Traditionsunternehmen Thyssenkrupp reagiert auf den Druck aggressiver Investoren

Blick auf das Thyssenkrupp-Hauptquartier in Essen: Künftig soll der Traditionskonzern aus zwei Unternehmen bestehen.

(Foto: REUTERS)
  • Thyssenkrupp beugt sich dem Druck von Investoren und will sich in zwei Unternehmen aufspalten.
  • Künftig solle es ein Unternehmen für die Technologiegeschäfte wie Aufzüge geben und eines für das Stahl- und Wertstoffgeschäft.
  • Beide sollen weiterhin den Namen Thyssenkrupp tragen. Aufsichtsrat und Aktionäre müssen den Plänen noch zustimmen.
Von Benedikt Müller, Düsseldorf

Der Traditionskonzern Thyssenkrupp steht vor dem größten Umbruch seit Jahrzehnten. Der größte Stahlhersteller Deutschlands will sich in zwei eigenständige Unternehmen aufteilen. Das hat Thyssenkrupp am Donnerstagnachmittag mitgeteilt. Damit wird eines der letzten großen Industrie-Konglomerate dieses Landes, das bisher aus fünf verschiedenen Sparten besteht, auseinanderfallen.

Der Thyssenkrupp-Vorstand wählt diesen Weg, nachdem Investoren seit Monaten einen schnelleren und radikaleren Umbau des Konzerns gefordert haben. An der Börse gewann Thyssenkrupp am Donnerstag zehn Prozent an Wert. Die beiden Großaktionäre und die traditionell mächtigen Arbeitnehmervertreter stützen den Plan.

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Thyssenkrupp will seine technologiegetriebenen Geschäfte, die eigentlich die Zukunft des Ruhrkonzerns bilden sollten, nun in eine eigenständige Gesellschaft auslagern, die "Thyssenkrupp Industrials" heißen soll. Dazu gehören das profitable Geschäft mit Aufzügen und Rolltreppen, der Anlagenbau sowie das Geschäft mit Autoteilen und Fertigungsstrecken. Die bisherigen Aktionäre von Thyssenkrupp sollen "eine deutliche Mehrheit" der Aktien der neuen Gesellschaft halten, teilt der Konzern mit.

Die übrigen Geschäfte sollen in einer Gesellschaft namens "Thyssenkrupp Materials" verbleiben: die Stahlwerke, mit denen Krupp und Thyssen einst zu Weltkonzernen aufgestiegen sind, und der Handel mit Werkstoffen. Beide Geschäfte sind stark von schwankenden Stahlpreisen abhängig, leiden unter dem weltweiten Wettbewerb und den vielen Stahlzöllen. Diese vermeintlich alte Gesellschaft soll eine Minderheitsbeteiligung an dem neuen Industrieunternehmen halten.

Thyssenkrupp-Chef Guido Kerkhoff sieht die beiden künftigen Unternehmen als "zwei erwachsen gewordene Geschwister". Schulden und Pensionsverpflichtungen sollen fair auf beide verteilt werden. Der Aufsichtsrat soll am Sonntag über die Zweiteilung entscheiden. Kerkhoff weiß die Großaktionäre hinter sich, betont aber, dass er die neue Strategie selbst entwickelt habe: "Ich lasse mich nicht verbiegen."

Eine solche Zweiteilung in Stahl und Technologie war nach SZ-Informationen spätestens seit Frühjahr im Gespräch. Der Vollzug soll auch am damaligen Spitzenpersonal gescheitert sein. Doch steckt Thyssenkrupp seit dem Sommer in einer Führungskrise: Der langjährige Vorstandschef Heinrich Hiesinger ist im Juli zurückgetreten, weil er den nötigen Rückhalt großer Aktionäre vermisst hatte. Mitte Juli ist auch Aufsichtsratschef Ulrich Lehner abgetreten. Er hatte Hiesingers Kurs stets gestützt und bis zuletzt vor einer drohenden Zerschlagung von Thyssenkrupp gewarnt.

Auch RWE und Metro haben sich schon aufgespalten

Seit dem Rücktritt des Duos haben die größten Aktionäre intensiv über die Zukunft des Traditionskonzerns beraten. Neben der Krupp-Stiftung, die etwa 21 Prozent der Anteile besitzt, ist dies der schwedische Investor Cevian, der die frühere Konzernspitze mehrmals öffentlich kritisiert hatte. Cevian hält etwa 18 Prozent der Aktien. Gemeinsam mit den Arbeitnehmervertretern, die traditionell zehn der derzeit 18 Sitze im Thyssenkrupp-Aufsichtsrat besetzen, haben Cevian und die Krupp-Stiftung eine komfortable Mehrheit. Diese drei mächtigsten Akteure tragen die neue Strategie offensiv mit; die Krupp-Stiftung soll Ankeraktionärin der beiden neuen Unternehmen werden.

Mit der Aufspaltung folgt Thyssenkrupp einem Trend, den Investoren bei vielen Firmen angemahnt haben. So hat etwa der Energiekonzern RWE seine Zukunftsgeschäfte mit Netzen, Vertrieb und Ökostrom in die Firma Innogy ausgelagert und an die Börse gebracht, um sich auf das Kraftwerksgeschäft zu konzentrieren. Auch der Metro-Konzern hat in den vergangenen Jahren seine Elektronikketten Mediamarkt und Saturn sowie die Warenhäuser von Galeria Kaufhof verkauft, um sich ganz auf den Großhandel zu fokussieren.

Trotz des Umbaus will Thyssenkrupp offenbar an der Stahlfusion festhalten

Thyssenkrupp-Chef Kerkhoff stimmt den kritischen Investoren insofern zu, als dass sein Konzern noch nicht da stehe, wo man hin wolle: "Unsere Kapitalausstattung erlaubt uns keine großen Sprünge", sagt Kerkhoff. Auch treffe das Konglomerat manche Entscheidungen zu langsam.

Nach langen Verhandlungen hatte Thyssenkrupp bereits Ende Juni entschieden, dass der Konzern seine Stahlwerke in ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem Konkurrenten Tata Steel Europe einbringen will. Gemeinsam wollen die beiden Hersteller den vielen Schwankungen und Zöllen auf dem Weltmarkt besser begegnen. An dieser Stahlfusion, welche die Europäische Kommission noch formal genehmigen muss, will der Vorstand festhalten.

Der heutige Vorstandschef Kerkhoff ist nach Hiesingers Rücktritt - eigentlich nur für den Übergang - an die Spitze des Konzerns gerückt. Zunächst hieß es in Essen, dass dem langjährigen Finanzchef für weitreichende Entscheidungen das dauerhafte Mandat des Aufsichtsrates fehle. Doch nun wollen Vorstand und Kontrolleure gemeinsam den großen, unumkehrbaren Wurf wagen. Und Kerkhoff zeigt sich bereit, bei einem der beiden Unternehmen zu bleiben. Den Schritt jetzt gehe er jedenfalls "ohne Angst und Träumerei"

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