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Ungarn: Skandal-Aluminiumwerk MAL:Chef hinter Gittern: Nix gesagt, nix gemacht

Der Chef der ungarischen Aluminiumfirma MAL ist verhaftet worden - die Gesellschaft wird unter staatliche Aufsicht gestellt. Das ist auch eine Folge der desaströsen Unternehmenskommunikation.

Plötzlich geht alles ganz fix: Die Ungarische Aluminium AG (MAL) wird von der Landesregierung unter staatliche Aufsicht gestellt, die Vermögen der Gesellschaft sollen eingefroren werden - und Generaldirektor Zoltán Bakonyi, Sohn eines der MAL-Miteigentümer, sitzt nach Angaben des ungarischen Regierungschefs Viktor Orbán bereits in Untersuchungshaft. Dem Betreiber des Aluminiumwerks droht nach Regierungsangaben eine Geldbuße in Höhe von 73 Millionen Euro.

Chemieunfall in Ungarn - MAL-Geschäftsführer Bakonyi

Zoltan Bakonyi, Chef des ungarischen Aluminiumwerkes, ist am Montag verhaftet worden.

(Foto: dpa)

Orbán hat beunruhigend leichtes Spiel: Seine straff konservative Fidesz-Partei verfügt im Parlament nach den Wahlen im Frühjahr über eine Zweidrittel-Mehrheit, die für die staatliche Zwangskontrolle notwendigen Gesetze sollen womöglich noch am heutigen Montag im Parlament durchgewunken werden.

Die Produktion stoppen will offenbar auch die Regierung nicht - mehrere Tausend Arbeitsplätze hängen an dem Unternehmen und für viele Betroffene ist der Verlust des Eigenheims schon Katastrophe genug.

"Mitgefühl nicht in entsprechender Weise ausgedrückt"

Die Verhaftung von Bakonyi ist auch Folge der verheerenden Kommunikation des Unternehmens: Unmittelbar nach der Katastrophe hüllte es sich in Schweigen, dann stellte es den Dammbruch als "Naturkatastrophe" dar. In der offiziellen holprigen Übersetzung hieß es: "Laut der heutigen Situationsanalyse der Geschäftsführung konnte sie noch bei der sorgfältigen Einhaltung des technologischen Verfahrens die Zeichen der Katastrophe nicht wahrnehmen." Allerdings gab es schon im Juni Anzeichen dafür, dass aus den Becken Rotschlamm sickerte.

Später bot die Gesellschaft den Betroffenen, die alles verloren hatten, eine lächerlich geringe Soforthilfe von einigen Hundert Euro an. Zudem versicherte das Unternehmen mehrfach, der Schlamm sei nicht gefährlich - "nur baden sollten Sie darin nicht unbedingt". Eine Welle der Wut schwappte daraufhin über das Unternehmen wie die Rotschlamm-Lawine über die Dörfer.

Als schon alles zu spät war, bat das Unternehmen um Verzeihung: "Der Vorstand und die Führung der MAL Zrt. bitten um Entschuldigung darum auch, in den ersten Tagen der Katastrophe ihr Mitgefühl nicht in entsprechender Weise ausgedrückt haben zu können", heißt es in der deutschen Übersetzung, die am vergangenen Sonntag auf der Webseite veröffentlicht wurde.

Das Unternehmen stimme "mit vollem Maß mit Herren Ministerpräsident Viktor Orbán überein, dass die tatsächlichen Verantwortlichen gefunden werden sollen". Eilig wurde versichert, dass die MAL AG "im Anteil ihrer Verantwortung" für die Schäden aufkommen wolle. Geglaubt hat das offenbar niemand mehr.

Ohnehin ist unklar, inwieweit das Unternehmen je Schadenersatz zahlen kann: Zwar ist MAL bei der Allianz versichert, doch angeblich nur mit einer Versicherungssumme von höchstens einigen Millionen Euro. Zudem schreibt die Gesellschaft nach Angaben von Népszabadság Online schon seit Jahren Verluste. Daher sei auch die Unternehmensinfrastruktur vernachlässigt worden.

Unterdessen sind mehr als 4000 Einsatzkräfte in der Region im Einsatz, um die Verwüstungen zu beseitigen und eine mögliche zweite Giftschlammwelle zu verhindern. Allerdings haben sich in den vergangenen 24 Stunden die Risse in dem Damm des zweiten Beckens nicht weiter vergrößert, so dass die Gefahr eines weiteren Auslaufens von Giftschlamm weitgehend ausgeschlossen wurde. Der Bau eines neuen Dammes am Auffangbecken sei fast fertig, sagte der Chef des Katastrophenschutzes, Tibor Dobson.

© sueddeutsche.de/hgn/aum
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