Londoner Gericht soll klären, wem Venezuelas Gold gehört. Mehrere Tonnen des Edelmetalls hat das Land bei der Bank of England gebunkert. Nun möchte die Regierung einen Teil des Goldes zu Geld machen. Aber ist sie dazu auch legitimiert?

Von Christoph Gurk, Buenos Aires

Neun riesige Tresore voll mit Gold liegen mitten im Herzen Londons unter der Erde. 400 000 Barren sind es, insgesamt mehrere hundert Milliarden wert. Zum größten Teil gehört das Gold fremden Ländern. Dort, in der altehrwürdigen Bank of England, haben sie Teile ihrer Reserven gebunkert, warum auch nicht? In den vergangenen drei Jahrhunderten sei kein Krümelchen Edelmetall abhanden gekommen, rühmt man sich in London. Nur die Besitzer selbst kommen an das Gold, doch genau dieser simple Grundsatz wird im Falle Venezuelas nun zu einem Problem.

Gleich mehrere Tonnen Edelmetall hat das südamerikanische Land in England über die Jahrzehnte hinweg untergebracht. Nun möchte Venezuela einen Teil davon wieder zu Geld machen, knapp eine Milliarde Euro sollen so frei werden für den Kampf gegen Covid-19, die Frage ist nun aber, ob die Regierung in Caracas genauso legitim ist wie ihr Anliegen. Um das zu klären läuft nun seit Montag sogar ein Prozess in London. Die Richter sollen entscheiden, wer Zugang zum Gold hat - und damit auch, wer die rechtmäßige Regierung Venezuelas ist.

Nicolás Maduro, 57, ist seit 2013 Präsident Venezuelas. Seine Regierung wurde 2018 in umstrittenen Wahlen im Amt bestätigt. Sie stützt sich auf das Militär. Beobachter werfen der Regierung Menschenrechtsverbrechen vor.

(Foto: Marcelo Garcia/AFP)

Seit mehr als einem Jahr tobt in dem Land ein erbitterter Machtkampf. Auf der einen Seite steht Nicolás Maduro: Der ehemalige Busfahrer und Gewerkschaftsführer hatte 2013 sein Amt von Hugo Chávez übernommen, einer Ikone der lateinamerikanischen Linken. 2018 wurde Maduro wiedergewählt, allerdings unter sehr fragwürdigen Umständen. International wurden die Wahlen kaum anerkannt und als sich Anfang 2019 dann der Oppositionspolitiker Juan Guaidó zum Interimspräsidenten ernannte, bekam er sofort Unterstützung von den USA und mehreren Dutzend weiterer Länder, darunter auch Deutschland und das Vereinigte Königreich.

Allerdings hat es Guaidó bis heute nicht geschafft, Maduro zu entmachten. Hinter ihm stehen Russland, China, Iran und vor allem das Militär. Dazu haben selbst die Länder, die Guaidó als rechtmäßigen Führer anerkannt haben, nicht unbedingt alle Beziehungen zur sozialistischen Regierung abgebrochen. Das sorgt immer wieder für Verwirrung, offiziell Entsandte der Interimsregierung bekommen oft keine Diplomatenvisa, Caracas dafür keinen Zugang zu den Vermögen im Ausland, dabei bräuchte das Land sie mehr als dringend.

Juan Guaidó, 36, ist der Vorsitzende von Venezuelas Nationalversammlung. 2019 erklärte er sich zum Interimspräsidenten. Knapp 60 Länder erkannten ihn an, seither tobt ein Machtkampf mit der sozialistischen Regierung.

(Foto: Matias Delacroix/AP)

Schon vor dem Machtkampf zwischen Regierung und Opposition steckte Venezuela in einer tiefen, allumfassenden Krise. Schuld daran, sagt Nicolás Maduro sei vor allem ein Wirtschaftsembargo der USA. Kritiker dagegen sagen, die Regierung selbst habe mit Korruption und Missmanagement das einst so reiche Land heruntergewirtschaftet. Heute jedenfalls ist die Inflation die höchste weltweit, es herrscht Hunger und Mangel, sogar Benzin ist knapp, dabei verfügt Venezuela über die vermutlich größten Erdölreserven der Welt. Doch die Produktion ist eingebrochen, damit fehlen wiederum Devisen. In den letzten Jahren, sagten Beobachter, habe die Regierung darum mehrere Tonnen heimischen Goldes zu Geld gemacht. Doch nun scheinen sich die Vorräte im Land zu erschöpfen, während gleichzeitig besonders dringend Devisen gebraucht werden, um die Coronaepidemie zu bekämpfen.

Bisher hat das Virus Venezuela zumindest offiziell noch halbwegs verschont. 4000 Fälle gibt es laut Regierung, dazu 35 Tote. Allerdings warnen Experten vor einer Katastrophe. Das Gesundheitssystem ist schon vor Jahren faktisch zusammengebrochen, es fehlt in Krankenhäusern selbst an grundlegendem Material, Geräten und Medikamenten. Genau um diese Vorräte wieder aufzufüllen brauche man nun eben Devisen, sagt die Regierung von Nicolás Maduro. Wie dringend die Lage ist, zeigt sich allein schon dadurch, dass Venezuela schon im März um fünf Milliarden Dollar Krisenhilfe beim Internationalen Währungsfonds angefragt hatte, ausgerechnet, galt der IWF der Regierung in Caracas doch bisher nur als verlängerter Arm der US-Imperialisten. Tatsächlich wurde der Antrag dann auch abgelehnt, mit der Begründung, es bestehe keine Klarheit darüber, wer denn nun eigentlich die rechtmäßige Regierung des Landes sei. Mit genau der gleichen Argumentation scheiterte Caracas dann bei der Bank of England - und reichte daraufhin Klage ein.

Die Anwälte auf Seiten von Nicolás Maduro sagen, es handele sich um einen Notfall und die Bank of England würde mit ihrer Unnachgiebigkeit Menschenleben aufs Spiel setzen. Der selbsternannte Interimspräsident Juan Guaidó wiederum warnt davor, die Regierung wolle das Gold nicht für humanitäre Zwecke nutzen, sondern in die eigene Tasche stecken. Ein Urteil zu Gunsten des Maduro-Regimes könnte einen Präzedenzfall schaffen, der Tresortore auf der ganzen Welt öffnen könnte. Der Prozess in London ist zunächst auf vier Tage angesetzt, ein Urteil wird in den nächsten Wochen erwartet.

© SZ vom 24.06.2020

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