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Thyssen-Krupps Zukunft:Die Zeit nach Beitz

Thyssen-Krupp

Ungewisse Zukunft: Thyssen-Krupp ist mit 5,3 Milliarden Euro verschuldet, die Eigenkapitalquote liegt bei nur noch 9,5 Prozent und die Aussichten sind trübe.

(Foto: Oliver Berg/dpa)

Bis zuletzt hatte sich Berthold Beitz trotz seines hohen Alters von 99 Jahren um Thyssen-Krupp gekümmert. Nach dem Tod des Patriarchen müssen die Machtverhältnisse in Essen neu geregelt werden.

Trauer in Essen, Gedenken bei Thyssen-Krupp. Berthold Beitz ist tot, der heimliche Herr über das Unternehmen und einstige Generalbevollmächtigte des Stahlkonzerns Krupp, der Ende der Neunzigerjahre mit dem Konkurrenten Thyssen fusionierte. Der 99-Jährige hatte in dem Unternehmen schon lange keine offizielle Aufgabe mehr, abgesehen vom Ehrenvorsitz im Aufsichtsrat, den es im Aktiengesetz gar nicht gibt. Aber er war der Vorsitzende der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, die 25,3 Prozent des Kapitals von Thyssen-Krupp hält. Als Patriarch blieb er im Hintergrund derjenige, an dem kein Weg vorbeiführte. Daher wird sich nach seinem Tod bei Thyssen-Krupp einiges ändern. Vieles ändern.

Wie schnell, das könnte sich schon bald zeigen. Nach Angaben aus dem Umfeld des Konzerns laufen bereits die Vorbereitungen für eine außerordentliche Sitzung des Kuratoriums der Krupp-Stiftung. Ob dann gleich ein neuer Stiftungschef gewählt wird, war am Mittwoch noch nicht absehbar.

Als ein möglicher Kandidat wird Fritz Pleitgen genannt, der frühere Intendant des Westdeutschen Rundfunks (WDR). Pleitgen ist gut vernetzt in Politik, Medien und Wirtschaft. Mit ihm an der Spitze der Stiftung könnte jene dringend notwendige Kapitalerhöhung bei Thyssen-Krupp in Angriff genommen werden, mit der sich Beitz schon abgefunden hatte. Der Konzern ist nach Milliardenverlusten bei Stahlwerken in Übersee hoch verschuldet und braucht dringend frisches Geld. Allerdings zögern potenzielle Investoren noch, weil der Verkauf der beiden Stahlwerke in Brasilien und den USA nicht entscheidend vorankommt und insofern nicht klar ist, ob ein weiterer hoher Abschreibungsbedarf anfällt.

Die Gefahr einer Zerschlagung wächst

Nach Angaben von Insidern aus dem Umfeld des Konzerns wird nach dem Tod von Beitz auch der Verkauf einzelner Unternehmensteile wahrscheinlicher, um mit den Erlösen die ziemlich leere Konzernkasse zu füllen. In den vergangenen Monaten war bereits über die Veräußerung der europäischen Stahlsparte spekuliert worden. Auch wächst die Gefahr einer Zerschlagung, da die Krupp-Stiftung bei einer Kapitalerhöhung nicht mitziehen könnte und insofern ihre Sperrminorität verlöre. Gewissermaßen als Retter des Konzerns hatte sich zuletzt die vom früheren Bundeswirtschaftsminister Werner Müller geleitete RAG-Stiftung ins Gespräch gebracht. Deren Aufgabe ist es, den Kohlebergbau in Nordrhein-Westfalen zu Ende zu führen.

Dem Vernehmen nach wäre Thyssen-Krupp-Vorstandschef Heinrich Hiesinger aber nicht glücklich über ein Engagement der RAG-Stiftung, da er dann zwei Stiftungen als Hauptaktionär hätte, was seine Bewegungsfreiheit weiterhin stark einschränken könnte. Hiesinger war früher Vorstandsmitglied bei Siemens und ist seit zweieinhalb Jahren Vorstandschef der Thyssen-Krupp AG, die noch gut 150.000 Beschäftigte hat. Sein Job ist es, den Konzern aus der Krise zu führen.

Im engen Umfeld von Thyssen-Krupp wird erwartet, dass Hiesinger künftig eine viel stärkere Rolle spielen wird als bisher. "Beitz war der heimliche Konzernchef, das ist vorbei." Um bei Thyssen-Krupp die Wende zu schaffen, müsse Hiesinger aber unbedingt die beiden Stahlwerke in Brasilien und den USA verkaufen. Hier stecke der Vorstandschef in einer "scheußlichen Lage", da der einzige ernsthafte Interessent für das Werk in Brasilien, die dortige Stahlhütte CSN, sich Zeit lasse. Thyssen-Krupp hingegen brauche endlich Klarheit. Dadurch wachse die Gefahr, dass der Konzern das Werk in Brasilien für "einen Appel und ein Ei hergeben" müsse.

Haarsträubendes Missmanagement

Die Stahlwerke in den USA und Brasilien hatten den Konzern international wettbewerbsfähiger machen sollen. Stattdessen haben die Anlagen Milliardenverluste ausgelöst. Verantwortlich für die Probleme war haarsträubendes Missmanagement, an dem auch Patriarch Beitz eine Mitschuld trifft. Er hatte zwar beim Beginn der Bauplanungen den warnenden Finger gehoben und darauf hingewiesen, die Anlagen könnten für Thyssen-Krupp eine Nummer zu groß seien. Doch Beitz hatte nicht die Kraft, das Management zur Umkehr zu bewegen. Nach den Ursachen für die Milliardenverluste sowie für Kartellaffären forscht nun auch ein Sonderprüfer.

Die Thyssen-Krupp AG, die 1999 durch den Zusammenschluss der beiden Stahl- und Maschinenbauer geformt wurde, bot für die Aktionäre meist unruhige Zeiten. Seit Mitte 2007 ist das Unternehmen, das Stahl kocht, Autoteile und Aufzüge liefert, immer stärker in die Krise geraten. Heute ist der Konzern mit 5,3 Milliarden Euro verschuldet, die Eigenkapitalquote liegt bei nur noch 9,5 Prozent und die Aussichten sind trübe. Schon bald könnte Thyssen-Krupp in die missliche Lage geraten, mit seinen finanziellen Kennzahlen jene Marke zu erreichen, ab der die Hausbanken die Kreditlinien kündigen könnten. Allerdings ist davon auszugehen, dass die Banken selbst dann weiter still halten würden, um die Sanierung des Konzerns nicht zu gefährden.

Soeben hat der Konzern den Termin für die Vorlage seiner Quartalszahlen vorgezogen. Der Bericht zum dritten Quartal des Geschäftsjahres soll nun bereits am 13. August veröffentlicht werden. Hiesinger muss dann erklären, wie es weitergeht. Mitarbeiter und Aktionäre sind gespannt.