Silicon Beach:Vulkanisierte Achtecke

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(Foto: Bernd Schifferdecker)

Sport und Technik gehen bei den Olympischen Spielen in Tokio eine interessante Symbiose ein - für Zuschauer und Athleten. Es geht um Rekorde, aber auch darum, all diese außerweltlichen Leistungen ein bisschen zu verstehen.

Von Jürgen Schmieder

Und natürlich muss man, als Elaine Thompson-Herah bei den Olympischen Spielen in Tokio die Ziellinie überquert, an diesen unvergessen Werbespot von Regisseur Spike Lee mit Basketballlegende Michael Jordan denken und diesen Satz: "Is it the shoes?" Also: Liegt es womöglich an diesen Schuhen, dass Jordan den Regeln der Schwerkraft entsagt? Die Jamaikanerin Thompson-Herah brauchte über die 100 Meter exakt 10,61 Sekunden, sie brach damit den Olympischen Rekord der Amerikanerin Florence Griffith-Joyner, aufgestellt 1988 in Seoul, um eine Hundertstelsekunde, und sie trug dabei nicht zufällig ein Modell des Ausrüsters, der bereits bei Jordan fragte, ob die Schuhe etwas mit außerweltlichen Leistungen zu tun haben könnten. Die Firma Mondo im italienischen Alba könnte auch fragen: Ist es vielleicht das Hexagon? Seit 1976 in Montréal ist Mondo verantwortlich für die Laufbahnen bei Olympischen Spielen.

Sport und Technik gehen bei den Olympischen Spielen in Tokio eine interessante Symbiose ein, für Zuschauer und Athleten übrigens, und nirgends wird das so sichtbar wie auf der Laufbahn des Olympiastadions - die 400-Meter-Finalläufe am Donnerstag (Männer) und Freitag (Frauen) sind die nächsten Kandidaten für Rekorde. Diese Bahn im Olympiastadion ist so konstruiert, dass sie Bestmarken begünstigt und womöglich gar provoziert. "Puh, das Ding ist schnell. Sehr schnell", sagte der Amerikaner Clayton Murphy, bevor er im 800-Meter-Finale lief: "Es kann sein, dass man nur mit Weltrekord gewinnen wird."

Das Unternehmen Mondo rühmt sich damit, dass mittlerweile mehr als 280 Lauf-Weltrekorde darauf erzielt worden sind; und es scheint, als käme bei jeder Veranstaltung ein neues Detail hinzu. 2008 in Peking wurden noch Quadrate verwendet, vier Jahre später in London waren es Karos. Der Mensch rennt ja beim Vorwärtslaufen nicht vorwärts, sondern stets leicht seitwärts - mit dem linken Fuß drückt er sich leicht nach rechts und umgekehrt. Nun hat Mondo längliche Achtecke entwickelt, um den Druckpunkten der Sprinter und deren Laufrichtung noch stärker gerecht zu werden. Der vulkanisierte Gummi an der Oberfläche soll den Grip optimieren, kleine Luftpolster darunter jeweils den Druck beim Aufsetzen der Füße auffangen und wie Mini-Trampoline funktionieren.

Die Bahn wurde bereits im Herbst 2019 installiert, damit sie einige Monate lang an die schwüle Hitze in Tokio angepasst werden konnte; die Verlegung der Spiele wegen der Covid-Pandemie habe ihr nicht geschadet, im Gegenteil, heißt es. Die Oberfläche ist dreidimensional verformbar, vereinfacht ausgedrückt: Sie schiebt die Sprinter ein klein wenig in die Richtung, in die sie möglichst schnell laufen wollen - also zum Beispiel in den Kurven, es wird ja gegen den Uhrzeigersinn gelaufen, nach links.

Das Stadion in Tokio übrigens ist so konstruiert, dass der Wind vom Dach gestoppt oder so kanalisiert wird, dass es perfekte Bedingungen für regelkonforme Rekorde geben soll - das war übrigens auch schon 2012 in London so. Es steckt also jede Menge Wissenschaft und Tüftelei in den Sportstädten und in der Ausrüstung der Athleten - und das führt zurück zu den Schuhen von Thompson-Herah.

Silicon Beach: Elaine Thompson-Herah nach dem 200-Meter-Lauf am Montag.

Elaine Thompson-Herah nach dem 200-Meter-Lauf am Montag.

(Foto: Petr David Josek/AP)

In deren Sohle wurde ein Schaum eingearbeitet, der beim Auftreten Energie zurück an den Fuß geben und wie eine Mini-Sprungfeder funktionieren soll. Wenn die Zuschauer also die grandiosen Leistungen der Athleten bewundern, sollten sie immer auch daran denken: Sind es die Schuhe oder die Achtecke?

Die drei tollsten Tech-Details bei diesen Spielen für die TV-Zuschauer sind übrigens: Pulsanzeige bei den Bogenschützen, die Referee-Kamera-Perspektive bei prägenden Momenten im Hockey und die 3-D-Analyse in der Leichtathletik, bei der sich die Tech-Konzerne Intel und Alibaba zusammengetan haben und zeigen, wie sich etwa die Geschwindigkeit beim 400-Meter-Lauf verändert und wann Top-Speed erreicht wird.

Sportler übrigens hören es gar nicht gerne, wenn jemand behauptet, dass irgendwas anderes als sie selbst schuld sein könnte an Medaillen und Bestleistungen. Thompson-Herah etwa sagte nach ihrem Weltrekord-Lauf: "Schuhe und Bahn spielen keine Rolle. Was eine Rolle spielt: mein Training."

© SZ
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