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Kriminalität:Wie korrupt ist Deutschland?

Euro Geldscheine mit schwarz rot goldener Banderole Berlin 23 01 2006 Berlin Deutschland PUBLI

Seriöse Zahlen darüber, wie korrupt es in einem Land zugeht oder eben nicht, gibt es nicht.

(Foto: Thomas Imo/photothek/imago)

Die Organisation Transparency International hat ihren neuen Bericht zur Korruptionswahrnehmung veröffentlicht. Die Bundesrepublik liegt auf dem neunten Platz. Was bedeutet das Ergebnis?

Von Katharina Kutsche, Hannover

Jedes Jahr Ende Januar veröffentlicht die Antikorruptionsorganisation Transparency International ihre wichtigste Publikation: den Korruptionswahrnehmungsindex CPI (Corruption Perceptions Index). Wie der sperrige Name schon sagt, lässt sich aus der Studie aber nicht ablesen, wie korrupt Deutschland ist, sondern wie korrupt die Bundesrepublik von Experten wahrgenommen wird. Am Donnerstag ist die nun neueste Ausgabe erscheinen - von 180 untersuchten Ländern und Gebieten liegt Deutschland auf dem neunten Platz.

Das ist kein schlechtes Ergebnis. Der Index führt Daten aus bis zu 13 Quellen zusammen. Auf einer Skala von 0 bis 100 Punkten steht der höchste Wert für keine wahrgenommene Korruption. Den ersten Platz belegen mit 88 Punkten Dänemark und Neuseeland; Deutschland hat 80 Punkte und liegt damit unter anderem vor Kanada, Großbritannien (je 77 Punkte) und den USA (67 Punkte). Zum Vergleich: Die Schlusslichter Südsudan und Somalia schaffen nur zwölf Punkte und werden damit als besonders korrupt eingeschätzt.

"Je demokratischer ein Land ausgerichtet ist, desto geringer ist die Gefahr, dass es für Korruption anfällig ist", sagt Hartmut Bäumer von Transparency Deutschland. Insofern ist es wenig überraschend, dass Länder wie Polen und Ungarn, in denen die Rechtsstaatlichkeit zunehmend bedroht ist, in den vergangenen Jahren auf dem Index nach unten gerutscht sind.

Der CPI erscheint seit 1995, seine Methodik wurde zuletzt 2012 überarbeitet. Er fasst Daten aus Expertenbefragungen und Umfragen zusammen, etwa von der Bertelsmann-Stiftung, der Weltbank und dem Weltwirtschaftsforum.

Für den Index würden Experten befragt, deren Qualifikation nicht näher bekannt sei, kritisiert eine Kriminologin

Einige Experten kritisieren jedoch seit Langem, dass die Wahrnehmung von Korruption nicht mit der realen Kriminalität übereinstimmt. Die Kriminologin Ruth Linssen vergleicht das mit dem Unterschied zwischen gefühlter und tatsächlicher Temperatur: Das eigene Empfinden weicht meist ein paar Grad von der Thermometeranzeige ab.

Linssen ist Professorin für Soziologie und Recht an der Fachhochschule in Münster. Sie sieht den CPI im besten Sinne als "sehr gutes Marketing-Instrument", um das Thema Korruption bekannt zu machen und Aufmerksamkeit dafür zu schaffen. "Allerdings suggeriert er eine Genauigkeit, die gar nicht vorhanden ist." So würden Experten befragt, deren Qualifikation nicht näher bekannt sei. Zudem sei deren Wahrnehmung beeinflussbar, etwa wenn die Medien intensiv über Korruptionsskandale berichten.

Tatsächlich gibt es keine seriösen Zahlen darüber, wie korrupt es in einem Land zugeht oder eben nicht. Dadurch, dass beide Seiten bestraft werden - also der, der besticht und der, der sich bestechen lässt - gibt es nur Täter und keine Opfer im eigentlichen Sinne. Und Täter haben meist kein Interesse daran, einander gegenseitig zu beschuldigen. Für 2019 hatte das Bundeskriminalamt zwar 5428 Korruptionstaten registriert, doch "Korruption ist ein Dunkelfeld-Delikt", sagt Linssen, das heißt, viele der Straftaten werden den Behörden gar nicht bekannt: "Die Experten sind sich einig, dass die Dunkelziffer deutlich über 90 Prozent liegt."

Transparency International fordert mehr Transparenz bei Parteispenden in Deutschland

TI-Vorstand Hartmut Bäumer nutzt den Jahrestermin, um die Aufmerksamkeit auf das Thema Parteienfinanzierung zu lenken. Das hatte die Organisation schon im vergangenen Jahr zum Schwerpunkt gemacht, doch "da ist zu wenig geschehen, man kann das nicht alles mit Corona erklären", sagt Bäumer. Deutschland stehe ein Superwahljahr bevor, Sponsoring und Parteispenden seien probate Mittel, um Wahlkämpfe zu finanzieren. "Wir sagen auch nicht, dass das nicht in Ordnung ist, sondern dass es transparent sein muss."

Transparency Deutschland fordert daher, die Veröffentlichungsschwelle für Parteispenden von 10 000 Euro auf 2000 Euro zu senken, um eine Stückelung der Beträge zu verhindern. Zuwendungen an Parteien sollten auf 50 000 Euro pro Spender, Jahr und Partei gedeckelt werden, Direktspenden an parteigebundene Mandatsträger und Kandidaten gänzlich verboten werden.

© SZ/jsa
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