bedeckt München 28°

Umstrittene Großprojekte:Deutschland, einig Protestiererland

Der Streit um Stuttgart 21 eskaliert. Doch es gibt in Deutschland viele weitere umstrittene Großprojekte, in denen sich Politik und Bürger gegenüberstehen. Ein Überblick von Hamburg bis München. In Bildern.

8 Bilder

Germany Celebrates 20 Years Since Reunification

Quelle: Getty Images

1 / 8

Müssen Protestforscher Stuttgart bald in einem Atemzug mit Gorleben und Wackersdorf nennen? Der Konflikt um den geplanten unterirdischen Durchgangsbahnhof "Stuttgart 21" ist eskaliert. Kanzlerin Angela Merkel erklärte die Landtagswahl im kommenden März zur Volksabstimmung nicht nur über die Zukunft von Stuttgart 21, sondern auch vieler anderer Projekte.

In Deutschland gibt es kaum noch ein großes Projekt, das ohne Proteste über die Bühne geht. Einige Beispiele der vergangenen Jahre im Überblick.

Demonstration gegen dritte Start- und Landebahn

Quelle: ag.dpa

2 / 8

Dritte Landebahn München

Der Sonntag ist nicht nur der Tag des Herrn, sondern auch der Tag des Protests. Seit knapp vier Jahren demonstriert das Aktionsbündnis "aufgeMUCkt" Woche für Woche gegen die geplante dritte Start- und Landebahn des Flughafens München, vor kurzem zum 200. Mal. Das Bündnis fordert unter anderem, dass die geplante Kapazitätserhöhung nicht über eine neue Start- und Landebahn, sondern über die Nutzung größerer Flugzeuge funktionieren soll.

Gänzlich ohne Erfolg sind die Anstrengungen des Aktionsbündnisses und der anderen Protestgruppen nicht: Seit 2005 gibt es Planungen für das Projekt, 2007 wurde das Planfeststellungsverfahren eingeleitet, gegen das es aber fast 60.000 Einwendungen gab und das deswegen noch nicht abgeschlossen ist. Nun soll es noch eine neue Debattenrunde geben.

Die Befürworter des Ausbaus hoffen, dass mit dem Bau des Projekts 2012 begonnen wird - und dass zwei Jahre später die circa 4000 Meter lange Bahn fertig sein könnte.

Gruene kritisieren mit Lichtaktion Kohlekraftwerk in Datteln

Quelle: ddp

3 / 8

Kraftwerk Datteln

Mehr als 900 Millionen Euro hat der Energiekonzern Eon schon investiert, weitere 300 Millionen Euro hat er veranschlagt - irgendwann soll dann im westfälischen Datteln eines der modernsten Kohlekraftwerke Europas stehen, das unter dem Namen "Datteln 4" drei alte Blöcke ersetzen soll. Im kommenden Jahr sollte es ans Netz gehen. Doch Umweltverbände, Bürgerinitiativen und Anwohner kritisieren das Neubauprojekt massiv - mit Erfolg: Vor einem Jahr untersagte das Oberverwaltungsgericht Münster den Bau in zentralen Teilen. Mittlerweile ist das Kraftwerk auch zwischen die politischen Fronten geraten: Während der neue NRW-Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) davon ausgeht, dass Datteln nicht realisiert werden kann, sprach sich SPD-Fraktionschef Norbert Römer für die Fertigstellung aus.

Protest gegen Kohlekraftwerk Moorburg

Quelle: dpa

4 / 8

Kohlekraftwerk Hamburg-Moorburg

Eingefleischte Grünen-Anhänger waren irritiert. Ausgerechnet ein schwarz-grüner Hamburger Senat und ausgerechnet eine grüne Umweltsenatorin erteilten im September 2008 dem Energiekonzern Vattenfall die endgültige Genehmigung für den Bau des Kohlekraftwerkes Hamburg-Moorburg. Vor allem der enorme CO2-Ausstoß und die zu erwartenden Folgen für das Ökosystem an der Elbe waren die Gründe, weshalb zuvor mehr als 10.000 Unterschriften für eine Volkspetition gegen das Kohlekraftwerk gesammelt worden waren.

Immerhin einen Teilerfolg kann diese Bewegung für sich proklamieren, denn wegen der Auflagen wird das Kraftwerk nach der geplanten Eröffnung im Jahr 2012 an vielen Tagen im Jahr nur mit gedrosselter Leistung laufen.

