Thyssenkrupp Heiße Tage in Essen

Der Ruhrkonzern hatte große Pläne: Er wollte einen europäischen Stahl-Champion schaffen und sich teilen. Beides ist gescheitert. Vorstandschef Kerkhoff will 6000 Stellen abbauen - reicht das?

Von Caspar Busse und Benedikt Müller

Ein heißer Arbeitsplatz. Ein Stahlarbeiter im Schutzanzug entnimmt eine 1500 Grad heiße Roheisenprobe beim Abstich am Hochofen.

(Foto: Rupert Oberhäuser/imago)

In dem kleinen Container vor der gläsernen, 14 Stockwerke hohen Zentrale von Thyssenkrupp gibt es Fassbier einer Duisburger Brauerei, die für ihr raues Pils bekannt ist. Innen sind die Wände in hoffnungsvollem Grün gestrichen, dort hängen Fotos aus den guten Zeiten des 200 Jahre alten Krupp-Konzerns. Vor drei Monaten hat Guido Kerkhoff, Vorstandschef von Thyssenkrupp, die Kneipe öffentlichkeitswirksam eröffnet. Seitdem erklärte er dort seinen Leuten bei so mancher Abendveranstaltung, warum Thyssenkrupp aufgespalten werden soll - in zwei eigenständige Firmen. In der Kneipe wurden auch Imagevideos gedreht, in denen durch die Aufspaltung aus Bier symbolisch Champagner wird.

Der Betriebsrat spricht von "einer unsäglichen Belastung" für die Mitarbeiter

All diese Pläne sind seit diesem Freitag erledigt, Kerkhoff gab überraschend die völlige Kehrtwende bekannt. Weder die geplante Stahlfusion mit dem Konkurrenten Tata Steel Europe noch die vorgesehene Zweiteilung des Konzerns werden kommen. Stattdessen will Kerkhoff Thyssenkrupp nun zu einer Holding umbauen, einer Dachgesellschaft, an der die einzelnen Geschäftsfelder hängen sollen. Und die profitabelste Sparte, das Geschäft mit Aufzügen und Rolltreppen, will der Konzern nun teilweise an die Börse bringen und zunächst die Mehrheit behalten. Gleichzeitig sollen 6 000 Jobs gestrichen werden.

Es herrscht Chaos in Essen.

Für die weltweit 160 000 Beschäftigten sei die Kehrtwende "eine unsägliche Belastung", sagt der Vizechef des Aufsichtsrats und IG Metall-Sekretär Markus Grolms. Zwei Drittel der 6 000 Stellen, die in den kommenden drei Jahren abgebaut werden, sollen auf Deutschland entfallen, so Personalvorstand Oliver Burkhard. Angesichts der Größenordnung könne er betriebsbedingte Kündigungen "nicht ausschließen", sagt Burkhard und fügt an: "Ja, es ist schon ein echt tief greifender Einschnitt." Die Börse reagierte mit einem deutlichen Kursplus von 28 Prozent und einem Schlusskurs von 14,40 Euro.

Ein wichtiger Auslöser für den Kurswechsel ist, dass die EU-Kommission die geplante Fusion der Stahlsparten von Thyssenkrupp und Tata in Europa nicht genehmigen wird. Beide Konzerne wollten zusammen den mit Abstand zweitgrößten Stahlhersteller Europas nach Weltmarktführer Arcelor-Mittal schaffen. Das Gemeinschaftsunternehmen sollte besser bestehen in einer Zeit, in der vor allem in Asien viele neue Stahlwerke entstanden sind, Weltmarktpreise gehörig schwanken und Länder wie die USA Zölle erhöhen, um ihre Schwerindustrie zu schützen.

Am Freitagvormittag telefonierte Vorstandschef Kerkhoff ein letztes Mal mit EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager. Doch ihrer Behörde reichen die Zugeständnisse und das Angebot, Teile zu verkaufen, nicht. Aber mit weiteren Zusagen würde sich die Fusion nicht mehr rechnen. "Wir machen keinen wirtschaftlichen Unfug", so Kerkhoff. Die EU-Kommission befürchtet, dass Thyssenkrupp und Tata Steel zusammen zu mächtig wären auf den Märkten für Autoblech und Verpackungsstahl.

