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Griechenlands Ex-Finanzminister:Yanis Varoufakis und die Zukunft der Welt

Former Greek Finance Minister Yanis Varoufakis speaks at meeting organised by the People's Assembly in London, Britain

Immer ohne Krawatte, nicht immer gut gelaunt: Der griechische Ex-Finanzminister, Yanis Varoufakis, ist auf Tour für sein neues Buch. Und für ein neues Europa.

(Foto: REUTERS)

"Lassen Sie mich meine Frustration mit Ihnen teilen": In München wirbt Griechenlands Ex-Finanzminister Varoufakis für sein Buch - und kündigt eine politische Kampagne an.

Von Lea Hampel

Dieser Mann scheut keine großen Worte. Das war schon so, als Yanis Varoufakis noch griechischer Finanzminister war und ohne Krawatte, dafür aber mit Lederjacke und Mittelfinger für Aufsehen sorgte. Seit er im Juli zurückgetreten ist, laut eigenen Angaben aus Protest gegen die Politik der Troika, sind die Worte nicht eben kleiner geworden, im Gegenteil. "Time for Change" ("Zeit für Wandel") heißt denn auch sein im Juli erschienenes Buch, "Wie ich meiner Tochter die Wirtschaft erkläre" der Untertitel. Derzeit wird er wenig Zeit für diese elterlichen Gespräche haben, denn er reist durch die Welt, bewirbt das Buch und erklärt statt seiner Tochter anderen Erwachsenen seine Sicht auf Ökonomie, Europäische Union und die Zukunft Griechenlands. Dazu war er in Wien beim Kreisky-Forum und bei der linken Bürgermeisterin Barcelonas, Ada Colau. Er hat im geschichtsträchtigen Coimbra in Portugal gesprochen, beim italienischen Premierminister und an der Universität von Oxford. Am Mittwochabend war er Gast der "Münchner Seminare" von Süddeutscher Zeitung und Ifo-Institut. Kritiker unterstellen ihm, er wolle vor allem mit hoch dotierten Vorträgen reich werden. Der längst medienerfahrene Ex-Minister reagierte prompt und stellte eine Liste seiner Vorträge und der dafür erhobenen Honorare online.

Auch daran, wie wenige der Termine tatsächlich hoch dotiert sind, wird deutlich: Hier geht es längst nicht mehr nur um Werbung für ein Buch. Er wolle, so sagt Varoufakis, den Geist des Athener Frühlings ins Herz Europas tragen. Mit dem Frühling meint er die Aufbruchstimmung nach dem Wahlgewinn von Syriza. Konkret fordert Varoufakis eine Demokratisierung der ganzen Europäischen Union. Hier herrschen seiner Ansicht nach massive Defizite. Das will der Ökonom mithilfe einer Graswurzelbewegung ändern. Eine neue Partei will er dafür nicht gründen, es solle auch keine kleine Elite sein, die sich für diese Idee einsetze, sondern idealerweise, so Varoufakis im Interview mit der Internetplattform opendemocracy.

net, "eine Koalition der Bürger". Wie die Bewegung aussehen soll, wer ihm Unterstützung zugesagt hat - seinen Angaben zufolge auch Teile der SPD sowie der Linkspartei -, das behält er vorerst für sich, denn es brauche Zeit, so etwas aufzubauen. Klar ist bisher nur: Derzeit arbeiten er und andere an einer Schrift, die Grundlage der neuen Bewegung sein und vor Weihnachten erscheinen soll. Ein Manifest soll es werden. Keine Angst vor großen Worten eben.

© SZ vom 29.10.2015

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