Rüstungsindustrie:Geschäfte mit großem Kaliber

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Rüstungsindustrie: Mechanische und Elektronische Zünder des Industrie- und Rüstungskonzerns Diehl.

Mechanische und Elektronische Zünder des Industrie- und Rüstungskonzerns Diehl.

(Foto: Daniel Karmann/picture alliance/dpa)

Wie viele Rüstungshersteller hofft auch der Familienkonzern Diehl auf Aufträge aus dem 100-Milliarden-Euro-Paket für die Bundeswehr. Davon abhängig sind die Franken aber nicht.

Von Uwe Ritzer, Nürnberg/Flensburg

Lars Windhorst drehte mit dem Hubschrauber eine Runde über das Werftgelände, und was er sah, gefiel ihm. Seit 150 Jahren baut die Flensburger Schiffbau Gesellschaft (FSG) Schiffe. Die Werftenkrise allerdings schüttelte das Unternehmen kräftig durch und stürzte es in die Insolvenz. Aus der heraus übernahm Windhorst 2020 mit seiner Tennor Holding die FSG. Der Werft geht es inzwischen besser, und nun flog der durch sein 374-Millionen-Euro-Investment beim Fußballklub Hertha BSC Berlin in die Schlagzeilen geratene Investor ein, um das 150-jährige Bestehen der FSG zu feiern. Um die Zukunft sei es ihm auch nicht bange, sagte Windhorst. Zumal es da dieses 100-Milliarden-Euro-Programm gibt, mit dem die Bundesregierung die Bundeswehr aufrüsten will.

"Ich wünsche mir, dass die FSG eine möglichst prominente Rolle bei den Marineaufträgen spielt", sagte ein lächelnder Windhorst in die Kamera des Senders NDR. Drei Einsatzgruppenversorger hat die FSG bereits für die Bundeswehr gebaut; den letzten allerdings bereits 2013. Nun, mutmaßt Windhorst, bestehe doch sicherlich erneut Bedarf an einem dieser riesigen Versorgungsschiffe. "Wir haben die Qualität, das Know-How und die Kapazität, sofort zu produzieren und zu liefern", warb Windhorst bei seinem Besuch in Flensburg.

Knapp 800 Kilometer südlich, in Nürnberg, denkt Klaus Richter laut darüber nach, dass es doch eine gute Idee wäre, wenn mit den 100 Milliarden Euro nicht nur die ausgefransten Bestände der Bundeswehr aufgefüllt, sondern auch gleich in neue Technologien investiert würde. Zum Beispiel in raketengestützte Luftabwehrsysteme, wie Diehl sie herstellt. Der frühere Airbus-Manager Richter ist dort seit knapp einem Jahr Vorstandsvorsitzender. Der fränkische Familienkonzern gehört zu den größten deutschen Rüstungsherstellern, auch wenn das Geschäft mit Lenkflugkörpern, Zündern, Mittel- und Großkalibermunition, militärischen Überwachungs- und Trainingssystemen, Infrarot-Modulen und Spezialbatterien sowie Kabinenausrüstung für Armeeflugzeuge nur knapp ein Viertel des Gesamtumsatzes ausmacht. "Wir sind keine Rüstungsschmiede", sagt Klaus Richter, "unser Geschäft ist zu drei Vierteln zivil. Wir sind ein ziemlich breit diversifiziertes Industrieunternehmen."

In Bayern könnte besonders viel von den 100 Milliarden Euro landen

Solche Reflexe kennt man: Seit Jahrzehnten ist das Etikett "Rüstungsfirma" igittigitt-behaftet. Dementsprechend will es niemand an sein Werkstoren heften. Das ändert sich womöglich, je mehr nämlich Politik und Gesellschaft angesichts des Überfalls Russlands auf die Ukraine der militärischen Landesverteidigung eine neue Sinnhaftigkeit zumessen. Man erkenne gerade, sagt Diehl-Chef Richter, "dass demokratische Freiheit mit einem gewissen Sicherheitsbedarf verbunden ist". Und rein ökonomisch betrachtet liegen ziemlich unerwartete 100 Milliarden Euro im Jackpot. Die einschlägigen Unternehmen arbeiten jetzt fieberhaft an Plänen, möglichst viel davon abzuschöpfen. Die Frage wird sein, wofür das Geld am Ende ausgegeben wird.

