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Streit über Farbstoffe in Cola:Alarmstufe Braun

Reichen zwei Dosen Cola am Tag, um das Krebsrisiko zu erhöhen - oder müssten es schon 1000 sein? Nach diversen Süßstoffen nehmen sich amerikanische Verbraucherschützer den Farbstoff in den Soft Drinks vor. Die Industrie spricht von Panikmache. Und ein UN-Sonderberichterstatter fordert eine Strafsteuer auf dickmachende Getränke.

Zucker macht dick und verursacht Diabetes, Süßstoff ist umstritten, Phosphorsäure ebenso: Kaum ein Stoff in Cola ist noch nicht beschuldigt worden, die Gesundheit zu gefähren. Jetzt ist der Farbstoff dran, der für den imageprägenden Braunton des beliebtesten Soft Drinks verantwortlich ist.

Ein Zuckercouleur gibt Pepsi und Coca-Cola die Farbe, er enthält 4-Methylimidazol. Jetzt behaupten Verbraucherschützer: Dieser Stoff könne Krebs auslösen.

Zumindest bei Nagetieren kann der Stoff Tumore wachsen lassen, sagt eine neue Studie, auf die die Verbraucherorganisation Center for Science in the Public Interest (CSPI) verweist. Ihr zufolge überschreitet die Konzentration von 4-Methylimidazol pro Dose in fünf Cola-Sorten die Grenzwerte des Bundesstaates Kalifornien um mehr als das Doppelte. Der Stoff, der auch zum Färben von dunklen Bieren verwendet wird, steht schon seit längerem im Verdacht, Krämpfe bei Mäusen und Kaninchen auszulösen. Deshalb solle die Ernährungsbehörde FDA die Farbstoffe verbieten.

Dass die Aktivisten ausgerechnet kalifornische Maßstäbe auslegen, hat seinen Grund: Seit dessen Bewohner 1986 in einem Referendum für die berüchtigte Proposition 65 stimmten, hat der Bundesstaat die schärfsten Gesetze gegen krebserregende Stoffe und andere Toxine.

Allerdings sehen die Aufseher der FDA den Fall ganz anders als das CSPI: Ein Sprecher der Nahrungsmittelkontrolleure sagte, ein Mensch müsse mehr als 1000 Dosen Cola an einem Tag trinken, um auf die Dosis zu kommen, die bei Nagern Krebs auslöse.

Auch die Cola-Produzenten wiesen die Vorwürfe schroff zurück: Der Verband der Getränkeindustrie warf dem CSPI vor, Verbraucher verängstigen zu wollen, berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg. Coca-Cola ließ verlauten, 4-Methylimidazol sei unbedenklich.

Zucker wird Cola-Produkten in Form von Maissirup zugesetzt, außer bei Light-Produkten. Dass der hohe Zuckergehalt bei übermäßigem Konsum zu Karies und Übergewicht führen kann, ist unbestritten. Nicht so eindeutig sieht es bei anderen Zutaten aus. Die Gerüchte um sie gehören zu dem Gebräu wie die dunkelbraune Farbe: Seit Jahren hält sich der Mythos, ein Steak würde sich in Cola nach einiger Zeit auflösen - obwohl das lange widerlegt ist.

Verbraucher und Verbraucherschützer misstrauen vor allem den Diät-Colas. Die machen nicht dick und verursachen kein Diabetes, dafür stand über die Jahrzehnte praktisch jeder künstliche Süßmacher darin im Verdacht, Krebs auszulösen. Aus diesem Grund verboten die amerikanischen Behörden 1970 Cyclamat, den Ur-Süßstoff in den Light-Getränken. Über die Sicherheit seiner Nachfolger Aspartam und Saccharin wird seit Langem gestritten.

In Europa dürfen Getränke wie Cola Light und Coke Zero mit Cyclamat gesüßt werden. Im vergangenen Jahr ließ die Europäische Union den als Extrakt einer "Wunderpflanze" vermarkteten natürlichen Süßstoff Stevia zu. Er ist angeblich unbedenklich und wesentlich süßer als Zucker. Fritz Cola bietet in Deutschland seit kurzem eine Version mit Stevia an.

Die Vereinten Nationen fordern eine ökonomische Lösung für das Soft-Drink-Problem. Der Sonderberichterstatter für Ernährung der UN, Olivier von Schutters, hat an diesem Dienstag einen Bericht zu ungesundem Essen vorgelegt. "Unsere Nahrungssysteme erschaffen kranke Menschen", sagt er. In dem Papier fordert der Sonderberichterstatter, zuckerhaltige Getränke sowie fett- und salzreiches Essen mit Sondersteuern zu belegen. Werbung für dickmachendes Junkfood solle eingeschränkt werden, um Kinder zu schützen.

Außerdem sollen Schutter zufolge bestimmte Subventionen für die Agrarindustrie abgeschafft werden. Sie seien mitschuld daran, dass so viel Maissirup produziert und dann als Zucker konsumiert werde. Die Beihilfen würden falsche Anreize schaffen: Es lohne sich mehr für die Agrarindustrie, Fertigessen herzustellen als Früchte und Gemüse günstig anzubieten. Schutter schreibt, Menschen hätten einen Anspruch auf gesunde Ernährung, das Recht auf Nahrung könne "nicht reduziert werden auf das Recht, nicht zu verhungern".