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Textilien aus Bangladesch:Faire Produktion erkennt man nicht am Preis

EU fordert Bangladesch nach Einsturz von Fabrik zur Einhaltung von internationalen Sicherheitsstandards auf

Arbeiterinnen in einer Textilfabrik in Bangladesch

(Foto: Bloomberg)

Die verheerenden Arbeitsbedingungen in Ländern wie Bangladesch bestürzen die Verbraucher. Viele fragen sich: Kann ich selbst etwas tun, um die Dinge zu ändern? Gisela Burckhardt von der Frauenrechtsorganisation Femnet sagt im Interview, wie das aussehen kann.

Von Hans von der Hagen

Den mündigen Verbraucher - gibt es den wirklich? Sicher: Noch nie war es so einfach, Produkte und Preise zu vergleichen. Doch wenn ein Kunde wissen will, unter welchen Bedingungen ein Produkt hergestellt wird, erfährt er meist wenig. Das gilt besonders für Textilien.

Nach dem Einsturz eines Gebäudes mit zahlreichen Textilfabriken sowie mehreren Bränden in Produktionsstätten fragen sich viele Verbraucher, was sie nun tun sollen. Geschäfte boykottieren? Mehr auf den Preis achten?

Gisela Burckhardt, Chefin bei der Frauenrechtsorganisation Femnet, die die Kampagne für saubere Kleidung unterstützt, gibt Antworten.

Süddeutsche.de: Frau Burckhardt, dürfen Menschen keine günstige Kleidung mehr kaufen?

Gisela Burckhardt: Grundsätzlich ist Billigkleidung problematisch, weil man davon ausgehen muss, dass sie unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen hergestellt worden ist. Zusätzlich aber ist teure Kleidung auch kein Garant für gute Arbeitsbedingungen. An dem Preis erkennt man nicht, ob die Ware fair produziert wurde.

Der Kunde weiß also höchstens, dass er sich keinerlei Illusionen über die Herstellungsbedingungen zu machen braucht, wenn er billig kauft?

Genau. In den Preisen für Markenprodukte stecken viele Kosten für Werbung oder Ladenmieten in Deutschland. Die Herstellungskosten spielen da kaum eine Rolle.

An welchen Grenzen kann man sich orientieren?

T-Shirts unter fünf Euro sind zu billig. Oft werden T-Shirts nur noch zum einmaligen Tragen gekauft, da fehlt völlig die Wertschätzung für die Arbeit einer Näherin, es wird ein "Ramschprodukt". Öko-faire T-Shirts gibt es online schon ab zehn bis zwölf Euro. Da ist dann aber auch nichts drauf - keine Applikation, kein Schriftzug.

Was kostet ein T-Shirt in der Herstellung?

Ich habe mal eine Kalkulation aufgestellt für ein Billig-T-Shirt. Die Kosten ohne Transport liegen bei 1,35 Euro, der Ladenpreis beträgt dann 4,95 Euro. Das ist eine Fertigung unter den üblichen schlecht bezahlten Bedingungen in Bangladesch.

Gibt es Länder, in denen die Konditionen für die Beschäftigten besonders schlimm sind?

Bangladesch hat die niedrigsten Löhne weltweit. Das würde sich nicht einmal dann ändern, wenn dort die Löhne verdoppelt würden. Aber in Ländern wie Indien und Vietnam sieht es kaum besser aus. Überall sind die Mindestlöhne zu niedrig, weil sie nicht reichen, um eine Familie zu ernähren. Aber es geht uns nicht um ein Länderbashing. Vielmehr müsste man schauen, in welcher Fabrik die Kleidung produziert wird. Darum drängen wir darauf, dass die Unternehmen Transparenz herstellen, indem sie die Lieferanten nennen. H&M hat das jetzt gemacht. Über die Arbeitsbedingungen weiß man dann zwar immer noch nicht viel, aber es ist ein erster Schritt.

Gibt es größere Bekleidungsketten, die sich mehr als andere um die Arbeitsbedingungen in den Fabriken kümmern?

