Thomas Hitzlsperger "Viele Konzern-Manager verstehen vom Fußball null bis nichts"

Thomas Hitzlsberger: "Ich weiß, was mit jungen Talenten passiert, im Guten wie im Schlechten."

(Foto: Andreas Gebert/dpa)

Thomas Hitzlsperger übt massive Kritik an den Führungsstrukturen mancher Vereine - nimmt aber den VfB Stuttgart ausdrücklich davon aus.

Von Marc Beise

Thomas Hitzlsperger, 36, hat in England und Deutschland alle Höhen und Tiefen einer Fußball-Karriere erlebt. Aufgewachsen mit sechs älteren Geschwistern in einem landwirtschaftlichen Betrieb bei München, war er elf Jahre Nachwuchsspieler beim FC Bayern, bevor er früh, mit 18 Jahren, in der englischen Premier League spielte.

Später wurde er mit dem VfB Stuttgart deutscher Meister, dort leitet er heute die Nachwuchsarbeit. Von 2004 bis 2010 war er Mitglied der Nationalmannschaft; sein letztes Spiel bestritt er als Kapitän. Bei der Weltmeisterschaft in Russland wird er für die ARD als Experte am Mikrofon arbeiten.

"Viele Konzern-Manager, das muss man leider so nehmen, wie es kommt, verstehen vom Fußball Null bis Nichts"

Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung äußert Hitzlsperger massive Kritik an den Führungsstrukturen mancher Vereine, die oft schon als Aktiengesellschaft organisiert sind und Vertreter anderer Unternehmen im Aufsichtsrat haben. "Viele Konzern-Manager, das muss man leider so nehmen, wie es kommt, verstehen vom Fußball Null bis Nichts", sagte der ehemalige Nationalspieler.

"Sie fühlen sich wohl in autoritären Strukturen und in der Gesellschaft von B- und C-Promis. Ob die Mannschaft gut oder schlecht spielt, vermögen sie nicht zu beurteilen."

Seinen eigenen Verein, den VfB Stuttgart, nimmt er davon ausdrücklich aus. Dass der Verein gegen den Widerstand vieler Mitglieder seine Profi-Abteilung in eine Aktiengesellschafts ausgegliedert hat, sei von großer Bedeutung dafür, dass der Verein nach turbulenten Jahren und Ab- und Aufstieg sich im Mittelfeld der Bundesliga festgesetzt hat.

Der Daimler-Konzern habe 11,75 Prozent der Anteile übernommen und dafür 41,5 Millionen Euro bezahlt, die der Verlag in neue Spieler, aber auch in seine Infrastruktur und die Jugendarbeit investiere.

"Für ein Unternehmen wie Daimler ist die herkömmliche Struktur eines Fußballvereins nicht attraktiv. Er gibt Geld und kann nur hoffen, dass die Weichen richtig gestellt werden. Jetzt besitzt Daimler 11,75 Prozent der Anteile, hat zwei Mitglieder im Aufsichtsrat und kann mitbestimmen." Weitere Investoren seien erwünscht.

"Eine Liga, in der sich außer dem FC Bayern niemand Hoffnung auf die Meisterschaft machen kann, hat keinen Reiz"

Anders als in England hätten die meisten Vereine zu wenig Geld, um auf höchstem Niveau zu spielen. "Eine Liga, in der sich außer dem FC Bayern niemand Hoffnung auf die Meisterschaft machen kann, hat keinen Reiz. Man tröstet sich damit, dass ja der Abstiegskampf so spannend sei. Das ist im Sinne des Wettbewerbs bedauernswert."

In Deutschland verhindert die 50+1-Regel, dass ein Investor einen Verein mehrheitlich beherrschen darf, entsprechend wird das große Geld im Ausland ausgegeben. "Viele Funktionäre würden sich gerne öffnen", sagt dazu Hitzlsperger, "sie fürchten aber den Unmut der Fans. Teile der Fans sind skeptisch, haben Angst vor Eigentümern, die mangels Identifikation und Wissen den Verein in den Ruin treiben. Ich kann beide Positionen nachvollziehen. Die Sorge, dass jemand den Verein übernimmt und dann herunterwirtschaftet, ist nicht aus der Luft gegriffen. Gleichzeitig wissen wir, dass wir Geld auftreiben müssen, wenn wir international mitspielen wollen."

Wichtig sei aber auch die Jugendarbeit. "Wir haben im Nachwuchsleistungszentrum fast 100 Mitarbeiter und 170 Spieler. Die müssen geleitet und organisiert werden. Wir brauchen eine Mission für die Jugendarbeit. Ich kann mich engagieren, weil ich alles selbst erlebt habe. Ich weiß, was mit jungen Talenten passiert, im Guten wie im Schlechten." Sechs Prozent aller Bundesliga-Profis haben mal in Stuttgart angefangen, das ist Platz eins.

Für die WM erwartet Hitzlsperger wachsende Begeisterung bei deutschen Fans, auch wenn es derzeit noch viel Kritik an den politischen Umständen in Russland gebe. Fußball sei hochpolitisch. "Ich bin ein politischer Mensch. Natürlich werde ich mich äußern, wenn es etwas zu sagen gibt. Ich rede aber lieber über Fußball. Der kann immerhin Brücken bauen, Begegnungen ermöglichen, Zeichen setzen." Es sei gut, "dass der DFB sich um die Europameisterschaft 2024 bewirbt. Auch eine Weltmeisterschaft in Deutschland hätte für mich ihren Reiz, die Euphorie von 2006 wirkt bei mir nach."

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