Elbphilharmonie Concert Hall To Open Related

Quelle: Getty Images

5 / 8

Hafencity in Hamburg

Schick soll es hier werden, ein Viertel der hanseatisch-kaufmännischen Pracht. So sehen die Befürworter die Hafencity in Hamburg, bei dem ein Teil des Zentrums der Stadt neu gestaltet wird. Die Gegner des Projekts werfen den Bauherren vor, auf Luxuswohnungen zu setzen und so ein Ghetto für Reiche zu schaffen, in dem arme Menschen nichts mehr zu suchen hätten. Etwa 12.000 Hamburger könnten hier bald wohnen, 40.000 Büros entstehen außerdem.

U-Bahn-Baustelle Köln

Quelle: dpa

6 / 8

U-Bahn-Bau Köln

Eine neue U-Bahn soll her, die den Kölner Süden direkt mit dem Hauptbahnhof und dem Dom im Norden verbindet. Eigentlich eine gute Idee. Das Problem ist nur: Der neue Tunnel verläuft unter der eng bebauten Altstadt und dicht am Rhein. Immer wieder sickert Wasser in die metertiefen Gruben und behindert die komplizierten Bauarbeiten unter Tage. Im März 2009 verschluckt ein Bauloch das Stadtarchiv der Stadt Köln - zwei Menschen sterben, mittelalterliche Urkunden und der Nachlass von Heinrich Böll liegen unter meterhohem Geröll. Die Empörung ist groß, doch organisierte Proteste gibt es kaum.

Der damalige Oberbürgermeister zog die Konsequenzen und verzichtete auf seine Kandidatur bei der anstehenden Kommunalwahl. Es dauerte ein Jahr, bis die Kölner Verkehrsbetriebe personelle Konsequenzen zogen und sich von ihrem Technikvorstand trennten, der die Baustelle verantwortete.

Die Nord-Süd-Bahn, die acht Minuten Zeitersparnis bringen soll, wird weitergebaut. Die Kosten liegen aktuell bei mehr als einer Milliarde Euro. Dazu kommen Hunderte Millionen für die Folgen des Archiveinsturzes. 2017 soll die Bahn rollen. Bis dahin müssen die Menschen wie bisher mit dem Bus fahren.

Bau der Dresdner Waldschloesschenbruecke verzoegert sich

Quelle: ddp

7 / 8

Dresdner Waldschlößchenbrücke

Am Ende haben die Gegner auf die Kleine Hufeisennase gehofft - vergeblich. Die Fledermaus-Art hätte beinahe den Streit um die Waldschlößchenbrücke in Dresden beendet und den umstrittenen Bau verhindert. Doch jetzt wird im Elbtal gearbeitet.

Dabei sah es vor Jahren ganz friedlich aus in Dresden. Mitte der neunziger Jahre waren sich Stadt und Freistaat Sachsen einig: Die Hauptverkehrsstraßen sind überlastet. Das sagten 2005 auch fast 70 Prozent der Bürger und votierten in einem Bürgerentscheid für die Brücke. Doch dann kam die Unesco.

Die Organisation strich dem Dresdner Elbtal wegen des Brückenbaus den Titel des Weltkulturerbes. Die Kritiker des Projekts schlugen die Hände über dem Kopf zusammen. Sie fordern, einen Tunnel unter der Elbe zu bauen. Rund 158 Millionen Euro soll die Brücke kosten. Die Stadt Dresden geht mittlerweile von 15 Millionen zusätzlich aus.

Demo gegen Mediaspree

Quelle: dpa

8 / 8

Mediaspree in Berlin

Hip, cool, sexy: Das wäre Berlin gerne. In der Hauptstadt soll das Konzept Mediaspree vor allem coole Konzerne in die Stadt locken. MTV und Universal Music sind dem Ruf gefolgt, mit ihren coolen Mitarbeiten. Die Mieten in den anliegenden Szenebezirken steigen. Die linke Szene Berlins demonstriert regelmäßig gegen den "Yuppie-Abschaum". Die Widersacher befürchten, dass es bald in der Stadt keine Uferfläche mehr gibt, wo man seine Beine in der Spree baumeln lassen kann, ohne einen Latte macchiato für fünf Euro kaufen zu müssen. 2008 gab es einen Bürgerentscheid mit dem Titel "Mediaspree versenken", dem fast 90 Prozent der Bürger in Friedrichshain und Kreuzberg zustimmten. Doch einen freien Uferstreifen, den jeder betreten kann, wird es trotzdem nicht geben. Der Berliner Senat wies den Entscheid zurück - mit Verweis auf Schadensersatzforderungen der Investoren.

© sueddeutsche.de/aum/bbr

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite