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Umweltschutz:Im Sumpf der Sundarbans

Sundarban's Ecosystem And Residents Threatened By Rampal Power Plant

Die Sundarbans sind Lebenraum von Tigern, Flussdelfinen und Menschen. Zudem schützen die Mangrovenwälder das Hinterland vor Stürmen. Das Kohlekraftwerk Rampal könnte dieses Unesco-Weltnaturerbe gefährden.

(Foto: Getty Images)

Ein neues Kohlekraftwerk gefährdet Mangrovenwälder in Bangladesch. Auch deutsche Firmen unterstützen das Projekt. Nun regt sich auch hierzulande Protest gegen das Vorhaben.

Von Stefan Mayr und Arne Perras, Singapur/Stuttgart

Nibas Hader weiß, wo er suchen muss. Und erst vor wenigen Tagen hat er sie wieder aus den Wellen springen sehen: Flussdelfine. "Es waren sechs Tiere", erzählt er freudig am Telefon. Hader lebt am Rande des größten Mangrovengebietes der Welt, den Sundarbans. In gewöhnlichen Zeiten lotst er Forscher und Touristen durch das Labyrinth zwischen Land und Meer. Man war mit ihm schon unterwegs da draußen, 2018, auf einem Kahn. Doch seitdem Corona wütet, bleiben die Besucher aus. Hader ist zuversichtlich, dass sie wiederkommen. Und natürlich hofft er darauf, nein, er ist sich sicher, dass auch die Delfine noch lange springen werden, wie er es seit seiner Jugend kennt.

Ob er Recht behalten wird? Nicht alle teilen seinen Optimismus, Biologen fürchten um die Zukunft der Delfine. Und das hat vor allem mit einem großen Bauprojekt zu tun, das die Regierung von Bangladesch in der Gegend vorantreibt: Rampal, ein Kohlekraftwerk mit einer geplanten Kapazität von 1320 Megawatt. Nur 14 Kilometer liegt die Baustelle von den Mangrovenwäldern entfernt, deren Kerngebiete zum Unesco-Welterbe zählen. Sundarbans - das heißt "schöne Wälder". Hier ergießen sich die Ströme Ganges, Brahmaputra und Meghna in den Indischen Ozean. Sie formen mit ihren Sedimenten ein Delta, das teils zu Indien, teils zu Bangladesch gehört. Diese Welt bietet Tigern und Delfinen und vielen anderen gefährdeten Tieren und Pflanzen Schutz. Und nicht nur ihnen.

Die Menschen im dicht besiedelten Bangladesch, die oftmals scherzen, dass ihr Land so flach sei wie ein Pfannkuchen, brauchen die Mangroven. Sie bilden eine Pufferzone gegen die Zyklone, die sich über der Bucht von Bengalen aufbauen und dann mit Wucht auf das Land zurasen. Mit dem Klimawandel wächst das Risiko immer wilderer Stürme in der Region.

Kein Bauprojekt in Bangladesch ist derart umstritten wie Rampal, die Kritik zieht immer weitere Kreise, wie man vor wenigen Tagen selbst im fernen Stuttgart sehen konnte. Vor dem Hauptquartier des Ingenieur- und Beratungs-Unternehmens Fichtner GmbH & Co. KG versammeln sich etwa 30 Menschen zum Protest. "Stoppt das Kohlekraftwerk Rampal", steht auf einem Plakat. Aus dem Firmengebäude werfen Mitarbeiter hinter Vorhängen verstohlene Blicke auf die Straße. Dort verteilt Tonny Nowshin aus Bangladesch Flugblätter mit dem Slogan "Rettet die Sundarbans, Stoppt Fichtner!"

25 000 Menschen haben eine Internetpetition unterschrieben

Die Fichtner-Gruppe spielt bei Planung und Bau des Kraftwerks Rampal eine wichtige Rolle; Sie berät die Projektgesellschaft Bangladesh India Friendship Power Company (BIFPC) und prüft und überwacht den Baufortschritt. "Wir fordern Fichtner auf, seine Beteiligung am Bau des Kohlekraftwerks Rampal zu beenden", sagt Tonny Nowshin. "Die immensen ökologischen Schäden müssen verhindert werden." Nowshin hat eine Internetpetition initiiert, mehr als 25 000 Menschen haben unterschrieben.

