bedeckt München 17°
vgwortpixel

Tiermast:Gefährlich resistent

Der Einsatz von Antibiotika sinkt. Trotzdem bleiben viele Probleme. Der Einsatz wichtiger Reservemittel schreckt Agrarministerium und Humanmediziner auf.

Missbrauch von Antibiotika in Tierställen wird nur selten publik. So gesehen ist der Fall, der im Sommer 2018 vor dem Amtsgericht Ellwangen in Baden-Württemberg behandelt wurde, besonders ungewöhnlich: Einem Landwirt aus dem Ostalbkreis wurde vorgeworfen, er habe in seiner Ferkelaufzucht zu viel Antibiotika eingesetzt. Außerdem soll er die Mittel rein prophylaktisch verabreicht haben, also ohne dass die Tiere krank waren, was in der EU verboten ist. Zeitweise soll jedes einzelne Tier fünf verschiedene Antibiotika innerhalb kurzer Zeit bekommen haben.

Fälle wie dieser sind extrem und bilden sicher die Ausnahme, darauf lassen auch die offiziellen Zahlen schließen. Laut Statistik ist der Einsatz dieser Medikamente in Ställen von 2011 bis 2017 um 57 Prozent auf 733 Tonnen gesunken. Die Bundesregierung hatte unter anderem vor fünf Jahren das Arzneimittelgesetz überarbeitet, um den Verbrauch zu senken. Tierhalter müssen seitdem Antibiotika-Einsätze melden.

So soll auch das Entstehen gefährlicher Krankheitserreger verhindert werden, die immer mehr zum Problem werden. Jedes Jahr sterben in Europa mehr als 33 000 Menschen, weil Antibiotika nicht mehr wirken. Die Zahl ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, wie Wissenschaftler der EU-Seuchenschutzbehörde ECDC im November warnten. In Deutschland sterben fast 2400 Menschen jährlich an einer Infektion mit resistenten Erregern.

Geflügelhaltung

Je größer die Ställe, desto mehr werden die Tiere mit Antibiotika behandelt.

(Foto: Caroline Seidel/dpa)

Doch bringt das schärfere Gesetz wirklich den gewünschten Erfolg? Genau das hat das Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) von Julia Klöckner (CDU) in einem noch nicht veröffentlichten Bericht untersuchen lassen, der NDR und SZ vorliegt. Die erste Bilanz fällt gemischt aus: Während der Einsatz von Antibiotika bei Schweinen von 2014 bis 2017 um mehr als 40 Prozent gesunken ist, sank er bei Kälbern und Puten nur um je vier Prozent. Auch bei Masthühnern ging der Verbrauch nur um ein Prozent zurück. Ein Erfolg im Kampf gegen gefährliche Keime in Tierställen lässt sich derzeit ebenfalls nicht eindeutig feststellen. Bei den verschiedenen Bakterien gebe es eine "uneinheitliche Entwicklung" bei den Resistenzen, auch sei der untersuchte Zeitraum "knapp bemessen", heißt es in dem Papier.

Deutlich wird auch: Je größer die Ställe, desto mehr wird behandelt - egal, bei welcher Tierart. In einem großen Hühnerstall stehen nicht selten mehrere Zehntausend Tiere dicht gedrängt. "In der Intensivtierhaltung herrscht ein großer Preisdruck - wer hier nicht mithalten kann, muss aufgeben. So konzentriert sich die Tierhaltung auf immer weniger Betriebe", sagt Katrin Wenz vom Umweltverband BUND. Sie sieht die Lösung in einem Umbau der Tierhaltung mit besseren Bedingungen, kleineren Ställen und Freilandhaltung.

Als besonders problematisch bewertet der Bericht den hohen Einsatz von Reserveantibiotika. Etwa die Hälfte der Menge bei Masthühnern zählt zu diesen besonders kritischen Medikamenten. In der Humanmedizin sind sie die oft letzte Möglichkeit, um Schwerkranke zu retten, die mit antibiotikaresistenten Keimen infiziert sind. Je häufiger diese Mittel jedoch in Ställen eingesetzt werden, umso mehr Keime entstehen, bei denen auch diese Antibiotika nicht mehr wirken. Dennoch bewertet das Agrarministerium die Entwicklung insgesamt positiv. Der Rückgang der eingesetzten Mengen sei Zeichen dafür, dass die Strategie der Bundesregierung zur Antibiotikareduzierung greife, heißt es.

Tatsächlich verzerrt der hohe Einsatz von Reserveantibiotika aber die Gesamtbilanz. "Von diesen kritischen Medikamenten braucht man meist deutlich geringere Mengen für die Behandlung der Tiere", erklärt der Tierarzt Rupert Ebner, der für die Grünen im Stadtrat von Ingolstadt sitzt und für das dortige Veterinäramt zuständig ist. So liege etwa bei einem lange schon in Anwendung befindlichen Mittel wie Tetracyclin die Dosis bei bis zu 400 mg je Kilo Körpergewicht; bei moderneren, aber umso kritischeren Antibiotika wie den Cephalosporinen, von denen manche zu den Reservemitteln zählen, sind es nur 20 Milligramm je Kilo Körpergewicht. Wenn Züchter und Mastbetriebe also das Antibiotikum wechseln, können sie so ihren Verbrauch leicht um den Faktor 20 senken, ohne die Mittel wirklich seltener einzusetzen.

