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Unternehmensberater:Deloitte schluckt Roland Berger

Seit Wochen wurde das Geschäft geheim verhandelt - und kam unplanmäßig durch Indiskretionen heraus: Die Münchner Berater tauschen ihre Unabhängigkeit gegen Marktchancen im Ausland.

M. Beise und K.-H. Büschemann

Es klingt wie eine Fusion, aber es ist in Wirklichkeit eine Übernahme: Die einzige deutsche Strategieberatung von Weltgeltung, Roland Berger Strategy Consultants, schlüpft unter das Dach des Weltmarktführers Deloitte aus den Vereinigten Staaten und verliert ihre Unabhängigkeit.

Roland Berger, 2001

Mit dem Zusammenschluss mit dem Unternehmen Deloitte geht auch seine beeindruckende Gründergeschichte zuende: Unternehmensberater Roland Berger.

(Foto: ag.dpa)

Formal schließen sich die Münchner mit einem Teil der Beratungstochter von Deloitte zusammen. Die neue Firma mit dem Namen "Roland Berger Deloitte Strategy Consultants (RBDSC)" wird mit 2,8 Milliarden Dollar Umsatz (2,06 Milliarden Euro) die weltweit zweitgrößte Gesellschaft auf dem spezialisierten Feld der Strategieberatung sein nach McKinsey.

Für die weltweit führende Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Deloitte, mit einem Umsatz von 26,6 Milliarden Dollar seit kurzem die Nummer eins vor Price-Waterhouse-Coopers (PWC), ist Berger ein kleiner Fisch. Allein der Bereich Consulting, einer von vieren im Gesamtkonzern, macht im Jahr 7,5 Milliarden Dollar Umsatz. Diesem Bereich wird die neue Gesellschaft unterstellt.

Die Marke "Roland Berger" bleibt immerhin erhalten, die Berger-Leute sollen in der neuen Strategie-Firma die Führung übernehmen. Berger-Chef Martin Wittig wird Vorstandschef, Aufsichtsratschef Burkhard Schwenker Chairman. In den Vorstand soll das gesamte sechsköpfige Executive Committee von Berger einziehen; Deloitte-Manager Jeff Watts wird dort nur Stellvertreter.

Wittig ist allerdings in die Deloitte-Entscheidungsstränge eingebunden, er ist nur einer von zahlreichen Mitgliedern des Deloitte-Führungsteams und berichtet an die Deloitte-Chefs.

Das Geschäft wurde seit Wochen geheim verhandelt und am Mittwochabend unplanmäßig durch Indiskretionen bekannt. Beide Unternehmen bestätigten entsprechende fortgeschrittene Gespräche, verwiesen aber auf beiderseitige Partnertreffen Mitte Dezember, wo das Geschäft erst bestätigt werden muss.

Damit geht eine beeindruckende deutsche Gründergeschichte zu Ende. Vor mehr als 40 Jahren, 1967, hat der Diplombetriebswirt Roland Berger aus München eine Unternehmensberatung gegründet, als Ein-Mann-Unternehmen mit Sekretärin. Schnell profilierte er sich als Stratege für Unternehmenszusammenschlüsse. Der Reisekonzern TUI, entstanden aus mehreren Anbietern, war maßgeblich seine Idee.

Bereits nach zehn Jahren hatte Berger hundert Mitarbeiter und ging in den Chefetagen der deutschen Wirtschaft ein und aus. Der Plan einer europäischen Investmentbank, den er gemeinsam mit dem Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen entwickelt hatte, scheiterte nach dessen Ermordung durch die RAF. Berger hatte zu diesem Zeitpunkt schon fast die gesamte Firma an die Bank verkauft und musste zusammen mit seinen Partnern das Eigentum mühsam und teuer zurückerwerben.

Berger war auch in der Politik bestens vernetzt und beriet Kanzler und Spitzenpolitiker parteiübergreifend (und verdiente daran). Als sich der Patriarch im Sommer 2010 aus der Führung des Unternehmens zurückzog, erwirtschafteten 2000 Mitarbeiter 650 Millionen Euro Honorar-Umsatz. Berger ist noch mit etwas über drei Prozent an der Firma beteiligt. Sein Nach-Nachfolger als Firmenchef, Martin Wittig, versprach das Unternehmen in eine neue Zeit zu führen. Das hieß vor allem, wie jetzt deutlich wird, den lukrativen internationalen Markt zu erobern, auf dem Berger seit langem, aber eben nur unter "ferner liefen" tätig ist.

Durch die neue Konstruktion, wenn sie denn im Dezember durch alle Gremien geht, gewinnen die Roland-Berger-Partner mehr Einfluss auf die bedeutendsten Beratungsmärkte wie USA, Großbritannien, China und Frankreich. Auf dem Weg dahin müssen die Berger-Berater nun ihre Aktien verkaufen und anschließend Anteile der jeweiligen nationalen Deloitte-Gesellschaften zeichnen.

© SZ vom 18.11.2010/wolf

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