Aus unserer Sicht sind Unternehmen, die bei der Fair Wear Foundation Mitglied sind, glaubwürdiger. Das sind immerhin schon mehr als 100 Unternehmen, darunter etwa die großen Outdoor-Firmen wie Mammut, Vaude, Deuter, Schöffel oder Jack Wolfskin, aber auch Gesellschaften wie Hess Natur. Das heißt nicht unbedingt, dass die sauber sind, aber es ist eine Orientierungshilfe. Noch mehr vertraue ich kleineren Labels, die sich zertifizieren lassen, wie Monkee oder Nudie Jeans.

Die schlechten Tricks der Unternehmer

Wie vertrauenswürdig sind die Überprüfungen der Hersteller, die westliche Unternehmen zuweilen durchführen lassen?

Es gibt viele Probleme bei diesen Audits, die übrigens für die durchführenden Gesellschaften eine Riesengeschäft sind. Prüfer werden auch bestochen oder betrogen.

Konkret?

Beispielsweise durch doppelte Buchhaltung. Dann wird bescheinigt, dass die Arbeiterin höchstens 60 Stunden pro Woche gearbeitet hätte, obwohl es tatsächlich 100 Stunden waren. Es kann auch behauptet werden, dass keine Kinder in dem Betrieb arbeiten würden. Tatsächlich sind sie dann nur am Tag der Überprüfung nicht da. Wenn Prüfer unangemeldet erscheinen, verschwinden sie schnell. Oder den Näherinnen wird klar gemacht, was sie bei Befragungen sagen dürfen und was nicht. Da heißt es dann: Wenn du den Prüfern erzählst, dass du zwangsweise Überstunden machst, dann bekommen wir keine neuen Aufträge mehr.

Wer weiß dann noch, was in den Betrieben wirklich los ist?

Am ehesten die lokalen Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen - die stehen oft in direktem Kontakt mit den Beschäftigten.

In Bangladesch ist kürzlich ein Gebäude zusammengestürzt - nach neuesten Zahlen starben dabei mehr als 1000 Menschen. Wer kümmert sich um die Gebäudesicherheit, also die elementarste Form des Schutzes am Arbeitsplatz?

Selbst wenn eine Fabrik nur im Rahmen eines Sozialaudits überprüft wird, sollte dazu auch die Überprüfung des Brandschutzes und der Gebäudesicherheit gehören. Mängel sind da relativ leicht erkennbar. Sicher: Die Auditfirmen können nicht alles kontrollieren, aber sie könnten sich zumindest die Bestätigung der Aufsichtsbehörde vorlegen lassen, dass ein Gebäude abgenommen wurde. In dem von Ihnen genannten Fall war es wohl ein illegales Gebäude, es gab keine Erlaubnis, dort solche Fabriken zu führen.

Wenn also nichts da ist, worauf sich die Kunden verlassen können, was bleibt dann noch, um sich beim Kleidungskauf zu orientieren?

Es gibt einige Gütesiegel, deren Verbreitung deutlich zunimmt, wie ich auf der Fashion Week in Berlin sehen konnte.

Zum Beispiel?

Da gibt es das Fairtrade-Siegel, das vor allem etwas über die Bedingungen der Beschäftigten auf Baumwollplantagen aussagt. Die Fair Wear Foundation achtet auf die Arbeitsbedingungen bei der Konfektion der Kleidung und überprüft zusätzlich die Einkaufspolitik der hiesigen Firmen. Es ist also als Unternehmenssiegel zu verstehen - nicht nur als Siegel für ein einzelnes Produkt. Daneben gibt es Siegel für Naturtextilien wie GOTS und IVN Best.

Viele fragen sich, ob sie bestimmte Handelsketten boykottieren sollen. Bringt das etwas?

Wir von der Kampagne für saubere Kleidung rufen nicht zum Boykott auf, weil letztlich die Näherinnen leiden würden. Zudem lassen fast alle großen Kleidungsketten unter schlechten Bedingungen produzieren, darum ist es schwierig, eine herauszugreifen. Besser ist es, öko-faire Kleidung zu kaufen oder auch Secondhand-Ware - und grundsätzlich den eigenen Konsum zu überdenken.

Gisela Burckhardt ist Vorstandsvorsitzende bei Femnet.

Lesetipp: Ein vielsagender Artikel zum Thema erschien 2010 in der "Zeit": "Das Welthemd". Der darin angegebene Preis für Baumwolle liegt derzeit übrigens bei knapp 60 Cent für 400 g Baumwolle.

© Süddeutsche.de/rus
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