Nun sollen allein in der Stahlsparte von Thyssenkrupp 2 000 von gut 27 000 Stellen wegfallen. Konzernchef Kerkhoff kündigt eine "nachhaltige und umfangreiche Restrukturierung" an, zumal er gleichzeitig mehr als 100 Millionen Euro für eine drohende Kartellstrafe zurückstellen muss. Die langen Fusionsverhandlungen hätten bereits "viel Unsicherheit bei den Beschäftigten verursacht", sagt Stahl-Betriebsratschef Tekin Nasikkol. Betriebsbedingte Kündigungen werde man nicht akzeptieren, im Stahlbereich habe es die noch nie gegeben. "Und das wird sich auch nicht ändern, solange die IG Metall hier was zu sagen hat."

Thyssenkrupp besteht jedoch aus mehr als nur den Stahlwerken und hat zusätzliche Probleme. Der ruhmreiche Ruhrkonzern ist eines der letzten großen Industrie-Konglomerate, wie man sie von früher kennt: Die Essener handeln auch mit Werkstoffen, sie bauen und reparieren Aufzüge und Rolltreppen, Autoteile und Großanlagen für andere Industrieunternehmen.

Thyssenkrupp soll nun zu einem "flexiblen Portfolio" werden: mit mehr Freiheit für die einzelnen Geschäfte und einer schlanken Dachgesellschaft obendrüber. Ausgerechnet die krisenanfälligen Stahlwerke und der Stahlhandel, die einst abgestoßen werden sollten, sollen nun langfristig im Mehrheitsbesitz von Thyssenkrupp bleiben. Bei den Technologiegeschäften gebe es hingegen keine Tabus. "Partnerschaften werden entstehen", sagt Kerkhoff. "Und manche Geschäfte werden sich außerhalb von Thyssenkrupp besser entwickeln." Als ersten Schritt will der Vorstand nun das rentable Geschäft mit Aufzügen und Rolltreppen teilweise an die Börse bringen. Mit dem Erlös hätte Thyssenkrupp endlich wieder mehr Eigenkapital.

7 Milliarden Euro

war Thyssenkrupp als Ganzes an diesem Donnerstag nur noch an der Börse wert, also am Tag vor der völlig überraschenden Kehrtwende des Vorstands. Sieben Milliarden Euro, das war so wenig, wie seit mehr als 15 Jahren nicht. Vor elf Jahren, im Mai 2008, lag der Börsenwert sogar bei mehr als 46 Milliarden Euro. Doch seitdem hat der Ruhrkonzern eine ziemliche Talfahrt hinter sich, auch wegen Milliarden- Fehlinvestitionen in Brasilien und den USA. 1999 war der Konzern aus dem Zusammenschluss von Krupp und Thyssen entstanden, die Anfänge gehen auf das Jahr 1811 zurück. Heute werden weltweit 161 000 Mitarbeiter beschäftigt, der Umsatz liegt bei fast 43 Milliarden Euro. Immerhin: Am Freitag ging die Aktie des Dax-Unternehmens dann steil nach oben. Der Börsenwert hat sich um fast 1,5 Milliarden Euro erhöht - an einem Tag.

"Wir bauen ein völlig neues Thyssenkrupp", sagte Kerkhoff. Die starke Marke und die Werte des Konzerns blieben. Aber: Man will auch die Verwaltungskosten in der Zentrale nun von jährlich 380 Millionen Euro auf unter 200 Millionen Euro senken. "Es wird kein leichter Weg", sagt Kerkhoff. Mischkonzerne alter Prägung wie Thyssenkrupp sind derzeit generell unter Druck: Siemens etwa schafft auch gerade eine Holding, gibt den Geschäftsbereichen mehr Eigenständigkeit und bringt sie an die Börse, wie das Geschäft mit der Energietechnik. General Electric (GE) oder ABB sind ebenfalls unter Beobachtung und bauen radikal um. Aggressiv auftretende Investoren drängen sehr auf solche Änderungen - wie auch bei Thyssenkrupp.

Die beiden Großaktionäre des Essener Unternehmens stellen sich am Freitag hinter die Kehrtwende des Vorstands. Die Krupp-Stiftung, die 21 Prozent hält, spricht sich dafür aus, dass Thyssenkrupp "in allen Geschäftsfeldern wettbewerbsfähig aufgestellt" sein sollte: "Die Stiftung steht nach wie vor an der Seite des Unternehmens und seiner Mitarbeiter." Der schwedische Finanzinvestor Cevian, der 18 Prozent kontrolliert und seit anderthalb Jahren öffentlich den Druck erhöht, spricht sich für eine "fundamentale Neuausrichtung" aus. "Es ist klar, dass Thyssenkrupp mit seiner bisherigen Strategie gescheitert ist", sagt Cevian-Gründer Lars Förberg. "Es darf keine historischen oder politischen Tabus mehr geben."

