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Start-Ups:Wo die Gründer wachsen

Ein ziemlich bunter Haufen, so wie die deutsche Gründerszene.

(Foto: plainpicture/Millennium/Emanuele)

Überall im Land werden Start-ups gehätschelt. Die Sorge ist groß, dass Deutschland den Anschluss verliert, und der Nachschub für Mittelstand und Konzerne ausbleibt. Aber es gibt Hoffnung.

Die Zahl an der Wand lautet: 32 154. Christian Schlenk, Technikchef des Start-ups Smart City System, hat die Leuchtanzeige immer im Blick. Das Start-up will Städte ein wenig klüger machen, indem private und öffentliche Parkplätze und -häuser besser ausgelastet werden. Schlenk greift zu einer schwarzen, flachen Box und steckt sie in ein robustes gelbes Kunststoffgehäuse: "Das ist unser Bodensensor." Die Leuchtanzeige an der Wand zeigt an, wie viele Sensoren das Start-up bereits installiert hat, bis zum 11. Oktober waren es gut 32 000, jede Woche kommen 1500 dazu. "Wir sind meist nachts unterwegs, weil die meisten Parkplätze dann leer sind", sagt Schlenk. "Wir machen aber viel mehr als Hardware. Wir liefern auch die Software, um die Daten zu analysieren und den Parkraum zu managen. Wir eröffnen damit völlig neue Geschäftsmodelle."

Schlenk öffnet auf dem Computer das Bild eines fiktiven Supermarkt-Parkplatzes. Auf dem Schirm ist zu sehen, wie viele Stellplätze gerade frei sind, wo ein Auto parkt und wie lange. Die grün markierten Plätze sind belegt, die grauen frei. "Wir liefern nur die Daten, was die Betreiber damit machen, ist ihre Sache", sagt Schlenk. Städte können die Daten in ihr Parkraummanagement einspeisen, um Autofahrer auf freie Stellplätze oder freie Ladesäulen für Elektrofahrzeuge zu lotsen. Dauerparker fallen auf.

Seit Anfang 2017 sitzt Smart City im Nürnberger Gründerzentrum Zollhof, Schlenk ist einer der Gründer. "Wir waren die ersten, die hier eingezogen sind. Es gab kaum Schreibtische und zum Einzug Pizza", erzählt er. Inzwischen steht ein Schreibtisch neben dem anderen. "Wir sind gut beschäftigt", sagt Benjamin Bauer, Ideengeber und heute Geschäftsführer des Zollhofs. Auch Bauer hat schon gegründet, damals hätte er sich einen Zollhof gewünscht. "Es gibt in Nürnberg und in der Region eine starke IT- und Gründerszene, genügend erfolgreiche Unternehmer wie die Familien Oschmann oder Wöhrl. Es gibt potente Konzerne", sagt Bauer. Aber ein Tech Hub, der alle zusammenbringt, fehlte: Gründer, Firmen und Investoren.

Wie in Nürnberg sind in den vergangenen Jahren überall in der Republik Gründerzentren entstanden, Akzeleratoren und Inkubatoren oder Institutionen, die alles in einem bieten. Sie hegen und pflegen Start-ups. Die Sorge ist groß, dass Deutschland den Anschluss verliert. Eine berechtigte Sorge: Im Vergleich zu Ländern wie den USA und China fehlt die Gründerwelle, es ist eher ein sanftes Rollen. Ein Land ohne Gründer aber ist ein Land ohne Zukunft. Siemens, Bosch, Miele - die deutsche Wirtschaftsgeschichte kennt viele Gründer, manche wurden Weltmarktführer. Aber was kommt nach? Weshalb entstehen Konzerne wie Amazon, Google oder Facebook in den USA?

Sind die Deutschen zu satt, zu träge, zu ängstlich und zu ideenlos? Wo stecken die Menschen, die das scheinbar Unmögliche möglich machen, weil sie schneller, größer und weiter denken als die meisten ihrer Zeitgenossen?

Aber es gibt sie, diese Gründer, auch in Deutschland. Sie wachsen in den mehr als 300 Technologie- und Gründerzentren, in Inkubatoren und Akzeleratoren. Verbände, Messen, Company Builder, Beteiligungsfirmen, Hackathons, Makerlabs, Crowdfunding-Plattformen - alles da. Private und öffentliche Anbieter, alte, neue, große und kleine. Kaum ein Dax-Konzern, kaum ein großes Familienunternehmen, die nicht die Nähe zu den Gründern suchen. Es gibt viele öffentliche Fördertöpfe. Der Zollhof beispielsweise ist als Teil der Initiative Gründerland Bayern das digitale Gründerzentrum für den Regierungsbezirk Mittelfranken, und er bildet mit dem Medical Valley Erlangen und Health Hackers den Digital Health Hub der Digital Hub Initiative des Bundeswirtschaftsministeriums. Bundesweit gibt es zwölf Knotenpunkte.

Das wohl luxuriöseste Heim für Gründer heißt Unternehmertum. Gegründet hat es schon 2002 die Unternehmerin und BMW-Großaktionärin Susanne Klatten in Garching bei München. Es bringt nach eigenen Angaben jedes Jahr rund 50 Start-ups hervor. Ein gutes Heim bietet nach Ansicht von Klatten einen sicheren, geschützten Platz, wo man aufgenommen und ermutigt wird, wo man konstruktive Kritik bekommt und wertvollen Rat, wo man gefordert wird und so lange bleiben kann, bis man die ersten eigenen Schritte gehen kann. Die Unternehmertum hat prominente Absolventen wie die Gründer von Flixbus, Proglove, Magazino oder Celonis.