Stichproben

Im Vergleich zu manch anderen EU-Ländern ist der Verbrauch von Antibiotika in Deutschland immer noch relativ hoch. In Dänemark ist er nach Angaben der Europäischen Arzneimittelagentur EMA mit 40 Milligramm je Kilogramm Lebendgewicht deutlich niedriger als in Deutschland (89 Milligramm). Andere große Fleischproduzenten wie Frankreich und die Niederlande schneiden ebenfalls besser ab. Allerdings weisen einige andere Länder wie etwa Italien und Spanien noch deutlich höhere Werte vor. Reinhild Benning von Germanwatch sieht die Bundesregierung am Zug. "Seit fünf Jahren ist das Gesetz zur Erfassung von Antibiotika in Tierställen in Kraft, aber gebracht hat es zu wenig", sagt sie. Die Nichtregierungsorganisation untersuchte vor kurzem Stichproben von Hähnchenprodukten aus dem Discounter. Ergebnis: Die Proben waren zu 56 Prozent mit Keimen belastet, die resistent gegen Antibiotika sind, und jede dritte war sogar mit Keimen belastet, die resistent gegen Reserveantibiotika sind. "Andere Staaten packen das Problem aktiv an. In Dänemark gibt es Verbote für Reserveantibiotika und eine Obergrenze, wie viel Antibiotika Schweinehalter einsetzen dürfen", sagt Benning. SZ

Reserveantibiotika in der Tierhaltung ganz zu verbieten hält Ebner für schwierig. Auch in Ställen gebe es Notfälle, bei denen sie dringend gebraucht würden. Ebner fordert stattdessen eine transparentere und effizientere Erfassung der Medikamente und deren restriktivere Vergabe. "Indikation und Überwachung werden derzeit sehr lasch gehandhabt", kritisiert er.

Handlungsbedarf sieht hier auch das Agrarministerium: "Insbesondere die Anwendung sogenannter Reserveantibiotika muss restriktiver werden", heißt es dort. Ähnlich äußert sich Frank Ulrich Montgomery, der scheidende Präsident der Bundesärztekammer: "Wir brauchen Reserveantibiotika für die Behandlung von Menschen, die darf man nicht vorschnell in der Tiermast verwenden." Viele Jahre lang wurde geleugnet, dass resistente Bakterien, die in Ställen durch Antibiotika entstehen, dem Menschen gefährlich werden können. Schließlich kann kaum ein Krankheitserreger Mensch und Tier gleichermaßen befallen. Doch Bakterien können ihre Resistenz-Gene an andere Bakterien weitergeben, sodass Resistenzen aus dem Stall am Ende auch am Krankenbett bedeutsam werden.

Bei Geflügel ist es üblich, alle Tiere zu behandeln, selbst wenn nur einzelne Symptome zeigen

"Neuere Studien aus den Niederlanden sprechen dafür, dass 20 bis 25 Prozent der Antibiotikaresistenzen, die beim Menschen auftreten, ihren Ursprung in der Landwirtschaft haben", sagt Christoph Lübbert, Leiter der Infektiologie am Universitätsklinikum Leipzig: "Gleich, ob im Stall, in der Arztpraxis, im Krankenhaus oder zu Hause: Wir müssen insgesamt sehr vorsichtig umgehen mit Antibiotika."

Solche Vorschläge stoßen nicht überall auf Begeisterung. Unruhe löst der Bericht vor allem in der Geflügelbranche aus. Grund dafür ist das kritische Medikament Colistin, das in der Hühnermast in auffällig großer Menge eingesetzt wird, unter anderem, weil viele andere Antibiotika nicht mehr wirken. Der Verband Deutsche Geflügelwirtschaft wehrt sich gegen den Verdacht, Mäster würden das Reserveantibiotikum bewusst überdosieren. Über Einsatz und Menge entscheide ein Tierarzt, betont eine Sprecherin. Bei erkrankten Tieren sei außerdem "eine höhere Dosierung aus Tierschutzgründen und aus Verantwortung des Tierarztes geboten und zulässig". Tatsächlich ist es bei Geflügelherden nicht nur erlaubt, sondern auch üblich, alle Tiere zu behandeln, auch wenn nur einzelne Krankheitssymptome zeigen. Infektiologe Lübbert hat dafür kein Verständnis. "Colistin ist immer noch ein wichtiges Reserveantibiotikum. Es ist verantwortungslos, das Mittel in der Tierzucht einzusetzen".

Bleibt noch ein anderes Problem: Trotz schärferer Arzneimittelgesetze müssen Tierhalter derzeit nicht mit harten Strafen rechnen, wenn sie Antibiotika zu häufig und falsch einsetzen. Verfahren wie das gegen den Landwirt aus dem Ostalbkreis sind bislang die Ausnahme. Am Ende wurde es gegen eine Geldbuße von 500 Euro eingestellt. Dass er seinen Tieren ohne ärztliche Anweisung zu hohe Mengen an Antibiotika verabreichte, habe man dem Landwirt nicht zweifelsfrei nachweisen können, begründete das Gericht.