In Bayern könnte davon besonders viel landen. 70 Firmen im Freistaat stehen für etwa 30 Prozent der deutschen Rüstungsindustrie. Die Panzerbauer von Krauss-Maffei Wegmann in München gehören dazu, die Airbus Defence in Manching bei Ingolstadt, die auf Radar- und Sensortechnik spezialisierte Hensoldt AG in Taufkirchen, die auf Sicherheitstechnik für die Marine spezialisierte Aeromaritime in Neufahrn und eben auch Diehl aus Nürnberg.

Dort ist man zwar optimistisch, was die Entwicklung der Konzernsparte Defence angeht, aber dennoch weit weg von jedweder Euphorie. Die Zuversicht wurzelt viel tiefer. Bereits vor dem Ukraine-Krieg erhielt Diehl Ende 2021 einen Auftrag Ägyptens über Luftabwehrsysteme im Gesamtvolumen von drei Milliarden Euro. Der wird bereits abgearbeitet, wobei eines dieser Systeme in Absprache beider Regierungen nicht nach Kairo, sondern in die Ukraine geliefert wird. Und weil durch den Krieg dort die Sicherung der Nato- und EU-Außengrenzen wieder an Aufmerksamkeit gewonnen hat, zeigen neuerdings vor allem osteuropäische Staaten großes Interesse an den entsprechenden Diehl-Waffensystemen.

Den meisten Umsatz macht Diehl in der Automobilbranche

Idealerweise werde auch die Bundeswehr die Gelegenheit nutzen, nicht einfach nur die alten Bestände an Patriot-Raketen aufzufüllen, sondern neue Luftabwehrtechnik einzukaufen. Diehl gilt bei der Entwicklung solcher Systeme als weltweit führend, derzeit arbeitet man an Waffen, um Hyperschall-Raketen zu stoppen, die mit 2000 bis 3000 Metern pro Sekunde unterwegs sind. Bis diese serienreif seien, werde es zwar noch einige Jahre dauern, sagt Diehl-Chef Richter. Das 100-Milliarden-Paket der Bundesregierung allerdings werde bereits "in den nächsten zwölf bis 18 Monaten für Bewegung sorgen".

Also baut Diehl die Sparte Defence aus, investiert in Forschung, Entwicklung, Produktion und stellt Fachpersonal ein. Das gilt allerdings auch für andere Sparten des Industriekonzerns, der gut 16 100 Menschen beschäftigt, zwei Drittel davon in Deutschland. 2021 erwirtschafteten sie 3,17 Milliarden Euro Umsatz, 6,3 Prozent mehr als 2020. Das war mehr als angesichts von Pandemie und Lieferengpässen erwartet; 2022 soll der Umsatz um bis zu 15 Prozent steigen. Vor allem aber will das Familienunternehmen wieder mehr Gewinn einfahren als die 19,4 Millionen Euro vor Steuern und Zinsen (Ebit) im vergangenen Jahr, mit denen man immerhin die operative Verlustzone verlassen hat.

Den größten Anteil am Diehl-Geschäft, nämlich 27 Prozent des Umsatzes, erwirtschaftet die Metall-Sparte mit Produkten für die Automobilindustrie. Vor allem im Bereich Batterietechnik ist Diehl innovativ unterwegs. Auch die Metering-Sparte wächst, die vor allem Energie- und Wassermesstechnik liefert. Der Teilkonzern Controls liefert elektronische und mechatronische Produkte, etwa für Kühlmaschinen oder Wärmepumpen. Diehl folge mit alledem den Zukunftstrends Elektromobilität, Energiesparen und Ressourcenschutz, sagte Finanzchef Jürgen Reimer. Nur das Geschäft der Luftfahrtsparte hat sich pandemiebedingt fast halbiert und seinen Tiefstand erreicht: Diehl fertigt vor allem für Airbus Kabinenausstattungen und Toilettensysteme.

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