Siemens und die Mitarbeiterdaten:Intimes aus München

Ausgelagertes Wissen: Siemens lässt sensible Personaldaten künftig von einem US-Unternehmen verwalten. Dabei bietet eine interne Sparte denselben Service.

Thomas Fromm

Es geht um sensible Fragen. Zum Beispiel, was genau im letzten Personalgespräch zwischen Mitarbeiter und Chef besprochen wurde. Wann das nächste Personalgespräch fällig ist. Die nächste Gehaltserhöhung. Die nächste Beförderung. Mögliche und unmögliche Karriereschritte, Stärken und Schwächen.

Siemens, ddp

Siemens lässt Daten zur Personalentwicklung von einem US-Unternehmen verwalten. Die Arbeitnehmer sorgen sich um die Informationssicherheit.

(Foto: Foto: ddp)

Wird der Kollege ins Ausland geschickt? Oder könnten seine Tage im Unternehmen gezählt sein? All das ist Teil der Personalentwicklung, wie sie jedes größere Unternehmen durchführt.

Die Daten zur Weiterbildungs- und Karriereplanung, die dabei entstehen, sind sensibel, denn sie betreffen Persönliches - und vor allem auch Geschäftliches. Auch Siemens, ein Weltkonzern mit 420.000 Mitarbeitern in 80 Ländern beobachtet seine Mitarbeiter und deren Entwicklung genau.

Vom 1. Oktober an sollen die Ergebnisse dieser Arbeit extern aufbewahrt werden. Das kalifornische IT-Unternehmen Success Factors, ein auf Personalmanagement spezialisierter Anbieter, soll sich künftig um den sensiblen Teil der Datenverwaltung kümmern.

"Folgen schwer zu überschauen"

Nicht zuletzt wegen der jüngsten Datenschutzskandale - etwa bei der Telekom oder der Bahn - sieht man die Auslagerung im Konzernbetriebsrat mit großer Skepsis. "Die Folgen eines solchen Schritts sind schwer zu überschauen", heißt es aus der Arbeitnehmervertretung.

Daten Hunderttausender Siemensianer lägen nun auf einem holländischen Server, der von den USA aus verwaltet werde - die "Crème-de-la-Crème von Siemens" könne nun "mit einem Griff abgeschöpft werden", denn schließlich sei sie nun auf einer Datenbank vereint.

Das Konzernmanagement dagegen versteht die Aufregung nicht. Bei der Entscheidung, den Auftrag an einen US-Dienstleister zu geben, hätten "verschiedene Faktoren eine Rolle gespielt". So habe man die 30 führenden Anbieter am Markt gründlich analysiert und einige von ihnen bei einem Pilotprojekt überprüft.

Auswahlkriterium Datenschutz

Dabei hätten vor allem Themen wie Datenschutz und Informationssicherheit von Anfang an eine wesentliche Rolle gespielt. Die Sorge bei den Arbeitnehmern bleibt. "Das ungute Gefühl, dass sich beispielsweise die US-Behörden über den Datenschutz hinwegsetzen könnten, ist da", heißt es im Betriebsrat.

Und in einem Online-Forum der IG Metall für Siemens-Mitarbeiter heißt es: "Nach Verständnis des Gesamt- und Konzernbetriebsrats haben in den USA entsprechende Behörden mehr oder minder freien Datenzugang."

Eine Ausnahme ist die Entscheidung des Münchner Technologiekonzerns nicht: Tatsächlich ist es in Großunternehmen schon längst an der Tagesordnung, die Bearbeitung von Daten zum Personalmanagement an externe Dienstleister auszugeben. Vor allem, wenn diese Konzerne international tätig sind, sei dies "effizient", heißt es bei Siemens.

Interne IT-Sparte ausgestochen

Dennoch bleibt eine Frage offen: Siemens selbst verfügt über eine eigene Sparte, die solche IT-Lösungen anbietet: Siemens IT Solutions and Services, kurz SIS. Über den Dienstleister wurde das Datenmanagement bislang abgewickelt - offenbar aber galt das Angebot der Amerikaner als interessanter.

"SIS hätte Geld in neue Entwicklungen investieren müssen, da war das externe Angebot günstiger", wissen Arbeitnehmerkreise zu berichten. Auch wenn nun an die 20 Arbeitsplätze verloren gehen könnten.

Pikant an der Sache: Die Siemenseigene IT-Sparte hat selbst auf einem schweren Markt zu kämpfen; immer wieder gab es Gerüchte, sie könnte verkauft werden. Die Autoren der IG Metall schreiben dazu: Künftig werde der Service wohl "schwer zu vermarkten sein". Denn wer kaufe "schon von einem Bäcker Brötchen, die dieser selbst nicht isst?"

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: