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Tesla:Hat der Fahrer seine Pflicht als Aufpasser verletzt?

Vielleicht wird sich nie ganz klären lassen, warum weder die vielen Sensoren und Kameras am Auto, noch dessen Besitzer Joshua David Brown den riesigen Laster sahen, der sich ihnen in den Weg stellte. Tesla vermutet, dass Auto wie Fahrer die weiße Plane des Aufliegers im hellen Sonnenlicht mit dem Himmel verwechselt haben könnten. Möglicherweise wurden sie auch von der Sonne geblendet. Wäre der Pkw stattdessen auf die Front oder das Heck des Lkw zugefahren, schreibt Tesla jetzt im Firmenblog, "dann hätte das moderne Sicherheitssystem einen schweren Unfall mit ziemlicher Sicherheit verhindert - wie es das in der Vergangenheit schon in vielen Fällen getan hat."

So verständlich der Erklärungsversuch ist: Im Grunde macht er die Sache noch schlimmer, denn er bedeutet ja, dass man sich mit einem ganz oder teilweise selbstfahrenden Auto einem anderen Fahrzeug besser nicht von der Seite nähern sollte. Die Aussagen des Unternehmens bieten zudem keine Antwort auf die Frage, warum Brown nicht eingriff: Er hätte schließlich selbst dann bremsen können, wenn er geblendet worden wäre. Dass er die Plane tatsächlich mit dem Himmel verwechselte, ist jedenfalls kaum vorstellbar.

Seit selbststeuernde Autos im echten Betrieb oder zu Testzwecken auf den Straßen der Welt unterwegs sind, hat es immer wieder Fälle gegeben, in denen die Fahrer sich mit anderen Dingen befassten, statt den Computer und die Richtigkeit seiner Entscheidungen zu überwachen. Manche duckten sich, um Menschen im Auto daneben zu erschrecken. Andere lasen ein Buch oder starrten auf ihre Handys. Von Joshua Brown, der nur 40 Jahre alt wurde, heißt es inoffiziell, er habe im Moment des Unfalls einen Harry-Potter-Film geschaut. Ob das stimmt, ist unklar. Zumindest hätte er diesem Fall seine Pflichten als Aufpasser des Autopiloten grob verletzt.

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Die Mehrheit kann sich gar nicht vorstellen, die Kontrolle abzugeben

Tesla zufolge ist das System, das Autos mit Hilfe von Kameras und Sensoren automatisch die Spur wechseln, die Geschwindigkeit verändern und bremsen lässt, noch im Versuchsstadium. Wer es einschalte, werde automatisch ermahnt: Hände ans Lenkrad! Das System sei "nicht perfekt und erfordert vom Fahrer, wachsam zu sein", heißt es in dem Blogeintrag.

Vielleicht vertraute Brown, der sein Modell S liebevoll "Tessi" nannte, dem Autopiloten mehr, als er es hätte tun sollen. Immer wieder hatte er im Internet Videos veröffentlicht, die zeigen, wie die Steuerung brenzlige Situationen ohne sein Eingreifen meisterte. Tesla-Chef Musk war für die kostenlose Werbung so dankbar, dass er den Link zu einem der Filme selbst weiter verbreitete. Nun blieb dem Firmengründer nicht mehr, als der Familie des Verstorbenen via Twitter sein "Beileid für den tragischen Verlust" auszusprechen.

"Der Unfall ist sehr traurig", sagte am Freitag auch BMW-Chef Harald Krüger. Er zeige aber auch, dass die Technik bislang noch nicht ausgereift sei. Krüger betonte, dass bei BMW Sicherheit immer an erster Stelle stehe. Dass der Autobauer aus München ausgerechnet an dem Tag, an dem der tödliche Unfall in Florida bekannt wurde, in seinem Forschungszentrum in Garching bei München zu einer Veranstaltung zum autonomen Fahren geladen hatte, war unter PR-Gesichtspunkten sicher nicht ideal. Der Konzern will gemeinsam mit dem Chiphersteller Intel und dem israelischen Kameratechnik-Spezialisten Mobileye bereits in fünf Jahren ein selbstfahrendes Serienmodell auf den Markt bringen. Der Autopilot soll "nicht nur auf Autobahnen, sondern auch in städtischen Umgebungen" funktionieren. Krüger sagte, die Partnerschaft sei nach dem Kauf des Kartendienstes Here zusammen mit Audi und Daimler der nächste große Schritt, um vollkommen autonomes Fahren zu verwirklichen. Intel-Chef Brian Krzanich erklärte, um Unfälle zu vermeiden, brauchten die Autos starke und verlässliche elektronische Gehirne. Um die Technik alltagstauglich zu machen, werde man aber noch fünf Jahre brauchen. "Nach unserer Einschätzung lässt der heutige Stand der Technologie noch keine Serienfahrzeuge zu, die im Straßenverkehr automatisch und ohne Unterstützung des Fahrers sicher fahren können", so Krüger. BMW, Intel und Mobileye wollen nun gemeinsam einen Standard schaffen, der dann anderen Autobauern angeboten werden kann.

Denn auch für die übrigen deutschen Hersteller sieht die Zukunft ähnlich aus, wie Krüger sie sich vorstellt: elektrisch und autonom. VW-Chef Matthias Müller etwa will Milliarden investieren, um mit strombetriebenen, selbststeuernden Autos aus der Dieselkrise zu fahren. Die neue E-Klasse von Daimler kann schon heute allein überholen und sich selbstständig an Verkehrszeichen entlang orientieren. Doch neben technischen sind auch viele juristische Fragen noch immer unbeantwortet - etwa die, wer im Falle eines Unfalls, wie er jetzt in den USA passiert ist, haften soll. Der Fahrer, der gar nicht fuhr? Der Hersteller? Die Software-Firma, die zugeliefert hat?

Trotz solcher Probleme will Daimler schon bald Lkw verkaufen, die selbständig in langen Kolonnen über die Autobahnen rollen. Statt zu lenken, können die Fahrer dann am Tablet ihre Fracht- und Grenzpapiere ausfüllen. Auch im Elektro-BMW der nächsten Generation soll der Fahrer nicht nur die Hände vom Lenkrad nehmen, sondern sich ganz anderen Dingen widmen können. Harry Potter zum Beispiel. Joshua Brown, der solche Zukunftsversprechen offenbar schon für die Gegenwart hielt, musste für das Missverständnis einen hohen Preis zahlen. Den höchsten.

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