Auf SZ-Anfrage äußert sich das Unternehmen erstmals öffentlich zu seinem wohl umstrittensten Auftrag. "Wir nehmen die Proteste und die Weltlage zur Klimaveränderung sehr ernst", sagt ein Sprecher. Bei der Abwägung über das Projekt Rampal gehe es aber nicht nur um die Frage nach fossilen Energieträgern; vielmehr gehe es um "alle drei Dimensionen der Nachhaltigkeit - Soziales, Umwelt, Wirtschaft - gleichermaßen."

Die Stromgewinnung aus Kohle sei für Bangladesch derzeit "eine zentrale Komponente" bei der Verbesserung der Infrastruktur und des Lebensstandards. "Ein Rückzug von Fichtner aus dem Engagement würde diese Aufgabe, die komplexer ist, als die Kritiker es darstellen, auf keinen Fall lösen." Im übrigen befinde sich der Standort "in ausreichender Entfernung" zum Weltnaturerbe-Areal.

Im Vollbetrieb werden jährlich knapp fünf Millionen Tonnen Kohle benötigt

Fichtner machte 2018 einen Umsatz von 246 Millionen Euro. Die Expertise der Stuttgarter ist weltbekannt. Das machte sich auch die Premierministerin von Bangladesch, Sheikh Hasina, zunutze, um Rampal anzupreisen. Das Know-how von Fichtner sei eine Garantie dafür, dass die Sundarbans unter dem Kraftwerk nicht leiden würden, versicherte sie dem Volk 2016. Die Gegner zeigen sich geschockt über diese Argumentation. "Wir sind sehr enttäuscht über die Beteiligung der Deutschen an diesem Vorhaben", sagt Anu Muhammad, Ökonom und führende Stimme des Widerstands, der am Telefon zu erreichen ist. Er wundert sich: Ausgerechnet aus Deutschland, das seine Kohlekraftwerke zum Schutz des Klimas stilllegt, soll nun Unterstützung für Rampal kommen?

Demonstrant Dieter Bareis kritisiert auch, dass Kredite aus Deutschland in die Finanzierung des Projekts flössen. Namentlich nennt er die Deutsche Bank, die DZ Bank und den Allianz-Konzern. Allerdings ist keine unmittelbare Beteiligung dieser Institute an dem Projekt nachweisbar. Bareis beruft sich auf eine Studie des US-Instituts für Energiewirtschaft und Finanzanalyse (IEEFA) aus dem Jahr 2016. Demnach gehörten die drei deutschen Banken zu den 50 wichtigsten Anleihegläubigern der indischen Exim-Bank, die wiederum das Rampal-Projekt mit einem Kredit finanziert. Auf Anfrage äußerten sich DZ-Bank und Allianz nicht. Beide betonen, dass sie generell keine Angaben zu einzelnen Positionen in Wertpapierportfolios machen. Die Deutsche Bank-Tochter DWS bestätigt, dass sie Anleihen an der Exim-Bank hält. Ein Sprecher betont, DWS spreche "Herausforderungen und Probleme des Rampal-Projektes an" und prüfe das Engagement kritisch. Die Exim-Bank sei aber auch in vielen anderen Projekten engagiert.

"Auch eine indirekte Finanzierung ist eine Finanzierung, nur merkt man es dann halt nicht so schnell", betont der Stuttgarter Kritiker Dieter Bareis. Behauptungen der Geldgeber, nachhaltig zu handeln, würden aber auch durch indirekte Finanzierung "als leere Worthülsen entlarvt". Bareis verweist auf den norwegischen Pensionsfonds und einige französische Banken, die sich aus der (auch indirekten) Finanzierung von Rampal zurückgezogen hätten.

Die Unesco beschäftigte sich in den vergangenen Jahren intensiv mit der Industrialisierung in der Nähe der Sundarbans. Die Weltnaturschutzunion IUCN empfahl der Unesco, die Mangrovenwälder in die Liste der gefährdeten Welterbestätten aufzunehmen. Doch dies verhinderte China, das in der Nähe von Rampal selbst Kohlekraftwerk-Projekte vorantreibt.

Auch Dieter Reinhardt vom Südasien-Institut der Uni Heidelberg beobachtet das Projekt mit Sorge. "Das Kraftwerk benötigt im Vollbetrieb jährlich knapp fünf Millionen Tonnen Kohle, die ausschließlich mit Schiffen angeliefert werden", sagt der Politikwissenschaftler. Die Transportroute verlaufe nur etwa zwei Kilometer am Weltnaturerbe vorbei. "Ein Schiffsunfall hätte gravierende Auswirkungen." Verteidiger des Rampal-Kraftwerks führen an, dass Bangladesch auf Kohle als 'Brückentechnologie' angewiesen sei. Aber in diesem speziellem Fall, betont Reinhardt, sei das Kraftwerk schon alleine deshalb untragbar, weil es in der Nähe eines Naturschutzgebiets errichtet wird. Auf der abgeschotteten Baustelle in Rampal ist bereits von weitem ein riesiges Gebäude zu sehen, aber wann genau Rampal in Betrieb gehen wird, ist noch völlig offen.

