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Start-ups:Durchs Raster gefallen

Viele Start-ups kämpfen in Zeiten von Corona ums Überleben. Sie kommen nur schwer an staatliche Hilfen oder Bankkredite. Der Verband fordert nun spezielle Maßnahmen, um die Jungunternehmer durch die Krise zu bringen.

Urlauber stornieren ihre Trips, in vielen Städten herrscht eine Ausgangssperre. Eigentlich, so sollte man meinen, müsste auch Markus Dickhardt den Kopf im Sand vergraben. Immerhin ist der dauerfröhliche Mann Start-up-Gründer im Reisebereich, er vermietet über seine Firma Roadsurfer Campervans. Doch Dickhardt ist nicht unglücklich, nur ein wenig besorgt. Die Corona-Krise hat er erst versetzt gespürt, die Durststrecke von ein paar Wochen werde man überleben. Seit dem ersten Tag, so sagt er, schreiben sie schwarze Zahlen und selbst wenn der Gründer und Geschäftsführer mit dem Schlimmsten rechnet, kann das 2017 gegründet Start-up mit 130 Mitarbeitern noch lange von seinen Rücklagen leben. "Wir sind in einer vergleichsweise guten Ausgangssituation", sagt er.

Wie glücklich er sich wohl schätzen kann, weiß derjenige, der sieht, wie es der Start-up-Branche sonst gerade geht: Umsatzausfälle, Lieferengpässe und Investoren, die Kapitalzusagen zurückziehen, zehren an den jungen Firmen, viele sind in der eigenen Existenz bedroht, weswegen sie bereits öffentlich nach Hilfe rufen. Diese zu besorgen, ist wiederum gar nicht so einfach. Die Hilfen, die Landes- und Bundespolitiker in den vergangenen Tagen ins Leben gerufen haben gelten für Solo-Selbständige und kleine Betriebe. Ihnen wollen die Politiker Liquiditätshilfen bereitstellen und sie mit Förderkrediten der Hausbanken über Wasser halten.

Für Start-ups aber bringt das kaum etwas. Zwar sind einige von ihnen profitabel oder haben viel Kapital von Investoren im Rücken. Viele Start-ups aber sind erst wenige Monate oder ein paar Jahre alt, können vielleicht einen Prototypen vorweisen oder aber schreiben tiefrote Zahlen, weil sie zuletzt jeden verfügbaren Cent in ihr Wachstum oder in die Expansion neuer Märkte gesteckt haben. Dieses Skalieren liegt in der Natur eines Start-ups und wird von vielen Investoren auch erwartet. In der jetzigen Situation führt das dazu, dass sie durch jegliche Raster in der Kreditvergabe fallen. In den allerwenigsten Fällen werden sie lupenrein nachweisen können, dass Corona der Grund ihrer aktuellen Probleme ist.

Dazu kommt, dass Darlehen für einen gewissen Zeitraum zwar helfen können, aber dann zurückbezahlt werden müssen. Damit stehen sie als Belastung in der Bilanz, was wiederum Geldgeber abschrecken könnte. Der Bundesverband Deutscher Start-ups hat deshalb einen Vier-Stufen-Plan vorgelegt. Darin fordert er staatliche Darlehen für frisch gegründete Unternehmen, einen Fonds, der künftige Investitionen von Wagniskapitalgebern aufstockt, und Wachstumskredite für bereits größere Unternehmen. Sollten Geldgeber ausfallen, könnten staatliche Stellen wie die KfW Anteile der Firmen übernehmen. "Uns bleibt nicht viel Zeit", betonte Christian Miele, Vorsitzender des Verbands.

Während einige Jungunternehmer sehnsüchtig auf diese Unterstützung hoffen und andere die Krise aussitzen, ist sie für wieder andere ein regelrechter Schub. Lieferdienste wie Flaschenpost oder Durstexpress suchen dringend Personal, weil die Leute viel bestellen. Auch Lehrermarktplatz.de wächst dank Krise kräftig. Über das Portal können Lehrer Unterrichtsmaterial verkaufen oder verschenken. Das Portal kassiert eine Provision. Zuletzt haben sich die Downloads eigenen Angaben zufolge verfünffacht.

Auch Start-ups, die digitale Lösungen für Unternehmen anbieten, könnten mittelfristig Vorteile haben. Dadurch, dass viele Firmen nun erstmals Heimarbeit ausprobieren oder sich anderweitig einschränken müssen, dürfte vielen auffallen, was fehlt. Start-ups können hier ein wichtigste Bindeglied sein, wie startupsagainstcorona.com zeigt. Das Internet-Portal vermittelt ebensolche Probleme weltweiter Großkonzerne an Start-ups, die sich mit der Thematik sowieso beschäftigen. Die sollen das Ganze schneller und unkomplizierter lösen, gerade in Krisenzeiten geht es oft um Geschwindigkeit.

Seit dem Start vor wenigen Tagen sind fast ein Dutzend Konzerne und 100 meist schon etablierte Start-ups dabei, die zusätzliche Kunden an Land ziehen. Wer das zurzeit nicht kann, für den heißt es abwarten und auf Hilfe hoffen.

© SZ vom 25.03.2020

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