Der Dax-Konzern steckt schon seit Jahren in der Krise. Er verhob sich mit neuen Stahlwerken in Brasilien und den USA, auf die er letztlich acht Milliarden Euro abschreiben musste. Seitdem ist Thyssenkrupp hoch verschuldet. Im vergangenen Jahr wurden nur 60 Millionen Euro Gewinn erwirtschaftet, im Vorjahr gab es sogar ein Verlust von 591 Millionen Euro. Auch für dieses Jahr wird ein Fehlbetrag erwartet. "Wir kommen da seit Jahren nicht wirklich vom Fleck", räumt Kerkhoff ein. Im vergangenen Herbst haben die Essener daher einen Befreiungsschlag versucht.

Thyssenkrupp wollte sich in zwei eigenständige Unternehmen aufspalten: Die Technologiegeschäfte um Aufzüge, Autoteile und Großanlagen sollten in einer Thyssenkrupp Industrials AG aufgehen; die Beteiligung an den Stahlwerken sowie der Werkstoffhandel sollte in einer Materials AG verbleiben. Beide Firmen hätten dann ein klareres Profil, wären weniger komplex und könnten schneller Entscheidungen fällen. "Getrennt sind wir stärker", sagte Vorstandschef Guido Kerkhoff noch Anfang des Jahres. Hauptsache kein Ausverkauf der Sparten, lautete des Motto, Hauptsache keine Zerschlagung. Eigentlich sollte jeder Beschäftigte bis zu den Sommerferien wissen, für welches der beiden Unternehmen er denn künftig arbeiten würde; betriebsbedingte Kündigungen wollte der Konzern im Zuge der Zweiteilung ausschließen.

Der Aufsichtsrat will offenbar weiter am Vorstandschef festhalten

Doch spätestens seit der Absage der Stahlfusion an diesem Freitag rechnet sich auch die geplante Zweiteilung nicht mehr. Zunächst hätte das Projekt mehrere Hundert Millionen Euro für Steuern und Beraterhonorare gekostet. Eine künftige Materials AG würde dann auch nicht von den Buchgewinnen aus der Abspaltung der Stahlsparte und den Synergien des Gemeinschaftsunternehmens profitieren. Milliardenschwere Pensionsrückstellungen für Stahlwerker bleiben nun doch in der Bilanz. Die Technologiegeschäfte der geplanten Industrials AG leiden zudem darunter, dass zwei wichtige Kundengruppen nicht mehr so stark wachsen: Autoindustrie und Maschinenbau. Das Konzept geht hinten und vorne nicht mehr auf, sodass Kerkhoff nun Plan B verfolgt.

Doch ist Kerkhoff, der zuvor seit 2011 Finanzvorstand war, nach dem Scheitern der beiden großen Ideen noch der richtige Mann an der Spitze von Thyssenkrupp? Weder Kapital- noch Arbeitnehmerseite wollten nun auch noch eine Personaldiskussion vom Zaun brechen, verlautet am Freitag aus Aufsichtsratskreisen. Man wolle kein Führungschaos wie im vergangenen Sommer, als der langjährige Vorstandschef Heinrich Hiesinger und Aufsichtsratschef Ulrich Lehner binnen zwei Wochen zurücktraten. Beide vermissten damals die breite Unterstützung der Aktionäre und im Aufsichtsrat.

Vorstandschef Kerkhoff will seine Kehrtwende an diesem Samstag einem Gremium des Aufsichtsrates vorstellen. Man sei da "in positiven Gesprächen", sagt er. "Ich gehe von einer Unterstützung durch den Aufsichtsrat aus." Die Aufseher wollen sich nach derzeitiger Planung das nächste Mal am 21. Mai treffen.

Die neue Thyssenkrupp-Kneipe vor der Zentrale soll übrigens vorerst bleiben, heißt es, auch wenn die großen Pläne nun nicht mehr verfolgt werden. Themen für ein Feierabend-Pils gibt ja auch so genug.