Wie dringend braucht das Land Bangladesch ein Kraftwerk wie Rampal? Auch darüber wird heftig gestritten. Die Regierung beharrte immer darauf, dass Rampal Wohlstand bringe, Jobs in der Region. Sie stellt das Projekt als alternativlos dar, Hunderttausende würden profitieren, versprach Sheikh Hasina, die sich persönlich für Rampal stark gemacht hat.

Die Gegner hingegen glauben, dass Bangladesch durch den Bau verlieren wird. Sie sehen die Profiteure vor allem in Indien, bei den Investoren und der Kohlelobby. Indien und China entwickelten verstärkt erneuerbare Energien, suchen aber gleichzeitig noch Absatz für Kohle in Ländern, wo das derzeit noch möglich ist. Zum Beispiel in Bangladesch. "Ich kann keinen anderen logischen Grund erkennen als den Versuch unserer Regierung, Indien mit Rampal zu gefallen", sagt Anu Muhammad, ein Ökonom. Die Regierungen in Delhi und Dhaka sind sich nahe, Rampal-Betreiber BIFPC ist ein binationales Joint Venture.

Die Stromversorgung ist dürftig. Schlechtes Management führt zu Ausfällen

Nicht nur die Emissionen alarmieren Bürgerrechtler und Naturschützer. Tausende Tonnen Kohle müssten jeden Tag per Schiff vom Ozean durch die Sundarbans manövriert, und mittendrin auf kleinere Schiffe umgeladen werden. Das Ausbaggern von tiefen Fahrrinnen hat schon begonnen. Nibas Hader, der weiß, wo die Delfine schwimmen, sieht die Schiffe, die mit Saugern den Sand vom Flussgrund holen. Zu Rampal will er nicht viel sagen, es gebe halt Leute, die protestierten, und dann mache die Regierung ohnehin, was sie für richtig halte, so sei das in Bangladesch, sagt er.

Ökologen halten das Ausbaggern für eine Sünde in einem so sensiblen Ökosystem, in dem alle Wasserwege miteinander vernetzt sind. Sie fürchten, dass mit den Kohleschiffen viel toxischer Staub eingetragen wird. "Es hat immer wieder Schiffsunfälle in den Sundarbans gegeben, sie transportierten Kohle, Zement, Öl, und jedes Mal war das Katastrophenmanagement verheerend", sagt Anu Muhammad. Auch deshalb sei Rampal ein großes Risiko.

Strom, das ist ein Dauerthema in Bangladesch, schlechtes Management sorgt für zermürbende Blackouts. Jahrzehnte lang bremste der Mangel an Strom das Land in seiner Entwicklung aus, dann aber wurde stark in den Sektor investiert. Hatte im Jahr 2000 nur jeder fünfte Bürger Zugang zu Strom, so steigerte der Staat diesen Anteil innerhalb von knapp zwei Jahrzehnten auf 85 Prozent. 2019 gab es aber bereits erste Warnungen vor Überkapazitäten, die den Staat sehr teuer kommen dürften, wie auch eine Studie des IEEFA belegt.

Die Covid-19-Krise verstärkt das Missverhältnis. Der Staat muss private Stromversorger mit hohen Summen entschädigen, weil das Virus die Wirtschaft hemmt, der Strom wird derzeit nicht gebraucht. Anu Muhammad zweifelt nicht daran, dass die Nachfrage in künftigen Jahren wieder steigen wird. Doch selbst, wenn Bangladesch neue Kapazitäten aufbauen muss, gäbe es doch Alternativen zur Kohle. Muhammad nennt Gasvorkommen vor der Küste sowie erneuerbare Energien, auf die sich der Staat konzentrieren müsse.

Ansonsten hofft der Ökonom darauf, dass die Corona-Krise ein Umdenken herbeiführt: "Wir müssen andere Prioritäten in der Entwicklung setzen." Das gelte besonders für Gebiete wie die Sundarbans, die wie ein großer Schild für die sturmgeplagte Bevölkerung wirken. "Dort muss man den Entwicklungsgedanken umdrehen. Dort sollte man nicht in Kraftwerke und Industrien, sondern in den Schutz des Waldes und der Flüsse investieren."

© SZ vom 03.07.2020

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