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Sonntagsverkauf:Offen für alles

Die Warenhäuser Karstadt und Kaufhof fordern in ungewohnter Eintracht, dass sie an jedem Sonntag öffnen können. Sie wollen damit eine Debatte lostreten.

Die Warenhaus-Rivalen Karstadt und Kaufhof haben ein ungewöhnliches Bündnis geschlossen, um eine gesellschaftliche Debatte über den verkaufsoffenen Sonntag loszutreten. Dazu haben sie in Köln eine Maximalforderung aufgestellt: die komplette Freigabe der Öffnungszeiten am Sonntag. "Das Ziel ist, den Sonntag wieder denen zu geben, denen er gehört: den Kunden, Mitarbeitern und Händlern", sagte Karstadt-Chef Stephan Fanderl. Im gleichen Atemzug betonte er, dass wohl kein Händler ernsthaft erwäge, an 52 Sonntagen im Jahr zu öffnen. Aber er sollte die Freiheit dazu haben, so wie es in vielen Nachbarländern wie beispielsweise in den Niederlanden oder in Polen der Fall sei.

Damit gehen die großen deutschen Kaufhäuser auf Konfrontationskurs mit der Gewerkschaft Verdi und den Kirchen. Diese wollen den Sonntag vom Kommerz freihalten und haben zuletzt vor Gericht in zahlreichen Städten im gesamten Bundesgebiet verkaufsoffene Sonntage gekippt. Karstadt und Kaufhof haben mit Bedacht die Stadt Köln für den Start ihrer Initiative gewählt. Von insgesamt 30 anberaumten verkaufsoffenen Sonntagen in den kommenden Jahren sind hier nach Klagen von Verdi nur noch vier außerhalb der Innenstadt übrig geblieben.

Die Warenhäuser haben mehr als 20 Prozent des Umsatzes an Sonntagen verloren

Verdi und die Kirchen berufen sich in ihren Klagen in der Regel auf das Grundgesetz. Darin wird der Sonntag als arbeitsfreier Tag geschützt. Er soll der "seelischen Erbauung" dienen. Was das genau bedeute, solle neu interpretiert und gegebenenfalls den tatsächlichen Lebensgewohnheiten der Menschen angepasst werden, forderte Kaufhof-Manager Armin Devender. Gleichwohl wollen vorerst weder Kaufhof noch Karstadt vor das Bundesverfassungsgericht ziehen. Das höchste deutsche Gericht hatte bereits 2004 und 2009 gegen eine Lockerung der Sonntagsöffnung gestimmt.

Fanderl sagte, dass es nicht um höhere Gewinne gehe, sondern um Gleichbehandlung respektive weniger Diskriminierung im Vergleich zu Bahnhöfen, Flughäfen oder dem Online-Handel, für die keine Restriktionen gelten. Für den stationären Handel greifen hingegen Landesgesetze, die unterschiedlich ausfallen, aber in der Regel vier verkaufsoffene Sonntage pro Jahr vorsehen. Seit der "Klagewelle" von Verdi gebe es nicht einmal dafür Rechtssicherheit. Karstadt und Kaufhof hätten jeweils etwa 20 Prozent Umsatz an Sonntagen eingebüßt. In den nächsten Jahren würden die Einbußen noch höher ausfallen.

Aber wollen die Menschen überhaupt sonntags einkaufen? Die Warenhaus-Manager sind davon überzeugt. Viele Verbraucher aus Nordrhein-Westfalen würden sonntags zum Shoppen ins niederländische Roermond fahren oder von Brandenburg nach Polen. Dadurch würden die grenznahen deutschen Städte Umsatz und Kundschaft verlieren.

Der Initiative "Selbstbestimmter Sonntag" gehören neben Karstadt und Kaufhof auch die Luxuskaufhäuser der Kadewe Group an: das Kadewe in Berlin, das Alsterhaus in Hamburg und der Oberpollinger in München; außerdem mit Unibail und ECE zwei Betreiber von Einkaufszentren sowie ein großer Lebensmittelhändler, der anonym bleiben will. Manche Händler zögern an die Öffentlichkeit zu treten, weil das Thema politisch und gesellschaftlich umstritten ist. Andere wollen sich nicht exponieren, weil derzeit in vielen Ländern Tarifverhandlungen anstehen.

In einem zweiten Schritt will sich das Bündnis an Parlamentarier in Bund und Ländern wenden, um der Debatte Schwung zu verleihen. Der Vorstoß ist mit dem Handelsverband HDE abgesprochen, aber verbandsintern doch umstritten. Vor allem mittelständische Händler sind aus Kostengründen eher gegen eine Sonntagsöffnung. Der HDE vertritt deswegen eine moderatere Position und favorisiert einen runden Tisch aller Beteiligten. Karstadt und Kaufhof wollen hingegen aktiv mitreden und nicht mehr nur Verdi und den Gerichten zuschauen.

© SZ vom 30.05.2017
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