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Start-up:Hanf-Handel 

Finn Hänsel, 37, hat in vielen Start-ups gearbeitet. Doch seine neue Cannabis-Firma nennt er sein „Baby“.

Mit 17 kämpfte Finn Hänsel in der Jungen Union für die Entkriminalisierung von Cannabis. Jetzt hat er ein Start-up für Hanfprodukte gegründet

Die Ideen, die man mit 17 Jahren hat, sind nicht unbedingt die, die man 20 Jahre später noch gut findet. Vor allem nicht, wenn sie mit Cannabis zu tun haben. Bei Finn Hänsel, 37, war das anders. Der Flensburger kämpfte schon als Schüler für eine Entkriminalisierung der Blüten. Mit 16 trat er in die Junge Union ein, obwohl sein Elternhaus "unpolitisch bis grün" war. Seine Meinung damals: "Wir können nicht nur über Renten und die Bundeswehr reden, das interessiert keinen Jugendlichen." Also brachte er im Jahr 2002 als Kreisvorsitzender einen "Antrag zur Entkriminalisierung von Cannabis" in den Landestag ein - er wurde abgelehnt.

Es dauerte noch 15 Jahre, bis Cannabis in Apotheken auf Rezept erhältlich wurde, und noch mal zwei bis Hänsel ein Geschäft daraus machte. Jetzt hat er die Sanity Group GmbH gegründet, die auf ihrer Webseite pathetisch ankündigt: "Die europäische Cannabis-Revolution ist jetzt." 1,6 Millionen Euro hat Hänsel eingesammelt, von namhaften Investoren wie Atlantic Food Labs, Holtzbrinck Ventures und Casa Verde, dem Hanf-Fonds des Rappers Snoop Dogg.

Das Vertrauen der Investoren hat Hänsel wohl auch seinem Werdegang zu verdanken: In Berlin gründete er eine Brauerei, in Australien baute er den Zalando-Klon The Iconic auf, beim Inkubator von Pro7 brachte er Start-ups wie Amorelie und Gymondo auf den Weg. Vor allem aber wurde er als der Retter von Movinga bekannt. Das einst gehypte Umzugs-Start-up stürzte 2016 in eine selbstverschuldete Krise, die Gründer mussten gehen, Hänsel wurde Geschäftsführer. Er schloss das Geschäft in sieben Ländern, entließ allein an einem Tag 180 Mitarbeiter. "Sie standen Schlange vor meinem Büro, es war keine einfache Zeit." Zwei Jahre später waren die Verluste von 30 auf sieben Millionen Euro geschrumpft, für 2019 erwartet Hänsel einen Umsatz von mehr als 50 Millionen. Doch wenn er von Movinga spricht, fallen Worte wie "Verpflichtung". Sanity dagegen nennt er sein "Baby." Hänsel sagt: "Ich wollte schon immer selbst gründen, allein: Mir fehlte die Idee." Ende Mai hört er als Movinga-Chef auf und wechselt in den Beirat.

Das neue Start-up will verschiedene Geschäftsfelder rund um das Hanf - nun ja - abgrasen. Eines ist die Belieferung von Apotheken mit den Blüten. Ein Markt, den auch andere Firmen für sich entdeckt haben wie Cansativa, Cannamedical und Farmako. Hänsel gibt sich gelassen; der Cannabismarkt vertrage mehr Wettbewerber als der Umzugsmarkt. Sanity habe bis zu 80 Tonnen von Zulieferern aus verschiedenen Ländern zugesagt bekommen für die nächsten fünf Jahre. Der Konkurrent Farmako hatte zuvor 50 Tonnen angekündigt.

Ein anderer Bereich sind Hanf-Produkte. Neben Pillen und Mundsprays mit dem rezeptpflichtigen Tetrahydrocannabinol (THC), dem psychoaktiven Bestandteil der Hanfpflanze, will Hänsel auch frei verkäufliche Kapseln, Sprays und Gels herausbringen, die lediglich Cannabidiol (CBD) enthalten, den Bestandteil der weiblichen Hanfpflanze, der entzündungshemmend und entspannend wirkt. CBD liegt rechtlich in einer Grauzone. Im April durchsuchte die Polizei mehrere Hanf-Läden. Hänsel scheint das nicht abzuschrecken. Er plant auch tabakfreie E-Zigaretten mit CBD - und in den USA auch mit THC. Doch Hänsel will nicht, dass die Produkte nach Kiffer-Kram und "luzidem Traum" aussehen. Also keine bunten Totenköpfe auf der Verpackung, keine Hanfblätter und Rastas. Er zeigt Entwürfe auf dem Handy: einfarbig, medizinisch clean. Auch das gehört zur Mission, die er mit 17 startete: Cannabis aus der Drogenecke holen. Der CDU ist Hänsel übrigens treu geblieben. "Auch wenn immer noch nicht alle Parteifreunde bei dem Thema vor Freude aus dem Stuhl springen."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, einer der Investoren sei Atlantic Internet. Das ist nicht zutreffend.

© SZ vom 03.05.2019
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