Steigende Baumwollpreise Es blüht der Hunger

Der Preis für Baumwolle steigt wie nie zuvor - deswegen säen Bauern lieber die lukrative Naturfaser, statt Nahrungsmittel anzubauen. Das könnte die Hungerkrise verschärfen - aber auch afrikanischen Kleinbauern helfen.

Von Bastian Brinkmann

Ramon Velas nächste Ernte wird weiß, nicht golden. Der texanische Bauer hat die Weizenstoppeln untergepflügt, im Mai wird er kein Korn mehr aussäen - sondern Baumwolle. "Da kann man gerade richtig viel Geld machen", sagte er der New York Times. Bis zu 500.000 Dollar könnte er mehr verdienen, weil er umsattelt.

Baumwollernte in Brasilien: Das Land ist weltweit einer der Hauptproduzenten der Naturfaser.

(Foto: dpa)

Vela und viele andere amerikanische Bauern schauen dieser Tage auf die Zahlen der New Yorker Terminbörse: Baumwolle ist so teuer wie nie. Im Februar durchbrach der Preis erstmals die Marke von zwei Dollar pro Pfund, fast dreimal so viel wie vor wenigen Monaten.

Weltweit überlegen deswegen Farmer, ob sie auf die lukrative Naturfaser umsteigen sollen. Doch damit könnte die Anbaufläche für Nahrungsmittel knapper werden. Schon jetzt sind Lebensmittel teurer als zu Zeiten der Hungerkrise 2008, wie aktuelle Zahlen der UNO zeigen. Der Rekord beim Baumwollpreis könnte die Situation nun verschärfen, ähnlich wie der Anbau für Ethanol-Sprit, weil weniger zum Essen angepflanzt wird. Andererseits könnten gerade afrikanische Kleinbauern von dieser Entwicklung profitieren: Wegen des hohen Baumwoll-Preises können sie mit den stark subventionierten US-Farmern mithalten.

Dass der Preis so stark gestiegen ist, hat viele Gründe. Zum einen die Natur: In Pakistan und in Australien haben Flutkatstrophen Ernten vernichtet. Das Angebot konnte mit der Nachfrage bei weitem nicht mithalten. Die chinesische Mittelschicht fragt mehr und mehr Baumwolle nach. Außerdem waren die Lager fast komplett leer, weil es sich in Zeiten der Wirtschaftskrise nicht gelohnt hatte, Baumwolle anzubauen. Nicht zuletzt haben die niedrigen Zinsen viele Anleger dazu bewogen, in Rohstofffonds zu investieren - und damit auch auf steigende Baumwollpreise zu spekulieren, was den Preis weiter treibt. "Dass das alles zusammenkommt, ist eine einmalige Situation", sagt eine Sprecherin der Bremer Baumwollbörse.

Vieles spricht dafür, dass der Preis hoch bleibt, vor allem, weil die Nachfrage stabil sein wird. Die Farmer springen gerne auf den Trend auf: In den USA wird die Fläche, auf in der kommenden Saison Baumwolle angebaut wird, im Vergleich zum Vorjahr um 14,5 Prozent steigen, ergab eine Umfrage des US-Agrarministeriums.

"Aus humanitärer Sicht beängstigend"

Die Vereinigten Staaten sind der drittgrößte Baumwollproduzent nach China und Indien. Ob sich der Umstieg auszahlt, zeigt sich jedoch erst bei der Ernte im Herbst und Winter. Von den hohen Preisen profitieren zunächst die Bauern auf der Südhalbkugel, wo Ende April geerntet wird, beispielsweise in Australien und Argentinien.

Ob der Wille zur Wolle die Hungerkrise verschärft, ist schwierig zu prognostizieren. "Für die Farmer ist die Entwicklung gut, aber aus humanitärer Sicht ist es schon beängstigend", zitiert die New York Times einen texanischen Baumwollhändler. Menschen in armen Ländern könnten sich künftig noch weniger Lebensmittel leisten.

Die Händler der Bremer Baumwollbörse rechnen dagegen kaum mit einer Auswirkung auf die Preise für Nahrung. Dafür sei die Anbaufläche für Baumwolle zu klein: Kommende Saison soll sie auf 33,5 Millionen Hektar weltweit steigen, von etwa 30 Millionen Hektar als langjährigem Durchschnitt. Das falle kaum ins Gewicht. Zum Vergleich: In Deutschland gibt es 12 Millionen Hektar Ackerfläche.

Mit ziemlicher Sicherheit werden aber die Kleidungspreise steigen. Beispielsweise sagte Abercrombie & Fitch dem Guardian, dass die Kunden im Herbst wohl zehn Prozent mehr für Klamotten zahlen müssten.

Logistik verbessern

Die Entwicklungsorganisation Welthungerhilfe sieht sogar positive Folgen des Baumwoll-Booms: "Endlich bekommen die Kleinbauern in der Sahel-Zone einen akzeptablen Preis für ihre Baumwolle", sagt Ernährungsexperte Rafaël Schneider.

Davon könnten sich afrikanischen Farmer dann auch mehr Nahrungsmittel kaufen. Gefährlich werde es, wenn die Bauern beginnen würden, auf Pump allein auf Baumwolle zu setzen. Wenn dann die Ernte platzt, weil die Regenzeit zu früh einsetzt, oder der Preis fällt, könne das fatale Folgen haben: Der Bauer ist verschuldet und hat nichts Essbares angebaut.

Es kann auch passieren, dass schlicht LKW und Straßen fehlen, um die Baumwolle zu transportieren und zu verkaufen. Die Welthungerhilfe möchte deswegen den Bauern ermöglichen, verschiedene Feldfrüchte anzubauen und die Logistik zu verbessern. Damit nicht nur die Texaner vom Baumwollpreis profitieren.

Linktipp: Die Welthungerhilfe hat gerade eine Studie zu Hungerkrise 2008 vorgelegt. Die Hochschule Bremen hat darin untersucht, welchen Anteil Spekulation an den damals hohen Lebensmittelpreisen hatte. Demnach können rund 15 Prozent des Preisniveaus auf Kapitalanleger zurückgeführt werden.