Nicht nur in Hotspots wie Berlin, München oder Hamburg tut sich was, sondern überall im Land. "Wir sind keine Konkurrenten", sagt Zollhof-Chef Bauer: "Jede Gründerszene hat ihre Eigenheiten. Deutschland braucht mehr Gründer." Der Bundesverband Deutsche Startups schätzt die Zahl der Start-ups auf rund 9000. Nicht jede Existenzgründung ist ein Start-up. Für den Verband zählen Firmen als Start-up, wenn sie jünger als zehn Jahre sind, ihre Geschäftsidee innovativ und skalierbar ist, also Wachstumspotenzial hat.

In Deutschland lassen sich Hochschulabsolventen immer noch lieber anstellen

Zwar schneidet Deutschland in vielen Rankings, die die Innovationskraft messen, gut ab. Das Gründungsgeschehen hält aber nicht mit dem anderer Länder mit. Nur etwa jeder Zwanzigste im Alter von 18 bis 64 Jahren hat seit 2015 in Deutschland ein Unternehmen gegründet oder bereitet diesen Schritt gerade vor, geht aus dem Global Entrepreneurship Monitor 2018 hervor. Die Gründungsaktivitäten sind deutlich niedriger ausgeprägt als in den meisten Ländern mit hohen Einkommen - in Österreich, den Niederlanden oder den USA liegt die Quote bei mehr als zehn Prozent. "In Deutschland gehen Hochschulabsolventen immer noch lieber zum Staat und in ein Unternehmen", sagt ein Sprecher des Bundesverbandes. Attraktive Alternativen sind einer der Gründe, Bürokratie, weniger Wagniskapitalgeber andere. Und es gibt die Furcht vor dem Scheitern.

Dabei sind die Voraussetzungen in Deutschland im internationalen Vergleich gar nicht so schlecht. "In wenigen Standorten wird weltweit so intensiv im Bereich Lifescience, Maschinenbau, Automobilität, Energie und anderen Leitbranchen der Wirtschaft geforscht", sagt Thorsten Lambertus. Der Wirtschaftsingenieur, selbst Gründer, leitet den Company Builder Ahead von Fraunhofer Venture, dem Beteiligungsvehikel der Fraunhofer-Gesellschaft. Die neue Generation von Gründern bringe vieles mit, was Entrepreneure auszeichne: den Instinkt für erfolgreiche Geschäftsmodelle, Hunger nach Neuem, Pionierdenken. Aber selbst in den Industrien mit herausragenden Technologien und Forschung, etwa im Maschinenbau, hinke Deutschland im Bezug auf ambitionierte Gründungen hinterher. Die meisten fänden in Segmenten statt, die eher einfache Basistechnologien nutzen und mit denen sich Marktpotenziale - vermeintlich - schnell heben lassen, etwa im E-Commerce und mit Lowtech-Plattformen. "Das reicht nicht. Es braucht Deeptech-Start-ups, junge Firmen, die die Technologien für die digitale Transformation liefern wie das Internet der Dinge oder Industrie 4.0, die vernetzte Produktion", sagt Lambertus.

Start-ups wie das von Hanjo Rhee, Mitgründer von Sicoya. Die Firma ist 2015 als Ausgründung der Technischen Universität Berlin entstanden. Sicoya entwickelt opto-elektronische Produkte, zum Beispiel Transceiver-Chips, die Daten laut Rhee mit deutlich höherer Geschwindigkeit übertragen können als herkömmliche Transceiver. Für Laien sieht er unspektakulär aus, ein bisschen wie ein metallisch glänzender USB-Stick. Aber er hat es in sich. Im Mikrochip werden elektrische Signale in optische umgewandelt und umgekehrt. Die Technologie sei vergleichsweise preiswert und lasse sich in großen Volumen herstellen. An solchen Technologien werde auch anderswo in der Welt geforscht. "Aber nur wir haben optische und elektrische Elemente auf einen Chip gebracht", sagt Rhee. Die Betreiber großer Datenzentren wie Google oder Amazon können damit ihre vielen Server effizienter miteinander vernetzen.

Sicoya gilt als eines der Vorzeigeunternehmen in Adlershof, einem Technologiepark auf gut vier Quadratkilometern in Berlin. Ein Ort mit Geschichte. "Berlin war mal ein Industriestandort mit mehr als 570 000 Beschäftigten", sagt Peter Strunk, Kommunikationschef dort, aber auch eine Art Fremdenführer. Er scheint jeden Winkel des weitläufigen Geländes zu kennen. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war Adlershof das, was man heute ein Tech Hub für die Flugzeugindustrie nennen würde. Seit der Wiedervereinigung arbeitet die öffentliche Betreibergesellschaft Wista daran, Adlershof wieder zu einem Hotspot zu machen für neue Technologien wie Photonik und Optik, Material- und Mikrosystemtechnologie oder Biotechnologie. "Wir wollen Wissenschaft, Unternehmen und Start-ups vernetzen", sagt Wista-Geschäftsführer Roland Sillmann. Adlershof hat seit 1991 unzählige Start-ups hervorgebracht. Allein aus der einstigen DDR-Akademie der Wissenschaften sind rund 150 Unternehmen ausgegründet worden. "In unserem Gründungszentrum sind mehr als 90 Unternehmen ansässig", sagt Sillmann. Die meisten arbeiten im B2B-Geschäft, sie entwickeln Produkte und Dienstleistungen für andere Unternehmen. "Wir machen hier Hightech. Wir haben wenig gemein mit den Cappuccino-Trinkern aus Mitte", sagt Sillmann. "Wir wollen, dass Berlin wieder ein Industriestandort wird."

© SZ vom 07.11.2019
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